Taiwan – Grasslands  (Mission failed)
Taiwan – Grasslands (Mission failed)

Taiwan – Grasslands (Mission failed)

Lesedauer 8 Minuten

Mein Tag begann schon damit, dass ich den am Vorabend gestellten Wecker ganz souverän ignorierte – und einfach zwei Stunden länger schlief, als geplant. Egal, dachte ich mir. Ich bin ja im Urlaub und nicht auf der Flucht, und mein Tagesziel ist schließlich nur etwas über eine Stunde mit Bus und Bahn entfernt.

Ein paar Kaffees später machte ich mich dann auf den Weg von Zhongshan nach Qingtiangang, hinauf zu den Grasslands.

Ich zog bei bestem Wetter los. Es war trocken, sonnig – auch wenn die Sonne hinter dichten Wolken hing – und muckelige 18 Grad warm in Ningxia. Von Zhongshan fuhr ich mit der MRT nach Shilin und von dort weiter mit dem Bus der Linie S15 Richtung Qingtiangang.
Dachte ich zumindest. Ich dachte wenig später auch, ich würde jetzt ganz sicher sterben 😵

Time to die

Der Straßenverkehr in Taiwan ist schon etwas Besonderes. Roller überholen links und rechts, sausen an Bussen und Autos vorbei, als wären sie unverwundbar. Den Rollern gehört hier in Taiwan eindeutig die Straße. Abgesehen von einer Handvoll Schildern, die den Verkehr entweder auf 20 Kilometer pro Stunde vor Schulen oder auf 60 in der Innenstadt begrenzen, habe ich kaum weitere Verkehrszeichen gesehen, die erklären würden, warum hier manche gefühlt einfach 100 fahren.

Auch der Bus, in dem ich saß, kannte nur zwei Modi. Raketenschub oder Dauerhupen, sobald dem Busfahrer das Auto vor und zu langsam war. Aber eigentlich war das noch gar nicht das Problem – ebenso wenig wie das scheinbar völlig freie Spurwechseln oder das Fahren auf zwei Spuren gleichzeitig. Jeder macht, was er will, die blecherne Masse dahinter hupt kurz und passt sich an. Ein Dramalama scheint das hier jedenfalls nicht zu sein.

Wenn der Bus, in dem man sitzt, allerdings im strömenden Regen die Serpentinen hochknallt, als wären wir auf der Flucht vor einer Schlammlawine, dann habe zumindest ich ein kleines inneres Dramalama. Das Wetter wurde immer schlechter, die Straßen lagen voll mit nassem Laub und der Bus kämpfte hör- und spürbar mit manchen Steigungen – und dann wurde ich plötzlich rausgeworfen.

Schon eine Haltestelle zuvor waren alle ausgestiegen, ich jedoch nicht – schließlich war ich ja noch nicht am Ziel. Ich verstand kein Wort von dem, was der Busfahrer ins Mikrofon murmelte, und auch die letzte Passagierin, die den Bus verließ, sah mich fragend an. Die Türen schlossen sich, der Bus wendete und hielt wieder an derselben Haltestelle – diesmal auf der anderen Straßenseite. Erneut sprach der Fahrer ins Mikrofon, blickte diesmal aber direkt in meine Richtung. Wieder verstand ich nichts, aber sehr wohl, dass ich jetzt aussteigen musste. Der Bus endete hier. Leider war das nicht einmal die Hälfte meiner Strecke 😅

Ich bin verloren

Ungefähr achtundzwanzig Bushaltestellen lagen noch zwischen mir und meinem Ziel. Es regnete Hunde und Katzen – wirklich, mit jeder Minute wurde das Wetter schlechter. Und ich? Ich stand mitten im Nirgendwo, irgendwo in Taiwan. Es gab nichts außer einer Ampel, einer Bushaltestelle, die aus einer in den Boden gerammten Metallstange mit einem daran befestigten Schild bestand – und der alten Dame neben mir. Ja, es war genau jene Frau, die mich kurz zuvor fragend angesehen hatte, als sie den Bus verließ. Jetzt grinste sie.

Zum ersten Mal seit ich in Taiwan bin wäre ich in diesem Moment froh gewesen, eine lange Hose und eine Jacke zu tragen. Leider stand ich dort aber in einem Pullover und kurzer Hose, bewaffnet mit meinem Regenschirm und maximal gewappnet gegen leichten Sommerregen. Das hier war aber kein Sommerregen, sondern ein Vorhang aus Wasser, der über alles fiel. Bissiger Wind gesellte sich seitlich zu uns, arschkalt und nass.

Ich fühlte mich wie im Anime „Mein Nachbar Totoro“ – einsam und verlassen an dieser Haltestelle im absoluten Nichts. Hinter der alten Dame entdeckte ich ein Display. Mein erster Gedanke war: Wow, wie modern hier am Ende der Welt. Mein zweiter Gedanke war: Ach du Scheiße – 98 Minuten. Das war die erste Zahl, die ich las. Darüber stand zum Glück 15 Minuten. Das Einzige, das ich lesen konnte, war das japanische Kanji 小, das „klein“ bedeutet, sowie 分, das in diesem Fall „Minute“ bedeutet, und die Zahl 15 – zusammen ergab das S15, den Namen meiner Buslinie und das diese wohl in 15 Minuten hier eintrifft. Da sowohl vor den 98 Minuten als auch vor den 15 Minuten der Name dieser Linie stand und ich den Rest auf Chinesisch nicht entziffern konnte, hoffte ich einfach auf das Beste.

Gut, das war also definitiv die richtige Buslinie. Offenbar fahren einfach nicht alle Busse dieser Linie die komplette Strecke in einem Stück durch. Das hat mich ehrlich gesagt maximal verwirrt – aber soweit ich den komplett auf Chinesisch geschriebenen Fahrplan halbwegs verstanden habe, ist es nun mal so.

Und obwohl ich eigentlich recht kälteunempfindlich bin, hatte mich der Mix aus Regen und Wind mittlerweile vollständig umarmt, und so etwas wie echte Kälte kroch langsam in mich hinein.

Abbruch?

Der Gedanke, dass ich mein Tagesziel – die Grasslands – wohl nicht mehr erreichen würde, schlich sich jetzt zum ersten Mal in meinen Kopf. Noch immer stand ich einfach nur dort an diesem Fleck, umgeben von nichts außer wilder Vegetation und Regen. Und die 9 Minuten auf dem Display hatten sich seit einer Viertelstunde nicht verändert.

Wenigstens hatte ich die alte Dame bei mir; ich stand also nicht völlig allein und komplett verloren in diesem Nirgendwo. Nach elendig langen Minuten kam endlich der Bus, der uns mitnahm. Schon vorher war mir klar gewesen, dass es nur noch zwei freie Plätze geben und ich neben der alten Dame sitzen würde. Ich ziehe solche Situationen in Asien magisch an, wenn es um ältere Menschen geht. Und genau so kam es. Sie lächelte, rückte ein Stück zur Seite, und ich setzte mich neben sie.

Einige Minuten lang knallte auch dieser Bus die alpine Landschaft hinauf, als würde er in einem Fast & Furious-Film mitspielen. Die Grasslands waren nur noch acht Stationen entfernt – und trotzdem stieg ich aus. An einem Visitor Center in Lengshuikeng. Mit mir stieg natürlich auch die Frau aus. Ich sah mich um, suchte Schutz vor dem Wind und den Wasserkugeln, die der Himmel unaufhörlich auf mich warf, beschloss dann aber, dass es ohnehin egal sei – nass war ich längst. Ich erkundete die Gegend allein im strömenden Regen und stellte schnell fest, dass es hier – objektiv betrachtet – absolut nichts gab. Als hätte jemand mitten im Levelbau der Welt einfach aufgehört weiterzugestalten. Laut Google Maps hätte direkt vor mir ein riesiger Berg liegen müssen, samt steinerner Treppe hinauf. Doch dieses Level hatte ich offensichtlich noch nicht freigeschaltet; vielleicht fehlte mir die Trainings-Quest, wer weiß. Der Nebel auf stolzen 890 Metern war so dicht, dass er alles verschluckte. Man sah absolut gar nichts.

Mein Tagesausflug endete definitiv hier und jetzt – ich stand wenige Meter vor einem Berg, den ich nicht einmal sehen konnte. Ich würde vielleicht ein andermal zurückkommen.

Alles auf Anfang

Es gab nur auf einer Straßenseite eine Bushaltestelle; vielleicht konnte ich die andere Seite auch einfach nicht sehen. Meine Gedanken versuchten gerade, irgendeinen Plan zu schmieden, als mich die alte Dame völlig unvermittelt ansprach. Ich hatte eigentlich schon darauf gewartet, weil ich wusste, dass es passieren würde — und natürlich verstand ich kein Wort ihres wunderbar klingenden Chinesisch. Wir tauschten ein paar Brocken „Chinenglisch“ aus.

Ob mir nicht kalt sei? Dass die Aussicht hier normalerweise richtig schön ist. Ja, danke — Ihnen auch einen tollen Tag. Nein, nein, mir ist nicht kalt (mir war arschkalt). Danke. Danke auch. Bye bye.

Mein Fluchtreflex trieb mich in das Ushi Café direkt neben mir. Dort saß ich nun in diesem unbeheizten Café am Visitor Center, trank den schlechtesten Kaffee dieser Erde – ja, noch schlechter als Kaffee in Japan – und fror. Doch die Frage nach meinem Rückweg, trieb nervös in meinem Innern umher. Ich war wirklich gespannt, ob und vor allem wie ich wieder zurückkommen würde. Ich hatte Hunger, wollte eine Zigarette rauchen und eigentlich wollte ich auf dem Rückweg sogar in dem Dorf aussteigen, das wir auf der Hinfahrt mit dem Bus durchquert hatten. Leider konnte ich keinen Namen herausfinden; alles, was ich weiß, ist, dass es an der Jingshan Road im Shilin District lag. Wer sich den Shilin District auf Google Maps ansehen möchte, kann das gern tun.

Es sah wunderschön aus. Asiatisch verträumt und verschlafen. Ein ganz normaler Bezirk, auf den ersten Blick ohne große touristische Attraktionen — und genau deshalb zog er mich an. Auch in Japan hat es mich immer in kleine Städte und Bergdörfer gezogen.

Die klassische Touristenroute hatte ich ohnehin schon hinter mir gelassen, als ich am Morgen in die Metro stieg. Kaum jemand fährt hierher. Okay, das stimmt nicht ganz — aber es ist wirklich die Ausnahme. Hier gibt es keine Hochglanzfassaden, keine schicken Dimsum-Restaurants und keine polierten Sehenswürdigkeiten. Es gibt Berge, heiße Quellen, Kühe und Wanderwege — nichts davon konnte ich an diesem Tag sehen. All das erlebt man nur, wenn man sich mit Bus und Bahn hier hochkämpft und anschließend stundenlang zu Fuß unterwegs ist.

Natürlich begegnet man auch hier Touristen, doch die Gegend ist extrem weitläufig — zumindest sah es im Internet so aus; ich selbst konnte ja leider gar nichts erkennen und der (sorry) Standard-Tourist hat selten die Muße, sich an solch einen Ort zu begeben.

Ein bisschen Magie

Ja – bevor du fragst – ich bin tatsächlich wieder zurückgekommen. Und diese Reise fühlte sich ein bisschen so an, als wäre ich in einen magischen Bus gestiegen.

Ich nahm, welche andere Wahl hätte ich auch gehabt, den einzigen Bus, der am Visitor Center hielt. Also fuhr ich doch noch bis zu meinem eigentlichen Tagesziel, den Grasslands in Qingtiangang. Und es war atembe… ich habe literally gar nichts gesehen 😂 wirklich nichts.

Ich stieg aus dem Bus, stieg sofort wieder ein (ja, dass muss so 😆), bezahlte erneut – und Überraschung – dieses Mal fuhr der Bus die komplette Route zurück. Ich musste nicht aussteigen, nicht wieder zusammen mit „Totoro“ im Nichts stehen und auf den nächsten Bus warten, unsicher, ob es überhaupt der richtige wäre. Und während ich in einer Welt in den Bus einstieg, die aus weißem Nichts bestand, in der der Regen wie ein Wasserfall vom Himmel fiel, konnte ich 44 Haltestellen später in einer trockenen, noch immer diffus vom versteckten Sonnenlicht erwärmten Welt wieder aussteigen.

Alles umsonst?

Auf keinen Fall. Für mich ist genau das Urlaub und genau so entdecke ich ein Land. Ich brauche nicht jeden Tag von neun Uhr morgens bis elf Uhr abends eine Attraktion nach der nächsten. Ich möchte das Land sehen – und vor allem das Leben darin.

Ich bin durch, zumindest in meinen Augen, wunderschöne Gegenden gefahren. Ich weiß jetzt ein bisschen besser, wie Busse in Taiwan funktionieren, dass man zwischendurch einfach im Nichts stehen kann, es aber irgendwann sicher weitergeht. Und ich weiß nun auch, dass das Wetter zwischen zwei Orten, die nur eine Stunde Busfahrt – und gut 900 Höhenmeter 🤣 – auseinanderliegen, komplett unterschiedlich sein kann.

Auch wenn objektiv betrachtet nichts passiert ist, ich mein eigentliches Ziel zwar erreicht, aber nicht gesehen habe und hungrig, nur mit schlechtem Kaffee im Bauch, den Ort wieder verlassen habe – war der Weg irgendwie richtig aufregend und gut.

Es sind Erfahrungen. Und so plump es auch klingt, genau das war schon so oft meine Wahrheit in Asien. Der Weg ist das Ziel. Ich freue mich über die beiden Orte, die ich unterwegs entdeckt habe, und werde sie – wenn nicht in diesem Urlaub – dann bei meiner nächsten Reise nach Taiwan besuchen.

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