Wie eine wütende Schlange aus Aluminium rast der Local Train durch Taipei, geradewegs von der Taipei Main Station nach Ruifang. Hinaus aus dem Beton, hinein in das Zittern der Landschaft. Er schüttelt die Stadt ab wie Staub von seinen Schuppen, frisst Tunnel, spuckt Licht, verschluckt wieder Dunkelheit. Metall quietscht, als würde der Zug protestieren gegen die Eile der Menschen, die er trägt.
Dann öffnet sich nach etwa einer Stunde die Ostküste. Das Meer liegt da, unverschämt blau, als hätte jemand die Farbe zu laut aufgetragen. Klippen schneiden den Horizont, der Wind drückt Salz durch jede Ritze, und der Zug wird kurz stiller, fast ehrfürchtig. Hier fährt man nicht einfach durch, hier gleitet man – entlang einer Kante zwischen Berg und Wasser, als wären Gleis und Straße eine fragile Entscheidung.
Je näher ich Ruifang komme, desto müder klingt das Rattern des Zuges. Die Schlange verliert ihre Wut, rollt sich zusammen, atmet aus. Am Ende dieser Fahrt steht kein Ziel, kein Ankommen. Ruifang dient mir, wie auch Millionen anderen, nur als Transitstadt. Ich steige um, setze meine Reise mit dem Bus statt der Bahn fort. Feuchte Luft, langsame Schritte, und das Gefühl, dass die Zeit hier anders tickt – nicht langsamer, sondern weniger beleidigt von der Existenz.



Enten und Tauben dürfen hier übrigens kein Bus fahren 😂
Ruifang
Ruifang ist keine Postkarte, sondern ein Knotenpunkt. Eine alte Bergbaustadt, früher Zentrum des Goldabbaus im Norden Taiwans. Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier wirklich viel Gold gefunden, und plötzlich wuchs aus einem Dorf ein industrieller Organismus. Minen, Schienen, Arbeiterhäuser, Bars, Staub in der Luft.
In der Gegenwart ist Ruifang fast nur noch ein Verkehrsdrehkreuz. Hier steigen die Leute um – Richtung Jiufen, Houtong (das Katzendorf) oder Pingxi mit seinen Himmelslaternen. Der Ort ist nicht hübsch, aber auch nicht hässlich. Er ist funktional. Lebendig. Kleine Essensstände, der Geruch von Frittiertem, Züge, die kommen und gehen. Es ist die Bühne hinter dem Theater.
Und heute, ja gerade jetzt in diesem Moment, scheint die Stadt alles hinauszuspülen, was ihr nicht passt. Regen ergießt sich in Massen über die Straßen. Schulkinder sitzen an den Bushaltestellen auf den Bänken, die Füße angezogen, weil der Boden sich bereits in kleine Rinnsale verwandelt hat. Es sieht ein bisschen witzig aus, und auch süß. Sie tragen alle dunkelblaue Uniformen mit leuchtend orangenen Jacken darüber. Manchmal, wenn in der Ferne eine oder zwei Klassen gemeinsam über eine Kreuzung laufen, sieht es aus, als würde ein orangefarbener Tausendfüßler die Straße queren.



Ich allerdings stand heute eine ganze Ewigkeit an der Ampel. Es brauchte fast eine Woche, bis ich verstand, dass man in Taiwan über Rot gehen darf – selbst wenn die Polizei danebensteht. Wenn die Fußgängerampeln hier rot zeigen und dabei blinken, heißt das schlicht: Der Verkehr wird nicht geregelt. Oder eher, er regelt sich selbst. Schau, ob frei ist, und geh dann rüber.
Meistens schalten die Ampeln nachts oder zur Rush Hour in diesen Modus, damit die Blechlawine sich schneller durch die Stadt schieben kann. Fußgänger haben dennoch immer Vorrang, und Autos, Busse und Roller müssen auf jeden Fall anhalten.
Jiufen
Von Ruifang aus ist es nur noch eine kurze Busfahrt den Berg hinauf, und doch fühlt sie sich an wie ein Übergang in eine andere Schicht der Zeit. Die Straße windet sich durch Nebel und feuchte Wälder, vorbei an Häusern, die sich an den Hang klammern, als hätten sie Angst, in die Tiefe zu rutschen. Mit jeder Kurve wird es enger, voller, dichter, bis Jiufen plötzlich vor mir liegt – wie eine Erinnerung, die jemand zurückgelassen hat.
Rote Laternen, schmale Treppen, Teehäuser aus dunklem Holz, Fenster, die vom Atem der Besucher beschlagen sind. Über allem dieses diffuse Licht, das den Regen nicht vertreibt, sondern ihn nur sichtbarer macht. Auf den ersten Blick wirkt alles wie eine Filmkulisse, als hätte man hier einen Ort gebaut, der sich selbst ständig spielt. Doch je länger ich bleibe, desto mehr löst sich diese Illusion auf und gibt den Blick frei auf feuchte Wände, abblätternde Farbe, rostige Geländer und improvisierte Reparaturen. Auf ein Jiufen, das nicht bewahrt, sondern benutzt wird. Das nicht spielt, sondern lebt.
Zwischen den schmalen Treppen und den ineinander verschachtelten Häusern öffnen sich immer wieder Blicke in Teehäuser, kleine Garküchen, Souvenirläden und unscheinbare Räume. Warmer Duft nach Zucker, Öl und Tee steigt in die feuchte Luft, gelbes Licht dringt nach außen, irgendwo mischt sich leise Musik mit dem Regen, als würde der Ort selbst atmen. Drinnen sitzt man dicht beieinander, der Dampf der Teekannen mischt sich mit dem Atem der Menschen, und das Klirren von Porzellan und Bierkrügen klingt wie ein leiser Gegenzauber gegen das Wetter. Die Fenster beschlagen, draußen ziehen die Wolken hastig über die Dächer. Für einen Moment scheint alles stillzustehen – als wäre Jiufen nicht nur ein Ort, sondern ein Zustand zwischen Bewegung und Pause, zwischen Gehen und Bleiben.
Doch auch hier bleibt nichts unberührt von der Feuchtigkeit. Das Holz ist dunkel vom Wasser, die Treppen glattgetreten von unzähligen Schritten. Selbst in dieser Wärme liegt etwas Melancholisches, als wüsste der Ort, dass er bewundert wird, aber niemals ganz verstanden.













Es fühlt sich an wie ein Ort, der sich selbst nicht mehr ganz glaubt. Als hinge er zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen dem, was er einmal war, und dem, was andere heute in ihm sehen wollen. Alles wirkt gleichzeitig echt und gespielt, lebendig und müde, als trüge die Stadt ihre eigene Erinnerung wie ein zu schweres Kostüm. In den Gassen liegt eine Nostalgie, die nicht tröstet, sondern fragt, wofür sie eigentlich da ist. Und während die Menschen fotografieren, essen und lachen, scheint darunter eine andere Schicht zu liegen. Eine leise, verborgene Traurigkeit, die man nicht erklären muss, weil man sie spürt, sobald man stehen bleibt.
Jiufen ist kein Ort, der sich zeigt, um zu gefallen. Es ist ein Ort, der dich zwingt, deine eigene Sehnsucht zu betrachten. Vielleicht ist genau das der Grund, warum er so schön wirkt – und gleichzeitig so schwer.
Der Regen fällt ohne Unterlass, als hätte der Himmel beschlossen, sich selbst zu entleeren. Irgendwann höre ich auf, dagegen anzukämpfen, obwohl ich heute besser bekleidet und vorbereitet bin als gestern. Sinnlos ist es dennoch, denn nass ist nun mein neuer Zustand – so selbstverständlich wie das Atmen.
Ich lasse mich treiben, verliere die Richtung, verliere das Gefühl für oben und unten, bis ich abseits der Hauptgassen auf kleine Schilder stoße, die nach unten zeigen. Unscheinbar, fast zufällig, als wären sie nicht für Besucher gedacht, sondern für Menschen, die schon wissen, was sie suchen. Ohne lange nachzudenken folge ich ihnen. Hinab über Stufen, die immer schmaler werden, vorbei an versteckten Tempeln, an privaten Häusern mit offenen Türen, an Katzen auf Fensterbänken, denen der Regen aus dem Fell tropft. Vorbei an Mopeds, die im Nichts geparkt stehen und das Meer dort unten immer fest im Blick – bis auch das verschwindet und nur noch der Wald bleibt.
Der Weg wird immer unwegsamer, überwuchert von der Zeit, rutschig, feucht. Pflanzen greifen nach meinen Beinen, als wollten sie mich zurückhalten, und in den Bäumen höre ich Bewegungen, die ich nicht einordnen kann. Schlangen geben mir zu verstehen, dass dieser Ort nicht für mich gedacht ist, sondern mich nur duldet.
Dann taucht plötzlich ein Schild aus dem Nichts auf. Die Zeichen verstehe ich nur halb – Fragmente auf Chinesisch, die ich mir zusammenreime. Sie erzählen von Gold, von einem Berg, von Zeit. Darunter die Zahl: 790 Meter. Eine Distanz, die harmlos klingt und doch nichts mit Horizont zu tun hat, sondern mit Tiefe, mit Höhe, mit Erschöpfung.
Die Stufen – über tausend liegen bereits hinter mir – führen weiter hinab. Der Boden ist glitschig, jeder Schritt ein leiser Vertrag mit dem Risiko. Ich rutsche, fange mich, lache kurz, rutsche wieder, während in meinem Kopf immer derselbe Gedanke auftaucht: Gleich fällst du in ein Loch, und niemand wird dich finden.
Trotzdem gehe ich weiter. Nicht aus Mut, sondern aus einer stillen Sturheit heraus. Vielleicht, weil ich sehen will, wohin dieser Weg führt. Vielleicht, weil ich gerade nichts kontrollieren möchte.








Am Ende führt er nirgendwohin – außer zurück. Zurück in ein Jiufen, das mir plötzlich fremd vorkommt, als hätte ich eine Falte in der Zeit betreten, aus der ich nicht wieder herausgekommen bin. Doch ein paar Stufen weiter erreiche ich wieder die Zivilisation.
Als ich im Bus sitze, bin ich bis auf die Knochen durchnässt. Der Regen prasselt gegen die Scheiben, und die Welt zieht grau an mir vorbei. Ich versinke in einem Tagtraum und merke erst nach mehreren Haltestellen, dass ich längst hätte aussteigen müssen. Weil mein Körper schon angekommen ist, während mein Kopf noch irgendwo zwischen Wald, Stufen und Nebel feststeckt.

Der Name Jiufen „Neun Portionen“ stammt angeblich daher, dass es früher nur neun Häuser gab. Wenn jemand einkaufen ging, brachte er gleich neun Portionen für alle mit. Das ist vielleicht nicht historisch wasserdicht – aber poetisch wahr. Jiufen war während der Qing-Dynastie (vor 1895) ein kleines, abgelegenes Bergdorf mit genau neun Familien oder Haushalten. Wenn Schiffe oder Händler Waren lieferten, bestellten die Bewohner stets neun Portionen (jiǔ fèn, 九份), um alle zu versorgen.
Wieder in Ruifang angekommen, ist es bereits dunkel geworden. Die Lichter spiegeln sich auf dem nassen Asphalt, und alles wirkt, als wäre die Welt nur noch ein verschwommenes Echo dessen, was sie tagsüber war. Ich steige wieder in den laut ratternden Local Train, diese müde gewordene Schlange aus Metall, die jetzt nicht mehr wütend ist, sondern nur noch funktioniert – aus Gewohnheit, aus Pflicht, aus einer Art mechanischem Durchhalten.
Die Türen öffnen sich an jeder Station viel zu lange, als würde der Zug selbst zögern, weiterzufahren. Mit jedem Halt kriecht neue Kälte hinein, in mich hinein. Feuchte Luft legt sich auf meine Haut, als hätte der Regen beschlossen, mir auch hier nicht von der Seite zu weichen. Es gibt keine Heizung, nur das monotone Rattern, das sich anfühlt wie ein Herzschlag, der schon zu lange schlägt, ohne wirklich gehört zu werden.
Ich halte den warmen Milchtee in den Händen, als wäre er das letzte Stück Wärme, das mir gehört, und starre aus dem Fenster, wo sich die Landschaft in dunkle Flecken und flüchtige Lichter auflöst. Mein Körper ist schwer, meine Beine brennen von den Stufen, und mein Kopf fühlt sich an, als hätte er zu viele Orte gleichzeitig betreten und keinen richtig verlassen.
Der Zug trägt mich weiter, auch jetzt, auch so – nass, müde, erschöpft. Und irgendwo zwischen zwei Bahnhöfen, zwischen zwei Gedanken, merke ich, dass dieser Wunsch, nach Hause zu kommen, kein Rückzug ist, sondern ein Ende, das man sich verdient hat. Nicht weil man genug gesehen hat, sondern weil man heute genug gefühlt hat.
Fazit
An den Küsten Taiwans nieselt es nicht romantisch, der Himmel kippt seine Eimer um und geht dann rauchen. Irgendwo zwischen Bergen, Meer, Nebel und Laternen lernt man, dass Schönheit hier nicht glänzt, sondern atmet, dass sie nicht gespielt ist, sondern durchlebt. Diese Orte wollen nicht gefallen, sie wollen erlebt werden, und manchmal bedeutet das, nass, müde, verloren und gleichzeitig vollkommen gegenwärtig und überwältigt zu sein. Es war von allem zu viel und gleichzeitig zu wenig. Zu viele Gerüche, doch man kann nicht alles essen. Zu viele Eindrücke, Farben, Töne, Szenerien, doch man schafft es nicht, jeden Winkel zu erkunden. Man kann hundertmal nach Jiufen kommen und wird jedes Mal etwas Neues entdecken, selbst wenn man dieselben Straßen entlanggeht. Vielleicht ist genau das der Schleier, den ich überall gespürt habe – nicht als scharfe Kante, sondern als Erinnerung daran, dass alles hier im Übergang ist. Städte, Wege, Menschen, Gedanken. Und auch ich.
Und während ich weiterfahre, es weiter regnet, lasse ich den Ort hinter mir – aber nicht das Gefühl.
