Taiwan
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Taiwan

Lesedauer 8 Minuten

Vorweg – ich gebe mir größte Mühe, nicht ständig Vergleiche zu Japan zu ziehen. Auf der anderen Seite vergleicht mein Kopf alles mit Japan – und irgendwie ist Japan ja auch einfach mein Leben. Es wird also vorkommen, dass ich Vergleiche anstelle, die vielleicht manchmal zu hart rüberkommen und manchmal zu weich. Wie immer gilt, wer die Welt erleben möchte, muss sie selbst bereisen und sich ein eigenes Bild machen. Das hier, ist meine ganz eigene Sicht auf die Welt.

Ankunft

Da bin ich also nun – in Taiwan. Nach Monaten der Vorfreude und mehr oder weniger detaillierter Planung. Denn so wirklich geplant – und jede Dokumentation die ich nur finden konnte über Taiwan geguckt – habe ich diesmal gar nicht. Ich wollte überrascht werden. Eintauchen, ohne vorher schon alles zu wissen. Das war zugegeben nicht ganz einfach, da ich auch eine Freundin in Taiwan habe, die mich liebevoll mit allem was ich unbedingt sehen, probieren und kaufen muss, bombadiert hat. Aber außer ein paar Eckdaten und den groben Orten, die ich besuchen wollte, wusste ich fast nichts.

Und nach meiner Landung, die China Airlines so sanft hingelegt hat wie noch keine andere Airline, war ich dann da. In Japan… ich meine Taiwan. Also wenn ich es nicht selbst gebucht und nicht gewusst hätte, dass ich nach Taiwan geflogen bin, hätte bis zu einem ganz bestimmten Moment auch alles Japan sein können. Ich verließ das Flugzeug und wartete die ganze Zeit auf diesen WOW-Moment. Dieses „Boah, wie krass, du bist in Taiwan“-Gefühl. Doch das blieb aus. Alles war mir bekannt, vertraut, funktionierte erschreckend effizient und einfach. Es war, als wäre ich nie woanders gewesen.

Gerade einmal 30 Minuten nach der Landung hatte ich mein Landing Visa, meinen Koffer, war durch den Zoll, durch das Immigration Office und hatte bereits meine EasyCard gekauft. So stand ich also draußen an Terminal 1 des Taoyuan Airports im Raucherbereich und fragte mich: Was war das denn jetzt bitte?

Hätte es nicht irgendetwas geben müssen, das nicht funktioniert? Oder wenigstens etwas, das ich nicht verstehe – am anderen Ende der Welt, auf einer Insel auf dessen Boden ich seit gerade einmal 40 Minuten zum ersten Mal in meinem Leben stehe. Ich schnappte mir noch einen Kaffee und machte mich auf den Weg zur MRT-Station, die ich – warum auch immer – ebenfalls sofort gefunden habe. Okay, Spaß. Ich habe mich verlaufen, aber vielleicht hat mich auch einfach der Duft der Food Hall angezogen.

Ningxia

Vollkommen unspektakulär nahm ich den MRT Richtung Tamsui, stieg an der Taipei Main Station aus, und von dort waren es nur noch ein paar Minuten zu Fuß bis zu meiner Unterkunft. Nach fast 40 Stunden, in denen ich meinem Körper den Schlaf mehr oder weniger entzogen hatte – durch Aufregung, Vorfreude und all das, was vor so einer Reise im Kopf explodiert – wirkte die Welt sehr gedämpft. Aber ich bin hier angekommen, in Xingming, wo ich nun ein paar Wochen wohne.

Und jetzt habe ich das erste Mal wirklich etwas wahrgenommen. Ich hatte meinen WOW-Moment längst gehabt. Er war nur untergegangen, irgendwie leiser. Ich bewege mich durch Taiwan, als wäre es meine Heimat, weil hier alles genauso funktioniert wie in Japan – und wahrscheinlich auch wie in vielen anderen asiatischen Ländern. Man kann hier einfach fließen. Man stolpert nicht so oft wie in Europa.

Noch ein Wow!

Dann kam ein zweiter WOW-Moment. Oder eher ein „Wow, warte mal …“

Wenn ich mir diesen Vergleich erlauben darf, einfach weil ich es nicht besser beschreiben kann: Taiwan – zumindest das, was ich bisher gesehen habe – ist wie Japan, aber etwas rauer. Manchmal bunter, manchmal blasser. Es ist roh. Es ist scheinbar nie fertig mit sich selbst. Aber es ist immer ehrlich. Taiwan lässt die Spuren seiner Bewohner zu. Es versucht nicht, wie ein Museum zu wirken, wie es in Japan oft der Fall ist. Alles hier ist ebenso durchgetaktet, effizient und funktional präzise wie dort – nur ohne dieses ständige geschniegelt sein. Weniger Glitzer, mehr Emotion.

Häuser wachsen hier wie Korallenriffe. Ein Stockwerk aus Beton aus den Siebzigern, darüber Wellblech, darüber ein Balkon, darauf ein Wassertank und daneben Klimaanlagen, ein paar Kabel, Pflanzen. Das sieht aus wie Chaos, ist aber ein funktionierendes Ökosystem. Menschen leben hier seit Jahrzehnten. Mieten sind niedriger. Kleine Läden, Garküchen, Handwerker, ältere Leute, Studierende, Hand in Hand auf offener Straße. Es ist laut, dicht, ein bisschen kaputt – und sehr echt und sehr liebevoll.

Die Leute reden immer von der Geschichte eines Landes. Hier kann man sie sehen. Taiwan hat hier nicht überall radikal aufgeräumt und neu gebaut, man hat weitergemacht. Und dieses „wachsen“ sieht man jetzt. Ich finde das ehrlich gesagt wunderschön. Hier wird gelebt, repariert, improvisiert, wieder zusammengeflickt. Diese gestapelten Wellblechhäuser, diese halbfertigen Fassaden, die Kabel, die Balkone, das plötzliche Grün, das irgendwo aus einem Riss im Beton wächst – das ist kein Elend. Das ist Tropic Urban, so nenn ich das jetzt mal. Eine Stadt, die nie fertig wird, weil sie nie aufhört, sich selbst neu zu bauen. Man fühlt die Energie und die Trägheit hier gleichzeitig.

Chaos oder pures Leben?!

Da gab es diesen einen Moment, den ich sehr gefeiert habe. In einem Blumenkübel steckten plötzlich bestimmt hundert Zigarettenstummel. Fein säuberlich hineingesteckt. Er war nicht dafür gemacht und auch der Buchsbaum freute sich sicherlich nicht darüber. Es gibt hier Raucherplätze, Aschenbecher an öffentlichen Mülleimern. Aber der Moment der Menschen hat das so gebraucht – jetzt, dieses eine Mal. Und Taiwan hat gesagt: Okay, das ist so nicht gedacht gewesen, aber ich nehme es an. Ich lasse euch hier leben.

Es war nicht wild auf den Boden geworfen. Es war außerhalb des Rahmens und gleichzeitig im Rahmen des Möglichen. Klingt komisch, aber genau dieses Sinnbild zieht sich meiner Meinung nach durch Taiwan hindurch. Die Insel ist wie ein gut benutztes Werkzeug mit Kratzern, das trotzdem jede Schraube dreht. Man spürt, das hier ist nicht für Bewunderung gebaut, sondern für Menschen. Für Alltag. Und das berührt mich.

Totalschaden

Ich war gerade ein paar Stunden in Taiwan, da war ich schon obdachlos – na ja, zumindest mittellos. Bis hierhin hatte alles perfekt und reibungslos funktioniert, doch im Hotel wollte das Kartenlesegerät meine Kreditkarte nicht akzeptieren. Gut, das war das kleine Übel. Ich such mir einfach einen ATM und hebe Geld ab. Gesagt, getan. Transaktion fehlgeschlagen.

Ich habe bestimmt sieben verschiedene Bankautomaten in allen 7-Elevens und Family Marts ausprobiert, die ich finden konnte. Doch das Ergebnis war überall dasselbe. Alle meine Kreditkarten funktionieren nicht in Taiwan.

Ich tat, was Menschen in solchen Momenten tun. Ich kaufte mir ein Onigiri und ein Taiwan Beer und setzte mich damit auf eine Bank gegenüber meiner Unterkunft. Okay. Essen, trinken, atmen. Ich zahle erst mal ein paar Tage bar. Denn ein bisschen Bargeld hatte ich – ja, ja, weil ich Deutscher bin 🤣 – aus Deutschland mitgebracht. Das war auch schon spannend, denn in Deutschland, das Taiwan nicht als Staat anerkennt, ist der Neue Taiwan-Dollar zwar zu bekommen, aber ich war wohl der erste Mensch seit zwanzig Jahren, der bei der Bank danach gefragt hatte.

Nevermind – ich bezahlte also vier Tage meiner Unterkunft bar. Das verschaffte mir Zeit und Ruhe dieses Problem zu lösen. Ich kaufte mir ein zweites Bier, und in meinem Kopf überschlugen sich die Lösungen. Taiwan hängt größtenteils nicht am weltweiten Finanzsystem, und auch mein Versuch, gestern noch in Deutschland und heute schon in Taiwan Geld abzuheben, könnte ein Sicherheitssystem meiner Bank ausgelöst haben, dass die Karten dann als Vorsichtsmaßnahme gesperrt hat. Ich schrieb also meiner Bank.

Da ich allerdings sieben Stunden in der Zeit voraus bin, quasi in der Zukunft lebe, musste ich auf die Antwort warten. Und wenn ich eines nicht kann, dann ist es warten. Ich rauchte eine Zigarette, und dabei kam mir ein Geistesblitz. Neben „Transaction failed“ stand noch etwas auf dem Display des ATM Automaten. 0051 – ganz klar, ein Fehlercode. Ich besorgte mir im Internet das Handbuch des ATM-Automaten, und tatsächlich! Der Code bedeutet, dass das Konto nicht gedeckt ist. Bei einer Kreditkarte kann das nur eines heißen – ein Tageslimit. Um meine Hypothese zu prüfen, versuchte ich, statt der ganzen Summe, die ich für das Hotel benötigte, nur die Hälfte abzuheben. Und zu meiner Überraschung spuckte der Automat viele bunte Taiwan-Dollar aus.

Zur Feier des Tages ein Bier 🍻

Mit dem unfassbar – wirklich unfassbar – freundlichen Menschen an der Hotelrezeption vereinbarte ich, die restliche Summe in zwei Tagen bar zu bezahlen, da ich jeden Tag nur eine bestimmte Summe abheben kann. Ich will nichts sagen… doch ich will es sagen: In Deutschland hätte man mit den Schultern gezuckt. Kein Geld? Pech, geh weg!

Hier konnte ich auf Barzahlung wechseln, obwohl Kreditkarte vereinbart war, und tageweise bezahlen, damit ich überhaupt erst mal eine Unterkunft hatte, duschen und schlafen konnte. Und genau das tat ich. Es war mittlerweile 13 Uhr und ich war bereits über 40 Stunden auf den Beinen.

Um 20 Uhr wachte ich in meinem Hotelbett auf, leicht neben der Spur. Zu müde für die Welt und gleichzeitig neugierig auf Taiwan im Dunkeln. Also zog ich noch einmal los.

Und wohin zieht es mich in Asien immer? Genau – zu den Türmen. Ich liebe Türme 😍 Ich wusste, dass der Taipei 101 längst geschlossen sein würde, wenn ich dort ankomme. Doch das war mir egal. Ich wollte ihn sehen. Und ja, er ist wunderschön.

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