Meine Koffer sind gerade erst ausgepackt – noch tragen sie die Spuren von Taiwan auf ihrer Oberfläche, feine Kratzer vom Gepäckband, Staub in den Rollen, ein fremder Geruch, der sich nicht sofort vertreiben lässt. Und doch sind sie innerlich längst wieder gepackt.
Kaum zwei Wochen liegt Taiwan hinter mir. Die Wäsche ist gewaschen, die Mitbringsel verteilt, die ersten Geschichten erzählt. Doch die Bilder in meinem Kopf sind noch nicht einmal annähernd sortiert. Vieles davon ist noch roh, ungefiltert, irgendwo zwischen Erinnerung und Gefühl. Und trotzdem stecke ich schon wieder mitten in den Vorbereitungen. Gestern Abend habe ich meinen Flug bei ANA (All Nippon Airways) nach Japan gebucht. In gut 135 Tagen hebt der stählerne Vogel wieder ab – und ich bin wieder sein Gast.
In meinem Kopf überschlägt sich gerade alles. Die Eindrücke aus Taiwan wirken noch nach, mal leise, mal überraschend intensiv. Gleichzeitig wächst die Vorfreude auf Japan, auf Südkorea, auf all das, was noch kommt. Und dazwischen liegt der Alltag. Jener Teil, den man hier kaum sieht, von dem ich nicht stolz und emotional erzähle. Die Monate, in denen ich arbeite, spare, verzichte und plane. Denn eines ist vielleicht nicht jedem klar aber diese Reisen entstehen nicht einfach aus einem spontanen Impuls heraus. Sie sind erarbeitet. Erspart. Erkämpft.
Zwischen meinen Aufenthalten in Asien, wenn ich wieder in Deutschland bin, verzichte ich auf vieles, um mir überhaupt erlauben zu können, mehrere Monate in Japan zu leben oder – wie in diesem Jahr – gleich mehrmals nach Asien zu fliegen. Manchmal fühlt es sich tatsächlich so an, als würde ich morgens nur dafür aufstehen. Als würde alles andere drumherum lediglich den Rahmen bilden für dieses eine Ziel. Und vielleicht ist es auch genau so.
Ich arbeite nicht nur für Geld. Ich arbeite für Bewegung. Für die Möglichkeit, wieder in ein Flugzeug zu steigen. Für dieses Gefühl, wenn sich mein Leben für einen Moment deckungsgleich anfühlt mit meinem inneren Wunsch. Und natürlich verfolge ich weiterhin meinen Traum, nach Japan auszuwandern. Diese nächste Reise ist nicht nur ein Wiedersehen mit einem Land, das mir vertraut ist. Sie ist ein weiterer Schritt in meine Zukunft. Vielleicht kein riesiger, kein spektakulärer – aber einer, der meinen Weg ein bisschen ebnet. Ein weiteres Stück Realität in einem Traum, der längst keiner mehr ist.
Drei Reisen nach Asien in einem Jahr – während ich das schreibe, halte ich selbst kurz inne. Es klingt nach viel. Vielleicht sogar nach maßlos. Aber so fühlt es sich nicht an. Es fühlt sich eher richtig an – wie ein nach Hause kommen.
Mein Innen
Jeder Tag in Deutschland fühlt sich für mich an wie eine Kugel aus Glas, in der ich gefangen bin. Ich kann hinausblicken, sehe die Richtung, erkenne sogar die Konturen dessen, was auf mich wartet – und doch trennt mich noch etwas davon. Diese unsichtbare Wand lässt sich nicht einfach durchbrechen, nur weil man es will.
Der Weg dorthin fordert Opfer. Entscheidungen, die man nicht leichtfertig treffen kann, und die sich nich einfach zurücknehmen lassen, wenn sie einmal getroffen wurden. Es sind keine kleinen Schritte, keine spontanen Richtungswechsel. Es sind Weichen, die gestellt werden – und sie verschieben nicht nur einen Wohnort, sondern das ganze Ich – das, was ich sein will und wer ich werden möchte.
Ich habe meinen Traum zum Teil bereits gelebt, und doch schreit alles in mir nach mehr. Nicht nach einem weiteren Aufenthalt auf Zeit, nicht nach ein paar Monaten, die irgendwann wieder enden. Ich möchte dort nicht nur „vorübergehend“ leben. Ich möchte meine noch verbleibende Zeit auf dieser Erde dort verbringen. Dort, in Japan, wirklich leben.
Und ja, ich bereite mich vor – jeden einzelnen Tag. Ich lerne noch immer die Sprache, übe jeden Tag ein kleines Stück mehr, um wirklich anzukommen. Ich stelle mir vor, eines Tages in der japanischen Arbeitswelt Fuß zu fassen – vielleicht als Entwickler, vielleicht in einem Job, den ich jetzt noch gar nicht klar sehe. Vielleicht sitze ich in einem winzigen Holzhaus wie aus einem Anime, mit Blick auf einen Garten oder eine kleine Straße, oder in einem Apartment, das ich mein Zuhause nennen kann, und programmiere still vor mich hin. Und wenn es nötig ist, würde ich alles tun, jede Arbeit annehmen, nur um diesen Traum leben zu können. Denn es geht nicht um Status, nicht um Prestige. Es geht darum, wirklich zu sein, wirklich zu leben – an einem Ort, der mich trägt, der mich versteht und den ich liebe.
Ich kehre zurück
Nicht als Besucher. Nicht mit einer Liste an Sehenswürdigkeiten. Sondern mit einem Alltag, der mir bereits ein wenig vertraut ist und der sich trotzdem nie falsch angefühlt hat. Ich weiß noch, wie sich die Luft im Sommer anfühlt. Wie ruhig Straßen im Winter nachts werden können. Wie die Menschen im Supermarkt um die Ecke mich angelächelt haben. Und ich weiß noch, wie anders mein eigenes Denken dort war. Weniger Widerstand. Mehr Fluss. Mehr Stimmigkeit zwischen mir und meiner Umgebung.
Deshalb kehre ich zurück. Nicht aus Unsicherheit, sondern aus dem Wunsch nach Klarheit. Dieses Jahr ist für mich kein Fliehen vor Deutschland und auch kein blindes Hinterherlaufen eines Traums. Taiwan hat mir etwas Entscheidendes gezeigt. Es hat mir bewiesen, dass es nicht „Asien“ ist, das mich ruft. Es ist nicht die Entfernung, nicht das Fremde, nicht das bloße Anderssein oder einfach nur das Woanderssein als Deutschland. Taiwan war intensiv, ehrlich, teilweise herausfordernd. Und gerade dadurch wurde mir klar, dass meine Verbindung zu Japan nichts mit Projektion zu tun hat. Ich liebe nicht irgendeinen Ort, solange er nur weit genug von meiner eigentlichen Heimat entfernt ist. Ich liebe wirklich Japan.
Vielleicht musste ich genau das noch einmal prüfen. Vielleicht brauchte ich ein anderes Land, um zu erkennen, dass meine Entscheidung nicht aus Trotz entstanden ist, sondern aus Tiefe. Taiwan hat nichts kaputt gemacht und auch nichts relativiert. Es hat meine Beziehung zu Japan leiser und gleichzeitig fester werden lassen. Es ist keine Schwärmerei mehr. Kein impulsives „Ich will weg“. Es ist eine ruhige Gewissheit, die jeden Tag da ist – auch hier, in dieser Glaskugel. Ja – Japan ist mein Antrieb jeden Tag weiterzumachen.
Freunde in Japan
Was diese Rückkehr nach Japan diesmal anders macht, sind die Menschen. Mein erster Vermieter – inzwischen ein echter Freund. Der Friseur in Kawagoe. Die Menschen im Krankenhaus, die mir nach der Operation geholfen haben. Und nicht zuletzt mein Freund aus Deutschland, den ich ausgerechnet in Japan kennengelernt habe.
Er ist den Weg bereits gegangen, den ich noch vor mir sehe. Hat den Traum, den ich noch träume, längst in Realität verwandelt. Und all diese Menschen erwarten mich. Mein Freund hat mir erneut seine Wohnung vermietet. Die Menschen im Krankenhaus werde ich besuchen, um mich noch einmal bei ihnen zu bedanken. Denn ohne sie hätte mein Abenteuer 2025 niemals stattfinden können. Allein dieser Gedanke berührt mich mehr, als ich es oft zeigen kann.
Denn selbst wenn man bereits Monate in einem Land gelebt hat, gibt es Ebenen, die sich erst öffnen, wenn man nicht mehr nur Mieter oder Besucher ist, sondern Freund. Wenn Einladungen nicht aus Höflichkeit entstehen, sondern aus echter Verbundenheit. Wenn man nicht nur geduldet wird, sondern dazugehört.
Ich hatte früher oft die Sorge, mich irgendwann in dieser viel zitierten „Gaijin-Blase“ wiederzufinden. Unter Ausländern zu bleiben oder vielleicht sogar ganz alleine zu sein, abgeschirmt von dem Land, das ich eigentlich verstehen wollte. Doch mit dieser Blase hatte ich bisher keinerlei Berührungspunkte. Ganz im Gegenteil. Ich habe Menschen kennengelernt, die mich nicht auf meine Herkunft reduziert haben, sondern mich als Person gesehen haben. Mit meinen Eigenheiten, meinen Gedanken, meiner Geschichte.
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem ein Ort beginnt, mehr zu werden als nur ein Ziel auf einer Karte. Wenn ich in einigen Monaten wieder im Flugzeug sitze, werde ich nicht als Suchender in Japan landen. Ich komme nicht mehr, um zu prüfen, ob ich mich dort wohlfühle. Ich komme, um bewusst wahrzunehmen, wie es sich anfühlt, zurückzukehren. Ob diese leise Sicherheit bleibt, wenn der Alltag wieder einsetzt. Ob mein innerer Kompass weiterhin so klar ausgerichtet bleibt.
Dieses Jahr ist kein Experiment im Sinne von „Mal sehen, was passiert“. Es ist eine Bestätigung in Etappen. Taiwan liegt hinter mir, Japan steht vor mir, und Südkorea wird folgen. Und auf diese Reise nach Südkorea freue ich mich auf eine Weise, die sich nicht in Worte packen lässt. Nicht nur, weil ich dieses Land noch nie gesehen habe, sondern weil ich diesmal nicht allein gehen werde. Ich gehe mit einem Freund, dessen Nähe alles leichter macht, dessen Lachen selbst graue Regentage durchbricht und dessen bloße Anwesenheit den Moment schon wärmer, klarer und lebendiger macht. Wenn ich daran denke, spüre ich schon jetzt dieses kleine Ziehen im Magen – dieses leichte, aufgeregte Kribbeln, das einem sagt: Bald beginnt etwas Besonderes.
Drei Reisen, drei Perspektiven – und doch bewegt sich alles in dieselbe Richtung. Und ich spüre schon jetzt, dass sich der Kern meiner Entscheidung nicht mehr verschieben wird. Ich freue mich wirklich unglaublich auf diese Rückkehr. Nicht nur wegen der Straßen, der Bahnhöfe, der kleinen Dinge, die ich an Japan liebe. Sondern wegen der Menschen, die dort auf mich warten. Wegen eines Sommerabends unter Feuerwerkslichtern. Wegen Gesprächen, die tiefer gehen als Smalltalk. Wegen dieses Gefühls, nicht nur anzukommen, sondern erwartet zu werden.
Vielleicht ist das der größte Unterschied zu früher. Ich reise nicht mehr, um irgendwo hinzugehören. Ich reise, weil ich längst begonnen habe, dazuzugehören.
Genau deshalb freue ich mich, wieder einmal um die halbe Welt zu fliegen.
