Taiwan – Geschichte, Wurzeln und Neon
Taiwan – Geschichte, Wurzeln und Neon

Taiwan – Geschichte, Wurzeln und Neon

Lesedauer 10 Minuten

Ich sitze mal wieder in meinem Lieblingscafé in Taiwan — ja, in einem Starbucks. Draußen ist der Himmel mit Wolken verhangen und ich warte sehnsüchtig auf den angesagten Regen, der jeden Moment einsetzen und die gesamte Woche über nicht aufhören soll. Das ist mein Wetter. Wenn die Welt draußen stiller wird und weniger Menschen auf den Straßen sind, zieht es mich bepackt mit meinem transparenten Regenschirm nach draußen.

Bis der Regen sich endlich über Taiwan ergießt, bleibe ich hier sitzen und schreibe — von der politisch und geschichtlich aufgeladensten Stelle des Landes über die Mangrovenwälder in Hongshulin bis hin nach Ximending.

Chiang Kai-shek Memorial

Ich werde hier keinen Geschichtsunterricht in schriftlicher Form halten. Wer etwas über diesen Mann wissen möchte, findet im Internet mehr als genug Material. Den meisten dürfte dennoch klar sein, dass es ohne Chiang Kai-shek das heutige Taiwan in dieser politischen Form vermutlich nicht geben würde — auch wenn mit ihm gleichzeitig Unterdrückung, Gewalt und jahrzehntelange Angst ins Land kamen. Sein Anteil und Mitwirken an der Ebnung des Weges zum heutigen Taiwan ist umstritten und voller Widersprüche. Nichtsdestotrotz ist das Land heute eine Demokratie, wie Asien sie zuvor nicht erlebt hat. Taiwan war außerdem das erste asiatische Land, das im Jahr 2019 die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt hat. Und gerade weil Chiang Kai-shek so umstritten ist, ist seine Gedenkstätte einer der politisch aufgeladensten Orte in ganz Taiwan. Natürlich musste ich dorthin.

Für einen Moment dachte ich, ich wäre mit der Tamsui–Xinyi Line, oder wie man hier sagt der Red Line, aus Versehen bis nach Los Angeles gefahren. Ich hatte mich aus der Chiang Kai-shek Memorial Hall Station an die Oberfläche gekämpft und war plötzlich von subtropischem Klima und vielen Palmen umgeben. Doch mein eigentliches Ziel, das ich schon unzählige Male im Internet gesehen hatte, befand sich direkt hinter mir: der Liberty Square, auch Freedom Square genannt. Ein über 240.000 Quadratmeter großer Platz im Bezirk Zhongzheng in Taipei, der der Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Bereits seit seiner Fertigstellung Ende der 1970er Jahre ist dieser Platz ein beliebter Treffpunkt für jedermann. Neben dem Nationaltheater und einer fast identisch aussehenden Nationalen Konzerthalle befindet sich am Haupteingang das berühmte Liberty Square Main Gate. Dieses Tor hat mit Sicherheit jeder schon einmal im Internet oder im Fernsehen gesehen.

Außerhalb Asiens ist das eigentliche Memorial weniger bekannt — doch genau das ist der Teil, der geschichtlich und politisch so brisant aufgeladen ist.

Das Chiang Kai-shek Memorial selbst ist groß. Strahlend weiß. Monumental. Fast übermenschlich ruhig gebaut. Ein Platz, der so sauber ist, dass er klingt, wenn man darüber läuft. Die Architektur will Würde, Erinnerung, Schwere — als würde der Beton sagen, hier geht es um Geschichte, um Macht, um Blut, um Sieg und Verlust. Ein Ort, der meiner Meinung nach zumindest nach Ruhe verlangt. Doch die Realität war völlig anders. Die Treppen des monumentalen Bauwerks links und rechts waren belagert von Hunderten Menschen. Schulklassen hatten ihren Sportunterricht kurzerhand auf die Stufen verlegt und krabbelten auf allen vieren rückwärts die Treppe hinauf zu Chiang Kai-shek. Dazwischen überall Menschen mit Smartphones — wie ich. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich unten vor den Stufen stand und kurz dachte, die Polizei müsste eigentlich eingreifen, nicht hart, sondern ordnend, um die Stille zu schützen, die dieser Platz verlangt.

Die Menschen stellten Stative auf, montierten ihre Smartphones darauf und tanzten, hörten laute Musik, drehten TikTok-Videos mit den neuesten Trends — und Chiang Kai-shek als stillen „Ich war hier“-Hintergrund. Ich empfand es als respektlos und ließ ungläubig meinen Blick über die Szene schweifen. Die Mehrheit ignorierte das meterhohe Schild, KEINE FOTOS IN DER HALLE zu machen, und knipste knutschend Selfies auf dem roten Teppich direkt vor der Statue. Meine suchenden Blicke trafen Polizeibeamte, Sicherheitsdienst und sogar eine Art Garde — doch sie standen da wie leere Hüllen und taten absolut nichts.

Im selben Moment wurde mir klar, wie paradox mein eigener Gedanke war. Kaum ein Ort in Taiwan ist politisch aufgeladener als dieses Monument, das an einen autoritären Herrscher erinnert. Gerade hier wäre es grotesk, Menschen zum Schweigen zu bringen, nur damit die Kulisse ehrwürdig bleibt.

Die TikToks wirkten auf mich respektlos, ja. Und doch sind sie vielleicht genau das, was Freiheit ausmacht. Menschen sind chaotisch, nervig, manchmal oberflächlich, manchmal tief und laut – menschlich eben. Demokratie bedeutet eben auch, dass Menschen Orte benutzen dürfen, wie sie wollen — selbst wenn sie dabei den geschichtlichen Ernst zertrampeln. Der Preis dieser Freiheit ist, dass nichts mehr unberührt bleibt, nicht einmal Erinnerung.

Und wer hat überhaupt festgelegt, dass man an einem geschichtsträchtigen Ort zwingend ruhig sein muss und sich still verhalten soll? Geschichte bedeutet für jeden etwas anderes. Die einen sind andächtig und still, die anderen drehen trendige Videos. Immerhin bindet die neue Generation diesen Teil der Geschichte in ihre eigene moderne Version von Geschichte ein — TikTok. Sie machen nichts kaputt, sie beschmieren kein Stück Geschichte, sie geben ihr lediglich ihre eigene Form.

In diesem Moment wurde mir klar, wie sehr ich mich auf dieser Reise bereits verändert habe.

Mangroven

Ich war etwas verwundert, Mangroven in Taiwan zu finden. Meine innere Landkarte verortete diese Bäume ausschließlich in anderen Regionen der Welt — auf keinen Fall hier, wo alles ein bisschen schief ist und es ganze Familien auf Rollern gibt, die eigentlich physikalisch gar nicht existieren dürften. Eine Mutter am Lenker, zwei Kinder hinter ihr, dazwischen Einkaufstaschen, die an beiden Seiten baumeln wie bunte Satelliten. Und ganz vorne sitzt ein Hund. Kein nervöser Hund, sondern ein professioneller Rollerhund, mit geradem Blick nach vorn, als hätte er schon hunderttausend Kilometer Asphalt gesehen. Die Ohren flattern im Fahrtwind, die Zunge hängt entspannt heraus, und er scheint das alles vollkommen normal zu finden. Und genau hier stolperte ich plötzlich in ein Mangrovengebiet — umgeben von Wolkenkratzern und Brücken, die noch höher zu ragen scheinen.

Die Mangroven stehen im brackigen Wasser wie alte Wächter, die schon da waren, bevor jemand auf die Idee kam, Beton über sie zu legen. Ihre Wurzeln ragen wie knochige Finger aus dem Schlamm, verästelt, verknotet, seltsam lebendig. Man hat das Gefühl, sie atmen — langsam, schwer, in einem anderen Rhythmus als die Stadt. Jeder Schritt auf den Holzstegen klang leise, fast respektvoll, als würde man ein sanft schlafendes Wesen betreten. Über mir rauschten Züge vorbei, summende Stromleitungen zogen sich wie ein Spinnennetz über die Baumkronen, unter mir gluckerte das Wasser, und irgendwo dazwischen existierte dieses grüne Zwischenreich.

Es riecht nach Salz, nach Moder, nach Leben, das gleichzeitig entsteht und vergeht. Vögel kreischen, Insekten sirren, und trotzdem liegt eine eigenartige Ruhe in der Luft. Nicht still — eher geduldig. Die feuchtwarme Luft allerdings drückte schwer auf mich. Dabei schien ich wieder einmal der Einzige zu sein, dem das so ging, denn andere joggten entspannt vorbei oder trugen, wie so oft, Jacken.

Hongshulin ist kein klassischer Ort für Postkartenmotive — für mich schon, aber er ist eben nicht poliert und nicht süß. Dafür ist Hongshulin ehrlich. Du spürst, dass hier Natur und Stadt keine Feinde sind, sondern eine seltsame, unbequeme Beziehung führen. Beton stößt an Wurzeln, Stahl trifft auf Schlamm, der Mensch trifft auf etwas, das ihn überdauern wird.

Ximending

Für alle, die schon einmal in Japan waren — dieser Ort ist ein bisschen wie Ikebukuro und Akihabara zusammen. Ximending ist kein Ort, den man besichtigt. Es ist ein Zustand, der sich über einen legt wie grelles, vibrierendes Licht.

Schon an der Metrostation spürt man, dass hier etwas anderes beginnt. Die Rolltreppe spuckt Menschen wie einen endlosen Strom an die Oberfläche, und mit jedem Meter nach oben wird die Luft dichter, lauter, elektrischer. Oben angekommen fällt man direkt in ein Meer aus Neon, LED-Bildschirmen und sich bewegenden Farben. Die Fassaden scheinen nicht stillzustehen, sie flackern, pulsieren, blinken — als würde die Stadt selbst atmen, aber in unruhigem Takt.

Ximending klingt, bevor man es sieht. Musik kommt gleichzeitig von überall und nirgends. Aus kleinen Läden, aus mobilen Lautsprechern, aus Geschäften mit offenen Türen, von Straßenkünstlern, aus der Werbung der riesigen LED-Displays, aus Smartphones. K-Pop schneidet sich mit taiwanischem Pop, darunter brummt der Bass eines vorbeifahrenden Rollers, darüber schreit ein Verkäufer in ein Mikrofon. Nichts ist harmonisch — und genau deshalb ist alles lebendig. Der Lärm ist nicht aggressiv, er ist fordernd. Er zieht einen hinein oder wirft dich direkt wieder hinaus.

Die Menschen in den Straßen sind dicht gedrängt, schnell, unaufhörlich. Teenager in bunten Outfits, Cosplayer, Freundesgruppen, Familien, Paare, Touristen, Verkäufer, Straßenmusiker, Influencer mit Selfie-Sticks, Kinder mit leuchtenden Spielsachen. Man wird geschoben, getragen, mitgerissen, in eine andere Richtung gestoßen. Niemand bleibt stehen, und doch bleibt alles zusammen. Körper an Körper, Schulter an Schulter, aber ohne Feindseligkeit — eher wie ein riesiger, warmer Strom, der dich einfach mitnimmt.

Und über allem liegt dieser Geruchsmix, der sich in die Kleidung frisst. Süßes Karamell, warme Waffeln, cremiger Milchtee, fruchtiger Bubble Tea. Daneben Fett, gegrilltes Fleisch, Knoblauch, Brühe, gebratener Reis, frittiertes Hähnchen. Die Luft ist eine einzige sensorische Explosion, ein ständiges Versprechen von Hunger, Lust und Überfluss.

Mitten in diesem Tumult lag mein Ziel. Ein K-Pop-Laden, vollgestopft bis unter die Decke. Poster hängen übereinander, Alben stapeln sich wie farbige Ziegel, Lightsticks leuchten wie Sterne in Regalen, Fotokarten glitzern hinter Glas. Draußen dröhnt die Straße, drinnen herrscht fast ehrfürchtige Stille — nur unterbrochen von Fans, die flüstern, staunen oder leise lachen. Für viele ist dieser Laden kein Geschäft, sondern ein Heiligtum, ein Ort, an dem Begeisterung greifbar wird. Selbst Merch, der in Deutschland nicht einmal mehr online erhältlich ist, steht hier nicht als Rarität in den Regalen, sondern in Hülle und Fülle, als lägen im Lager noch unzählige weitere Kartons bereit.

Doch man kann nicht lange bleiben. Ximending zieht einen wieder hinaus. Zurück ins Neon, in die Musik, in die Menschenmassen. Man verliert kurz die Orientierung, findet sie wieder, verliert sie erneut. Schilder, Bildschirme, Lichter, Gerüche, Stimmen — alles überlagert sich, bis man nicht mehr weiß, wo die Straße endet und das Spektakel beginnt.

Und trotzdem ist Ximending nicht bloß Oberfläche. Unter der grellen Schicht steckt echtes urbanes Leben. Jugendliche probieren Identitäten aus, Straßenkünstler suchen Aufmerksamkeit, Händler kämpfen um Kundschaft, Freundesgruppen schaffen Erinnerungen, Paare laufen Hand in Hand. Hier zeigt sich Taiwan als global vernetzte, kreative, selbstbewusste Jugendkultur — laut, verspielt, kompromisslos gegen Langeweile.

Wer Ximending verlässt, ist müde. Vielleicht sogar überfordert. Aber auch aufgeladen, als hätte man sich kurz an eine riesige Stromquelle angeschlossen. Es ist kein Ort der Ruhe — es ist ein Ort, der einen verändert, wenn man ihn zulässt.


Man verlässt Orte in Taiwan nicht mit dem Gefühl, etwas „Schönes gesehen“ zu haben. Man geht mit dem Gefühl, etwas verstanden zu haben — über Städte, über Menschen, vielleicht sogar über sich selbst. Taiwan ist ein Erlebnis, das weiterwirkt, lange nachdem die Lichter von Ximending verblasst sind, die Stände auf den Nachtmärkten abgebaut sind und die Mangroven wieder leise atmen.

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