Es geht weiter – Taiwan
Es geht weiter – Taiwan

Es geht weiter – Taiwan

Lesedauer 6 Minuten

In wenigen Tagen steige ich in ein Flugzeug nach Taiwan. Allein dieser Satz fühlt sich noch nicht ganz real an. Keine neun Monate ist es her, dass dieser Gedanke zum ersten Mal in meinem Kopf aufgetaucht ist. Damals noch vage, fast schüchtern. Heute ist es mehr als ein Gedanke — es ist ein Ticket, ein Hotel, ein Datum. Wie immer bei mir bleibt es nicht beim Träumen. Wenn ein Traum da ist, dann lebe ich ihn.

Ein neuer Traum

Und dieser Traum, Taiwan, stammt aus einer Zeit, in der ich meinen Lebenstraum bereits gelebt habe. Aus einer Zeit, in der ich in Japan gelebt habe. Wer diesen Blog oder mich kennt, weiß, dass dieser Blog ursprünglich genau davon erzählt hat. Von meinem Alltag, meinem Leben, den unzähligen Erfahrungen, von meinem Ankommen in Japan. Inzwischen haben sich meine Wege erweitert. Asien ist größer geworden. Taiwan und Südkorea sind dazugekommen. Nicht, weil Japan an Bedeutung verloren hätte, ganz im Gegenteil, sondern weil mein Herz offenbar Platz für mehr hat. Und mein Ziel auszuwandern, für immer in Japan zu leben, verfolge ich genauso zielstrebig weiter wie all meine anderen Träume. Aber bevor ich den nächsten und größten Schritt meines Lebens Wirklichkeit werden lasse und tatsächlich auswandere, möchte ich etwas Verrücktes tun. Vielleicht sogar etwas Notwendiges. Etwas, das mir noch einmal zeigt, warum ich diesen Weg überhaupt gehe. Warum ich all das durchhalte, warum ich mich immer wieder bewege, statt stehenzubleiben.

Deshalb reise ich jetzt nach Taiwan. Nicht als Ausreißer, sondern als Teil eines Weges. Im Juli werde ich für einen Monat nach Japan zurückkehren, dorthin, wo so vieles begonnen hat, und Shohei besuchen, meinen ersten Vermieter in Japan, der längst mehr ist als das und heute ein fester Teil meines Lebens ist, mit dem ich fast täglich kommuniziere. Und im Dezember führt mich dieser Weg weiter nach Südkorea.

Diese Reisen stehen nicht für Unruhe. Sie stehen für Klarheit. Für das Sammeln von Momenten, Erfahrungen und Begegnungen, bevor ich mich endgültig festlege. Bevor ich bleibe. Bevor ich ankomme.

Die letzten zwei Monate waren alles andere als romantisch. Aufenthalte im Krankenhaus. Operationen. Mehrmals. Mein Körper hatte offenbar mal wieder andere Pläne als ich. Warum das Leben mir immer wieder solche Prüfungen in den Weg legt, weiß ich nicht. Aber ich habe diese Challenge vor vielen Jahren angenommen. Jeder Stein, der mir hingelegt wird, kommt mit. Ich nehme ihn auf, schleife ihn und baue etwas daraus. Manchmal dauert das. Manchmal tut es weh. Aber Aufgeben stand nie auf dem Plan. Auch wenn der Gedanke daran sich hin und wieder einschleicht. Wenn Prüfungen sich anfühlen wie Schläge in den Magen. Ja, dann denke auch ich ans Aufgeben. Aber Asien fängt mich immer wieder auf. Dafür lebe ich. Meine Reisen holen mich aus diesem Loch namens Aufgeben heraus. Also los. Weiter geht’s.

Warum Taiwan?

Nicht, weil es exotisch klingt. Nicht, weil es gerade „angesagt“ ist. Ich hatte Taiwan irgendwo im Hinterkopf, so wie viele andere Länder auch. Indonesien. Vietnam. China. Peru. Wunderschöne Orte, ohne Frage. Aber Taiwan wurde plötzlich real, weil dort ein Mensch ist.

Während meiner Zeit in Japan habe ich über eine Online Sprachlernplattform Jessie kennengelernt. Sie war wie ich, voller Träume, Hoffnung und Tatendrang. Während ich nach Japan gegangen bin, um dort zu leben, verließ sie ihre Heimat und zog nach Deutschland. Ihr Traum war und ist es, eines Tages hier Wurzeln zu schlagen. Das, was Japan für mich ist, ist Deutschland für Jessie. Du ahnst es schon, ursprünglich kommt sie aus Taiwan. Und wie es bei mir immer ist 😅 Wenn mir ein Mensch auf irgendeine Weise begegnet und mich berührt, beginne ich, mich für seine Herkunft, seine Geschichte und das Land dahinter zu interessieren. Nicht oberflächlich, sondern mit echtem Interesse — bis ich in diesem Land aufwache 🇹🇼

Ein paar Wochen später sagte ich den Satz, der bei mir selten folgenlos bleibt: Ich komme nach Taiwan. Gesagt. Getan. Flug gebucht. Hotel gebucht. Ein bisschen Mandarin gelernt. Der Rest ergibt sich.

Los geht’s

Ich wohne diesmal in einem Hotel im Bezirk Datong in Taipeh. Normalerweise liebe ich es, mir direkt eine Wohnung zu suchen. Ein Zuhause auf Zeit. In Japan war es genau das Richtige, sich um Müll, Wäsche und Alltag zu kümmern, so zu leben wie die Einheimischen. Aber diesmal will ich reisen. Ein Abenteuer erleben. Ankommen, ohne etwas beweisen zu müssen. Zurückkehren an einen Ort, der einfach da ist. Sicherheit darf auch ein Anker sein.

Von hier aus werde ich also jeden Morgen losziehen. Oder mitten in der Nacht 😂 Ohne festen Plan, nur mit groben Richtungen. Orte, die ich erleben will, nicht abhaken. Das Treasure Hill Artist Village, der Liberty Square, der Yanping Riverside Park, das A-Mei Tea House und der Sonne-Mond-See. Orte, deren Namen allein schon Bilder erzeugen, auch wenn ich noch kaum etwas über sie weiß.

Noch stärker ziehen mich Orte an, deren Namen klingen wie ein Versprechen. Jiufen, Tainan, Kaohsiung, Taitung, Xiulin, Xincheng und die Sanxiantai Arch Bridge. Ich werde in Züge steigen, ohne zu wissen, was mich erwartet. Und genau das ist der Punkt. Genau das ist es, was dieses Kribbeln in meinem Körper auslöst und mir Tränen der Freude in die Augen treibt.

Hoch hinaus

Wer mich kennt, weiß auch, dass ich eine Sache fast genauso liebe wie Asien selbst. Hohe Gebäude. Türme. Skylines. Taiwan enttäuscht mich da nicht. Und natürlich gibt es da einen Ort, an dem ich definitiv stehen werde. Ganz oben. Im Taipei 101, genauer gesagt auf dem Skyline 460. Keine Scheibe, kein Filter, kein Abstand. 460 Meter über der Stadt, auf dem Dach eines der ikonischsten Türme Asiens. Unter mir Taipeh, das Leben, die Bewegung, das Chaos und die Ordnung zugleich. Vor mir der Himmel, die Weite, der Wind. Für mich ist das kein Aussichtspunkt, sondern ein Moment des Innehaltens. Ein Blick von oben, bevor es wieder hinunter geht, zurück ins pulsierende Leben der Stadt. Es wird Bilder geben. Viele Bilder 😂

Ein Teil meiner Vorfreude kommt aus etwas Unerwartetem: Geschichte. Taiwan war fünfzig Jahre unter japanischer Herrschaft. Spuren davon sind bis heute sichtbar. Menschen, Einheimische, die Japanisch sprechen. Schilder, auf denen neben traditionellem Chinesisch auch Japanisch steht. Als ich mich durch Dokumentationen und Google Street View bewegt habe, fühlte sich manches plötzlich vertraut an. Sprache kann ein Anker sein. Auch wenn ich Japanisch besser lese als spreche. Es nimmt Angst. Es gibt Halt.

Vieles wird sich vertraut anfühlen. Und vieles vollkommen neu. Genau darauf freue ich mich. Auf diese Mischung aus Wiedererkennen und Staunen.

Ein wenig Magie

Und dann ist da noch diese urbane Magie. Alte Häuser. Mopeds. Wolkenkratzer. Berge im Hintergrund. Das Meer irgendwo in der Ferne. Tagsüber ein Puls. Nachts ein Neonleuchten, das sich durch die Straßen zieht wie ein lebendiger Organismus. Nachtmärkte. Stimmengewirr. Dampf aus unzähligen Töpfen. Neue Gerüche. Stimmen. Eine Sprache, die ich nicht spreche, und die sich trotzdem wie Musik anfühlt. All das trifft gleichzeitig auf die Sinne. Genau dafür habe ich gearbeitet. Genau dafür halte ich durch.

Ich glaube, Taiwan könnte etwas in mir auslösen, das ich so nur aus Japan kenne. Vielleicht anders. Vielleicht leiser. Vielleicht genauso tief.

Verspieltes Asien

Als ich mich mit Google Maps durch Taiwan bewegt habe, ziellos, neugierig, fast wie ein digitales Umherstreifen vor der eigentlichen Reise, ist mir etwas aufgefallen. In einer Region im Süden, rund um Kaohsiung, war plötzlich alles anders. Das kleine Street-View-Männchen war kein gelbes Männchen mehr. Es war ein Anime-Mädchen.

Das hat einen ganz realen Hintergrund. Google hat dort eine eigene Pegman-Figur (so hießt die Streetview-Figur) eingesetzt, inspiriert von lokaler Popkultur, von Events und dieser sehr taiwanischen Selbstverständlichkeit, Technik nicht nur funktional, sondern auch verspielt zu denken. Nicht alles muss neutral sein, nicht alles gleich aussehen. Selbst eine Navigationsfigur darf Persönlichkeit haben.

Es ist nur ein kleines Detail. Aber genau solche Details verraten viel über einen Ort. Dass hier Raum ist für Eigenheiten. Für Leichtigkeit. Für ein Augenzwinkern. Vielleicht war genau das einer der ersten Momente, in denen ich gespürt habe, dass Taiwan anders tickt. Und dass ich dieses Anderssein nicht nur beobachten, sondern erleben will.

In wenigen Tagen bin ich dort.
Und wenn du möchtest, nehme ich dich wie immer mit. Schritt für Schritt. Gefühl für Gefühl.

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