Jede Reise ist eine neue Stecknadel auf meiner inneren Landkarte, ein mir unbekannter Ort, den ich voller Freude erwarte zu durchleben. Taiwan war leider kein Land, in das ich mich verliebt habe, aber wir sind gute Freunde geworden – vielleicht sogar mehr. Diese Insel im Pazifik ist nun ein fester Koordinatenpunkt in meinem inneren Weltmodell. Ich weiß jetzt, wie die Luft riecht, wie die Sprache klingt, wie der Kaffee am Morgen schmeckt. Ich habe den Regen auf meiner Haut gespürt, die Wärme der Sonne gefühlt und wirklich verrückte Nächte durchgemacht. Ich saß in leeren und in vollen Zügen, die mich jedes einzelne Mal an einen unbekannten Ort getragen haben.
In mir ist wirklich viel passiert. Farben, Gerüche, Töne und Momente mit und zwischen neuen Menschen. Alles ist noch ungeordnet in mir, hat sich noch nicht gesetzt, ist noch nicht gefiltert. Es fühlt sich an, als würde noch alles gleichzeitig wirken. Fast 2.000 Augenblicke habe ich in Bildern und Videos festgehalten, um sie später noch einmal zu fühlen. Wenn ich sie in ein paar Tagen mit Freunden und meinen Liebsten anschaue, werden sie nicht sagen „Oh, schönes Foto“, sondern vielleicht für einen Augenblick verstehen, warum mein Blick sich verändert hat.
Meine Art
Diese Reise war voll mit Aktivitäten, die viele wahrscheinlich nicht als Urlaub bezeichnen würden. Natürlich habe ich bedeutende Orte gesehen. Das Chiang Kai-Shek Memorial, Ximending und Zuoying. Ich war am, im und auf dem Taipei 101, ebenso habe ich die Tiger- und Drache Pagoden besucht. Aber das war nicht der Kern meiner Reise.
Was ich gemacht habe, war etwas anderes. Ich habe hier kurz gelebt, nur ohne Bürokratie und ohne die Verpflichtung arbeiten zu müssen. Mein Ich hat sich durch Taiwan bewegt, nicht nach Empfehlungen, sondern nach Gefühl. Von meiner Unterkunft aus habe ich mich beinahe sternförmig ausgebreitet. Jeden Tag andere Straßen, weiter entfernte Orte. Ich wählte sie danach aus, wie sie klingen. Ja, ich meine das genau so. So wie wir eine Stimme hören und sofort ein Bild zu diesem Menschen im Kopf haben, habe ich das mit Ortsnamen. Ich höre oder lese einen Ortsnamen und wenn ein Bild in mir entsteht, dann steige ich aus und schau ihn mir an. In Japan fand ich so Hamura. In Taiwan war es Shalun. Beide Namen tragen Gewicht in mir, beide haben etwas in mir berührt, das ich nicht erklären kann.
Manchmal saß ich im Zug und hatte keine Lust Zuhause anzukommen. Dann bin ich einfach ausgestiegen, sobald sich eine Station richtig anfühlte. Eine fremde Plattform, fremde Stimmen, ein anderer Rhythmus. Auf diese Art habe ich mich durch ein Land bewegt, das ich nicht verstehen, sondern spüren wollte.
Ich kann viele Fragen später nicht beantworten, weil ich keine Instagram-Reise gemacht habe. Nein, ich war nicht am Elefantenberg. Ich war nicht im Longshan-Tempel. Und nein, ich war auch nicht auf dem Shilin-Nachtmarkt. All das ist mit Sicherheit wunderschön anzusehen. Aber was würde ich dort tun? Kopien anfertigen von Dingen und Orten, die ich schon hundertmal im Internet gesehen habe. Ich stand auf dem Taipei 101, 460 Meter über der Erde, vollkommen alleine. Ich muss diesen Tower nicht vom Elefantenberg fotografieren, nicht in einer Schlange aus Menschen stehen, die ein ums andere Mal dasselbe Bild aus derselben Perspektive festhalten, nur für diesen kurzen „Ich war auch hier“-Moment.
Das soll kein Vorwurf sein. Jeder reist durch ein Land, wie es sich für ihn richtig anfühlt. Viele lieben genau diese Orte, und das ist vollkommen in Ordnung. Ich merke nur, dass ich mich oft erklären muss, warum ich an bestimmten Orten nicht war. Warum ich nach Taiwan reise aber dann nicht dahin oder dorthin gehe. Nicht aus Trotz oder Bequemlichkeit, sondern weil mir diese Orte schlicht nichts geben. Sie lösen nichts in mir aus, keine Neugier, keine Bewegung. Und dann gehe ich lieber woanders hin.
Ich war in Ningxia, in Hongshulin und zum Glück in Shalun. Orte ohne große Geste, nicht unbedingt Postkartenmotive, aber mit eigenem Rhythmus. Ningxia nachts, so dicht und lebendig. Ein Ort, an dem man bleibt, statt weiterzugehen. Hongshulin mit Weite und Luft, Übergangszonen zwischen Stadt und Natur, absolut spektakuläre Mangrovenwälder am Rand der Stadt. Man sieht aus den Mangroven heraus die Wolkenkratzer der Stadt, wie Bäume in den Himmel ragen. Diese Ironie!
Es gibt kein Foto von mir vor der Glasfassade des Taipei 101, dafür eines, wie ich in 460 Metern Höhe am Rand des Towers stehe. Allein, ohne Kulisse, losgelöst von allem. Die fünfzig Minuten, die ich dort verbringen durfte, waren buchstäblich atemberaubend. Die Höhe ist extrem surreal, die Weite unvorstellbar. Und der Wind, der mich nicht leise, sondern laut und kräftig umarmt hat, bekommt in dieser Höhe auf freier Fläche eine ganz andere Bedeutung.
Der THSR, dieser weiß-orangefarbene Wurm, der sich in Windeseile durch die Insel frisst, brachte mich ans andere Ende des Landes. Doch nicht etwa nach Tainan, einen Ort, den man unbedingt gesehen haben muss, sagt man. Die „süße“ Stadt, zumindest was das Essen angeht. Kaum ein Ort ist berühmter für zuckerhaltige Speisen und Desserts. Aber ich war nicht dort. Ich war in Kaohsiung, an der Music Hall, im FOCUS13 Coral Plaza, der neuen Bay Area. Große Flächen, moderne Linien, viel Raum, der noch sucht, was er sein will. Ein Ort, der noch nicht weiß, dass er einmal berühmt sein wird. Dass sich genau dort hunderte Menschen verlieben werden, erste Dates haben, Träume wahr werden und wieder platzen.
Mein Herz hat Orte gefunden, wie einst Hamura in Japan. Hier heißt dieser Ort Shalun. Weit draußen, still, fast leer. Nur das Meer und ein Ort, der nichts will und genau deshalb wirkt. In einer Stadt, die sich selbst noch aufbaut und nicht weiß, was einmal aus ihr wird. Ich saß bis spät in die Nacht in einer Craft-Beer-Bar, in der Katzen frei herum liefen und sich manchmal an mich schmiegten. Keine Attraktion, kein Instagram. Nur ein Abend mit viel Bier, neuen Menschen und Momenten, die geblieben sind.
Ich könnte ewig so weiterschreiben, von meinem Tag mit meiner Freundin aus Taiwan erzählen. Von dem süßen Teehaus, den Wäldern in Jiufen, die seit Jahrzehnten niemand mehr gesehen hat, den Grasslands und Ruifang. Aber ich möchte jetzt über etwas anderes schreiben.
Die andere Seite
Leider gehört auch das dazu. Die andere Seite, die mein Herz leider nicht erreicht hat. Vieles in Taiwan wirkt kaputt oder einfach vergessen. Attraktionen funktionieren nicht mehr oder wirken vergammelt. Ja, dass Wort klingt nicht schön aber ehrlich. Am Fluss in Bitan ist der zu Tretbooten in Schwanenoptik gepresste Kunststoff von Algen überwuchert, die einst weißen Schwäne schimmern grün bis braun und treiben am Flussufer. Und dennoch ist der Andrang groß.
Manches sieht aus, als hätte man es irgendwann aufgegeben, ohne es wirklich loszulassen. Da war ein Brunnen im Regierungsviertel. In der Mitte eine verbogene Fontäne, die nicht mehr gerade nach oben wollte. Die Wasserpumpen rundherum leuchteten bunt, aber nicht mehr alle. Es wirkte nicht arm, sondern müde. Wir haben es gebaut und erst wenn es ganz kaputt ist, machen wir es neu. Solange bleibt es, wie es ist.
Überall Baustellen. Überall Lärm. Müll, der liegen bleibt. Alles scheint sich ständig im Umbau zu befinden und doch nie fertig zu werden. Abends wird vieles früh dunkel. Beleuchtungen, die auf Fotos strahlt, ist in Wirklichkeit oft ausgeschaltet. Ganze Fassaden bleiben schwarz, Straßenzüge verschwinden. Es fühlt sich an, als würde man Strom sparen wollen oder müssen, als wäre Licht etwas, das man sich nicht mehr leisten will oder nicht mehr braucht. Orte wirken dadurch trist und lieblos, obwohl Menschen da sind. Einheimische haben dagegen eine gänzlich andere Sicht. Jessie, eine Freundin, die hier lebt und aufgewachsen ist, erzählte mir einmal, dass sie die Straßen in Japan nachts als zu dunkel empfindet. Sie war gerade in Ōsaka für ein Konzert. Ich las ihre Nachricht, während ich mich mitten in Taipei durch eine stockfinstere Straße kämpfte. Es kommt eben immer auf den Blick an, mit dem man durch ein Land geht.
Und irgendwann war da dieses Gefühl, das sich nicht mehr verbiegen ließ. Es ist einfach oft langweilig. Nicht laut, nicht offensichtlich, sondern schleichend. Manche Stadtzentren sehen auf den ersten Blick beeindruckend aus. Moderne Wolkenkratzer, viel Glas, klare Linien. Aber das war es dann auch. Man bleibt stehen, schaut hoch und merkt schnell, dass nichts zurückkommt. Man kann nicht hinauf. Es gibt keine Aussichtsplattformen, keine Rooftops, keine Dachgärten, keine Orte, an denen man verweilen möchte. Alles bleibt auf Distanz. Fassaden ohne Zugang. Im Regierungsviertel war präzise genau nichts. Große Flächen, breite Straßen, aber kaum Menschen, kein Leben, keine Idee davon, was dort passieren soll. Es fühlt sich an wie ein Ort, der existiert, weil er existieren muss, nicht weil jemand ihn nutzen will.
Das sieht natürlich alles anders aus, wenn man Taiwan zu bestimmten Zeiten im Jahr besucht. Das Christmasland im Regierungsviertel ist berühmt und die Fotos davon sahen wunderschön aus. Es gibt viele Feste, wie das baldige Fest zum Mond-Neujahr. Dann werden diese Orte kaum wiederzuerkennen sein. Stände, Musik, Licht und Menschen werden die Straßen und Plätze beinahe überfüllen. Aber jetzt? Jetzt ist da einfach nichts.
Vieles wirkt nie zu Ende gedacht. Dinge stehen herum, funktionieren noch irgendwie, aber ohne Sorgfalt. Ohne Stolz. Alles scheint in einem Zustand zu verharren, in dem man sagt, es reicht schon noch. Und genau das macht es schwer, sich damit zu verbinden. Es fehlt die Geste, die sagt, dass dieser Ort geliebt wird. Dass jemand möchte, dass man bleibt, schaut und sich erinnert.
So entsteht zumindest in mir dieser Eindruck von Lieblosigkeit. Nicht aus Ablehnung, sondern aus Abwesenheit. Alles ist da, aber nichts lädt ein. Es gibt kaum Bars oder Cafés mit Außenbereichen. Jessie sagte einmal zu mir „Wir sitzen nie draußen. Es ist entweder zu warm oder zu kalt, drinnen ist es angenehmer.“ Mir ist bewusst, dass mein Beitrag klingt, als würde ich Taiwan nicht mögen, jeden Bereich auseinanderreißen. So meine ich das aber auf keinen Fall. Ich wollte nur nicht vierzehn Stunden um die halbe Erde fliegen, um dann an jedem Ort in einem Gebäude zu sitzen. Draußen zu sein gehört für mich zum Unterwegssein dazu und hier wäre so unglaublich viel Potential. Aber Taiwan wurde ja nicht für mich aus der Erde gehoben, das ist mir schon klar. Andere Länder, andere Sitten, wie es so schön heißt. Ich habe versucht zu recherchieren, ob es nur mir so geht und war erstaunt festzustellen, dass ich mit dieser Meinung ganz und gar nicht alleine bin. Eine wie überall in Asien alternde Gesellschaft und die neuen Generationen, die ihre Zeit tatsächlich lieber indoor und mit dem Smartphone verbringen, prägen diese „Langeweile“, die sich langsam über das Land zu legen scheint. Vielleicht war genau deshalb eines der besten Erlebnisse dieses Bier am Strand, das ich zum Glück selbst mitgebracht hatte. Denn wie so oft gab es dort … nichts. Keinen Automaten, kein Geschäft, keinen Stand, keine Bude. Nicht einmal ein Eis, keinen Kaffee, keinen Snack. Weder am Strand noch am Hafen noch sonst irgendwo. Einfach nichts.
Geduld und Ruhe
Wer durch Taiwan geht, braucht vor allem zwei Dinge. Geduld und starke Nerven. Alles dauert eine gefühlte Ewigkeit. Das Essen auf dem Nachtmarkt, die Rolltreppen, die sich im Schneckentempo bewegen. Ampeln stehen minutenlang auf Rot, während man den 100 Sekunden beim Runterzählen zusehen kann. Aufzüge sind eher gemütlich und oft existiert sogar nur ein einziger. Man wartet ständig und auf alles. Für manche mag das beruhigend sein. Für mich fühlt es sich leider an, als würde die Zeit selbst zäh werden. Als würde meine Bewegung gebremst, ohne Grund, einfach weil es so ist.
Und dann gibt es da noch diesen allgegenwärtigen Lärm. Es ist laut. Nicht punktuell, nicht gelegentlich, sondern ununterbrochen. Sechzehn Stunden am Tag. Roller, Busse, Motoren, Hupen. Jeder Blinker piepst laut, jede Ampel gibt Geräusche von sich. Selbst kleinste Bewegungen werden vertont. Unterhaltungen im Café passieren laut. Nichts hier passiert leise. Der Lärm liegt überall, wie ein Druck, der nicht nachlässt. Er franst die Gedanken aus, macht müde, reizbar. Irgendwann hört man nicht mehr hin aber man wird ihn trotzdem nicht los. Er ist da, selbst dann, wenn man ihn nicht mehr bewusst wahr nimmt. Und genau das macht ihn so zermürbend. Es gibt keinen Moment, in dem die Stadt innehält. Kein Aufatmen. Keine Stille, in die man zurückkehren könnte.
Und das heißt jetzt?
Taiwan ist zwar ein faszinierender Ort aber kein Ort, der mich antreibt oder auflädt. Dennoch ist es ein Ort, der mich verändert hat. Es ist ein Teil meiner inneren Karte geworden. Und manchmal reicht genau das. Die Fläche auf der Weltkarte ist nun nicht mehr grau, sondern bunt, und ich bin froh, diese Reise gemacht zu haben.
Ob ich jemals wiederkomme? Vielleicht.
Ich weiß inzwischen sehr sicher, dass Japan mein Land ist. Nicht, weil irgendein Ort oder Land in Asien bunter, schneller oder lauter ist als meine Heimat Deutschland, sondern weil es sich für mich stimmig anfühlt. Auch wenn Menschen mich an anderen Orten, die nicht Japan heißen, schneller und ohne die anfängliche Distanz annehmen, auch wenn das Leben einfacher wirkt und weniger festen Regeln folgt, bleibt mein Weg derselbe. Er führt nach Japan. Diese Reise hat daran nichts verändert. Sie hat es bestätigt. Meine Liebe zu Japan ist nicht größer geworden, sondern tiefer. Und genau das fühlt sich richtig an. Ich weiß jetzt, dass ich nicht nur das neue, bunte, große und weite Asien liebe, sondern wirklich Japan.
Gleichzeitig habe ich in Taiwan etwas sehr Wertvolles gefunden. Menschen. Freundschaft. Echte Freundschaft. Meine Zeit mit Jessie war besonders. Wir kennen uns schon lange, aber erst in Taiwan sind wir uns wirklich begegnet. Nicht mehr nur als Stimmen oder Nachrichten in einem Chat, sondern als zwei Menschen, die Zeit teilen. Tage, Gespräche, Lachen, Stille.
Uns verbindet der Wunsch, unsere Herkunft hinter uns zu lassen, um woanders ein neues Leben aufzubauen. Sie zieht es nach Deutschland, mich nach Japan. Unsere Ziele liegen weit auseinander und doch entspringen sie derselben Sehnsucht. Genau darin liegt unsere stärkste Verbindung. Unser gemeinsamer Antrieb ist unser innigster Wunsch.
谢谢台湾。
Danke Taiwan, für all die Momente, die du mir geschenkt hast. Dafür, dass du mich genommen hast, wie ich bin.
