Taiwan – Zwischen Liebe und Leere
Taiwan – Zwischen Liebe und Leere

Taiwan – Zwischen Liebe und Leere

Lesedauer 9 Minuten

Das wird definitiv ein ABER-Artikel. Einer, der ein Fazit in sich trägt, das ich mir erhofft habe – und das mir trotzdem die Tür offen gelassen hat, nicht endgültig zu sein.

First things first: ICH LIEBE TAIWAN.

ABER

Es ist nicht so, dass man in Taiwan Hunger leiden müsste. Ganz im Gegenteil. Sicherlich findet hier nicht jede westliche Seele etwas, das sie problemlos durch den Tag bringt, auch wenn die Straßen – ganz gleich, an welchem Ort man sich befindet – vor Restaurants, Bubble-Tea-Shops und Streetfoodständen überquellen. Dennoch ist gefühlt alles entweder Suppe, Fleisch, Dim Sum oder Nudeln und alles ist irgendwie süß. Das ist natürlich überzogen, aber für die westliche Schnute – und ich meine jetzt ausnahmsweise mal nicht mich – gibt es hier relativ wenig „Einfaches“ und „Leichtes“. Einen Salat zu finden oder etwas, das nicht frittiert, gekocht oder mindestens gegrillt ist, kann zu einer echten Herausforderung werden. Selbst meiner Zunge lüstet es nach drei Wochen wirklich nach etwas Deftigem! Bratwurst, Rouladen und Knödel – ich habe schon Entzugserscheinungen 😅 In Japan entsprach das Essen da schon eher meinem Gaumen, der salzig und deftig verlangt.

Wer sich auf Nachtmärkten wohlfühlt – und das tue ich – schafft es kaum, auch nur auf einem einzigen Markt innerhalb eines Monats alles probiert zu haben. Auf der einen Seite gibt es hier ein absolutes Überangebot an Essen. Aus jedem Fenster, von jedem Stand zieht ein Duft nach dem anderen durch die Straßen. Ich weiß nicht einmal, wie man hier keinen Hunger haben kann, denn es riecht rund um die Uhr nach herrlichem Essen, nach süßen Desserts, Bubble Tea, Oolong Tea und Kaffee. Auf der anderen Seite, isst man sich hier auch schnell satt, an immer denselben Angeboten. Ich werde hier trotz meiner zwölf bis zwanzig Kilometern pro Tag wohl kaum ein einziges Kilo verloren haben. Oder ich bin verfressen. Letzteres!

ABER

Auch wenn es hier an Essen nicht mangelt, fehlt mir etwas. Zwischen Erdbeer-Snickers, Chips mit Spiegelei- und Biergeschmack, Sandwiches mit Vierfachkäse und den wildesten Onigiri-Füllungen fehlt mir einfach Geschmack. Ich weiß, das klingt seltsam. Aber zumindest für meinen Gaumen, der geschmacklich eher Restmüll als Feinschmecker ist, schmeckt hier erstaunlich viel nach gar nichts; oder eben süß. Bisher war es mir auch leider nicht möglich, Onigiri oder Sushi mit Mayonnaise zu finden. Ich liebe Tuna Mayo – doch hier gibt es stattdessen Thunfisch mit Zwiebeln. Okay, meckern auf verdammt hohem Niveau. Aber ich wollte ja meine Meinung kundtun.

Salz scheint in Taiwan beinahe verpönt zu sein. Und selbst meine Freundin Jessie aus Taiwan, klagte mir ihr Leid, dass Essen in Japan und Deutschland ihr zu salzig sei. Wenn es um Süßigkeiten und Desserts geht, ist Deutschland jetzt einfach mal kategorisch raus. Da steht Taiwan Japan in nichts nach. Alles hier ist köstlich und sieht nach Diabetes Typ 100 aus, ist dabei aber – ebenso wie in Japan – überraschend wenig süß, ohne dass es dem Geschmackserlebnis schadet.

ABER

Es gibt einfach kein Wasser mit Kohlensäure, doch schon aber es ist rar. Und meiner Chips-Lusthöhle reicht Wasser ohne diesen Sparkling-Effekt einfach nicht aus, um dieses elendige Gefühl von Durst zu löschen. Zum Glück gibt es hier Bier. Gutes Bier! Ich liebe Taiwan Beer. Aber ich kann auch nicht jeden Tag… ach… lassen wir das.

ABER

Weißt du, was so richtig nervig ist? Kassenbons. Ich kann damit mittlerweile mein Hotelzimmer tapezieren. Bereits nach drei Tagen hatte ich genug Kassenzettel, um damit die Strecke zwischen Erde und Mond auszulegen. Und es ist vollkommen egal, ob ich diesen kleinen weißen Zettel haben möchte oder nicht – ich bekomme ihn immer. Mit beiden Händen reicht man mir die Scheine, darunter der Kassenzettel, darauf das Klimpergeld. Und dieses Münzgeld ist ebenso nervig wie in Japan, denn man wird diese verdammten 1 NT$ Münzen einfach nicht mehr los.

Ich schleppe also wieder drei Kilogramm Kleingeld aus Asien mit mir zurück nach Deutschland. Neben das 20-Kilo-Glas, gefüllt mit japanischen ein und fünf Yen Münzen, stelle ich dann ein weiteres Glas mit Taiwan Dollar Münzen.

ABER

Ich will mich ja nicht nur über Dinge beschweren, die mich direkt betreffen, sondern auch über die indirekten. Zum Beispiel Licht. Taiwan liebt Spiegelglas und getöntes Glas. Hier ist es sogar erlaubt, alle Scheiben seines Autos zu tönen – ja, auch die Windschutzscheibe. Es fahren also pechschwarze Autos durch die Nacht. Jedes Gebäude, fast jedes Café, jedes Taxi, jeder Zug und Bus hat verspiegelte oder getönte Scheiben.

Die Stadt draußen wird permanent von diffus gedämpftem Licht beleuchtet. Eigentlich trägt das dazu bei, dass es weniger Lichtverschmutzung gibt und sich Innenräume nicht so stark aufheizen. Aber mich nervt das. Vor allem sieht es bei einem Blick aus dem Fenster immer so aus, als wäre das Armageddon nicht mehr weit. Die Welt wirkt durch dieses Glas bräunlich-grün, als würde ein Sandsturm, dicht gefolgt von einem Gewitter, direkt vor dem Fenster toben.

ABER TROTZDEM

Ich liebe Taiwan einfach. Es ist bunt und glitzernd, obwohl es gleichzeitig rostig und gebraucht schimmert. Wenn mich jemand fragt, wie sich Taiwan anhört, wie die Städte klingen, dann ist die einzige Antwort: LAUT! Nach Rollern, Bussen und dem ständigen Hupen, das aus der Blechlawine dringt. Taiwan ist laut. Unfassbar laut. Selbst nachts klappern Teller und das Geräusch der Wasserhähne der unzähligen Outdoor-Spülen hallt durch die Dunkelheit.

Wie Taiwan riecht, kann man dagegen kaum beantworten. Die Luft riecht manchmal nach Diesel und nach Metall der Aluminiumschlange, die sich unentwegt durch den Untergrund frisst. Aber immerzu riecht es auch nach Gewürzen, nach Honig, nach Süßspeisen, nach Bubble Tea, nach frittiertem Essen und Nudeln in Öl. Es ist eine Mischung aus Fortschritt, Alltag und permanenter Lust auf etwas Leckeres.

ABER

Wenn du nicht weißt, dass du an einer Bushaltestelle wahlweise deine Hand oder dein Ticket – also deine easyCARD – ausstrecken musst, wird niemals ein Bus anhalten. Nicht für dich. Und dann kommst du auch nicht zu den Nachtmärkten. Busse halten hier nicht automatisch, nur weil Menschen an der Haltestelle stehen. Denn hier halten teilweise bis zu elf verschiedene Linien am selben Häuschen. Es wäre ineffizient, wenn jeder Bus anhielte.

Also streckt man die Hand aus oder das Ticket. Man macht sich bemerkbar. Vor allem in den Bergen ist das wichtig. Dort kommt der Bus unter Umständen nur alle zwei Stunden. Es wäre ziemlich ärgerlich, das nicht zu wissen, zwei Stunden zu warten, dann zuzusehen, wie der Bus vorbeifährt – nur um weitere zwei Stunden zu warten, weil auch der nächste nicht anhält 😩

Im direkten Vergleich zu Deutschland und Japan ist Taiwan sofort dein Freund. Während Japan von Höflichkeit dominiert wird und Menschlichkeit zunächst auf Distanz bleibt, umarmt dich Taiwan sofort. Die Menschen lächeln, gehen auf dich zu, sind hilfsbereit und zuvorkommend – aber ohne diese Distanz. Es ist, als wärst du direkt ein guter Freund der Familie.

Du kannst hier im Gehen essen und trinken wie es dir beliebt. In Japan muss man wissen, was man unterwegs essen darf und was nicht. Ein Eis ist okay. Ein halb frittierter Tintenfisch in der Hand? Eher nicht. In Taiwan ist genau das ein gängiges Bild.

Taiwan ist, ohne es böse zu meinen, ein bisschen schief. Es sieht nicht nur schief aus, weil es offenbar nie aufgehört hat, sich selbst weiterzubauen – als wäre es nie fertig, weil es nie ganz zufrieden mit sich war. Es ist auch schief, weil die Städte nicht versuchen zu verstecken, dass Menschen dort leben. Und genau das fühlt sich warm an.

Natürlich gibt es Parallelen zu Japan. Infrastruktur, Busse, Straßen, Convenience Stores. Aber Taiwan ist nicht Japan. Und Taiwan ist auch nicht China. Taiwan ist ein faszinierendes Stückchen Erde, das genauso viel aus dem Meer herausragt, das es dieses bunte, wundervolle Leben tragen kann. Es ist wie ein zweites Asien mitten in Asien. Genauso effizient, sauber, schnell, höflich, respektvoll und aufmerksam, wie man es von dort erwartet.

ABER eben auf die ganz eigene, liebevolle Art Taiwans.

Die Wahrheit

Da ist noch etwas, das schwerer zu greifen ist. Ich finde Taiwan ehrlich faszinierend aber ich muss gestehen, dass ich mich nach etwa zwei Wochen irgendwie langweile. Ich weiß nicht genau warum. In Japan habe ich in den Monaten, die ich dort gelebt habe, im Grunde nichts „Aufregenderes“ getan als jetzt. Ich bin durch die Städte spaziert, habe gegessen, beobachtet, geschrieben und bin im Nachtleben versunken.

Und trotzdem war es nie leer – in mir. Taiwan fühlt sich anders an. Die Tage sind weich, freundlich, unkompliziert. Niemand fordert mich, niemand stellt mich auf die Probe. Alles ist leicht, alles ist möglich, und genau das nimmt mir diese innere Spannung, die ich aus Japan kenne. Dort gibt es Reibung, Regeln, Unsicherheit, dieses ständige Gefühl, etwas lernen zu müssen und zu können. Das hält mich wach. Taiwan umarmt mich und irgendwann stehe ich mitten in dieser Herzlichkeit und merke, dass mir genau diese Reibung fehlt. Vielleicht ist es nicht Taiwan, das mich langweilt. Vielleicht ist es diese innere Ruhe, die mich zwingt, auf mich selbst zurückzufallen. Und das ist manchmal das Unbequemste von allem.

Ich bin in dem Café um die Ecke kein Gast mehr. Es ist mein Zuhause geworden. Nach zwei Tagen haben die Menschen aufgehört, Englisch mit mir zu sprechen und sind ganz selbstverständlich ins traditionelle Chinesisch gewechselt. Weil ich eben einfach dazugehöre, weil meine hier gelernten Bruchstücke Mandarin für diesen Teil des Tages ausreichen. Weil man in Taiwan nicht „der Fremde“ bleibt, sondern ein Freund wird. Einer von allen anderen. Das ist wunderschön. Und gleichzeitig irgendwie auch nicht.

In Japan war ich genauso willkommen. Warm, respektvoll, ehrlich. Aber auf eine andere, leisere Art. Dort bleibt immer ein kleiner Abstand, der nicht trennt, sondern trägt. Eine Art Rahmen, der alles klarer macht. Diese feine Grenze hat mich wach gehalten. Nicht, weil ich draußen war, sondern weil ich bewusst da war. Es gab Tage, an denen ich vergessen habe, dass ich hier eigentlich noch nicht fest lebe. Ich schlenderte durch Möbelgeschäfte, bis mir auffiel, dass in ein paar Monaten mein Flieger wieder Richtung Deutschland abheben würde.

In Taiwan löst sich dieser Rahmen schneller auf. Ich werde normal. Und Normalität ist warm, aber sie ist kein Abenteuer. Vielleicht brauche ich beides. Ein Zuhause und einen Rahmen. Nähe und Reibung. Vielleicht bin ich nicht für Orte gemacht, die mich sofort aufnehmen, sondern für jene, die mir erlauben, mich immer wieder neu zu entdecken.

Und vielleicht liegt genau darin mein größtes ABER. Abseits von Essen, Lautstärke und Farben fühlt sich Taiwan für mich leer an. Nicht, weil nichts da wäre, sondern weil nichts mit mir spricht. Es gibt Tempel, Parks, Einkaufsstraßen, Neon und Nachtmärkte – und doch scheint alles in derselben Tonlage zu bleiben. Ximending ist wie Akihabara, nur ohne diese ständige Spannung, die mich in Bewegung hält. Shalun ist mein Hamura, dieser vergessene Strand, die leere Stadt, haben es mir angetan, sich in mein Herz gebrannt. Ich kann aber nicht genau benennen, was mir hier fehlt, doch ich spüre es jeden Tag stärker. Es ist, als läge über Taiwan ein grauer, abgenutzter, verrosteter Schleier, den ich nicht greifen kann, der mich aber müde macht.

Japan ist für mich dagegen wie ein Roman. Jede Straße wirkt kuratiert, jede Kleinigkeit scheint Bedeutung zu tragen. Nicht, weil es objektiv „besser“ ist, sondern weil dort seit Jahrhunderten eine Kultur lebt, die Inszenierung ernst nimmt. Dinge sind nie nur Dinge. Sie sind Zeichen, Rituale, Andeutungen. Selbst der Alltag hat Dramaturgie. Man ist ständig Teil eines stillen Theaterstücks.

Taiwan ist eher wie ein Tagebuch. Nicht geschrieben für Zuschauer, sondern für sich selbst. Funktional, lebendig, pragmatisch. Die Städte wachsen, ohne sich zu erklären. Sie wollen nicht schön, nicht bedeutungsvoll, nicht poetisch sein. Sie wollen benutzt werden. Und vor allem, können sie einfach benutzt werden. Sogar von mir.

Deshalb bin ich in Japan im Dialog mit dem Raum. In Taiwan aber bin ich im Raum.

Das ist die wohl ehrlichste Antwort die mir ein Land geben kann. Ich brauche ich keinen Ort, der mich beruhigt, sondern einen, der mir antwortet. Nicht einen Raum, in dem ich nur bin, sondern einen, mit dem ich im Dialog stehe.

Zum Schluss

Ich meine das nicht abwertend, doch Taiwan hat leider nichts in meinem Herzen ausgelöst. Es ist da, es ist wunderschön, aber es schwingt auf einer anderen Frequenz. Einer, die ich wahrnehme wie ein leises Lied im Hintergrund. Ich höre es, ich erkenne es, aber es berührt mich nicht.

Japan dagegen ist mein Lieblingssong. Einer, den ich immer wieder im Loop abspiele. Nicht, weil er perfekt ist, sondern weil er etwas in mir trifft, das sonst still bleibt. Weil er mich bewegt, mir etwas über mich selbst erzählt und mir das Gefühl gibt, wirklich da zu sein. In Hamura (Japan) habe ich immer gesagt, dass sich die Farben für mich intensiver anfühlen, dass das Blau des Himmels das schönste Blau ist, das ich je gesehen habe. Hier sind alle Farben irgendwie angestaubt. So fühlt es sich zumindest an.

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