Dieses Jahr fühlt sich für mich wie ein Zustand an, der zwischen mehreren Welten lebt. Die Nächte Taiwans sind noch nicht ganz in meinem Innern verschwunden, obschon die Reise längst Vergangenheit ist. Manchmaltauchen sie in meinen Gedanken wieder auf, völlig unvermittelt, als hätte ein Teil von mir die Straßen Taiwans noch nicht verlassen. Neonlicht, das sich auf nassem Asphalt spiegelt, Stimmen in einer Sprache, die ich nicht vollständig verstehe und dieses seltsame Gefühl, gleichzeitig weit weg von allem Vertrauten zu sein und trotzdem genau am richtigen Ort. Taiwan wirkt noch nach, als würden die Erinnerungen sich erst langsam setzen.
Während ein Teil von mir noch durch diese Erinnerungen wandert, ist ein anderer längst im Hier und Jetzt, bei der nächsten Reise angekommen. Immer wieder verliere ich mich in Tagträumen an Japan. An Bahnhöfe, deren Wege ich kenne, an Straßen, die sich irgendwann vertraut angefühlt haben, an das Gefühl, aus einem Zug zu steigen und zu wissen, dass dieser Ort viel mehr ist als nur ein Punkt auf einer Karte. Es ist ein Ort, auf den sich mein Leben jeden Tag stärker ausrichtet – fast so, als würde alles langsam aber sicher in diese Richtung gezogen werden. Ich lerne jeden Tag weiter die Sprache, Schritt für Schritt, Zeichen für Zeichen, Satz für Satz, weil ich weiß, dass dieser Weg nicht mit einer Reise endet, sondern irgendwann mit einem Leben dort beginnen soll.
Südkorea
Und genau zwischen diesen beiden Orten in Asien ist in diesem Jahr noch etwas aufgetaucht, das lange still im Hintergrund existiert hat, ohne dass ich es jemals wirklich als eigenes Ziel betrachtet habe. Südkorea ist ein Land, in dem ich noch nie gewesen bin. In meinen Erinnerungen existieren daher nur Vorstellungen, viele weiße Flecken auf meiner inneren Karte, die erst noch mit echten Eindrücken, Farben und Momenten gefüllt werden müssen. Es gibt keinen Bahnhof, dessen Wege mir vertraut sind, kein Café, das Erinnerungen trägt, und keine Straße, auf der ich irgendwann einmal stehen geblieben bin und gedacht habe, dass ich diesen Ort liebe. Trotzdem begleitet mich dieses Land schon seit vielen Jahren. Allerdings auf eine ganz andere Weise als die Orte, die ich tatsächlich betreten habe.
Der Grund dafür ist meine Musik. Ich höre nun seit über fünfzehn Jahren K-Pop, und als ich damit angefangen habe, war das in Deutschland noch etwas, das viele Menschen eher belächelt haben. Die meisten wussten nicht einmal, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Für mich spielte das nie eine große Rolle, weil es einfach Musik war, die mich angesprochen hat. Diese Songs liefen rauf und runter während langer Tage, während ich gelernt habe, während ich gearbeitet habe und während sich mein Leben immer wieder verändert hat. Ohne dass ich es wirklich bemerkt habe, sind diese Stimmen, diese Sprache und diese Melodien zu einem leisen Hintergrund meines Alltags geworden.
Doch alles, was ich von diesem Land kenne, stammt aus der Ferne. Seine Musik, sei es der K-Pop oder die 80er Südkoreas, begleitet mich seit Jahren und auch sein Essen hat längst einen festen Platz in meinem Alltag gefunden. Bibimbap, Kimchi und Bulgogi gehören zu den Gerichten, auf die ich immer wieder zurückkomme. Diese Mischung aus Wärme, Schärfe und kräftigen Aromen bleibt im Kopf, selbst wenn man sie tausende Kilometer von ihrem eigentlichen Ursprung entfernt isst. Vielleicht beschreibt genau das meine Beziehung zu Südkorea ganz gut. Vieles daran fühlt sich vertraut an, obwohl ich das Land selbst noch nie betreten habe.
Und ganz ehrlich, ein kleines bisschen kenne ich das Land dann doch schon. Nicht aus der Realität, sondern aus einer ziemlich eigenartigen Gewohnheit von mir. Ich schaue unglaublich gern diese endlosen 4K-Walk-Videos auf YouTube, bei denen jemand mit einer Kamera stundenlang durch Städte läuft. Irgendwann habe ich damit angefangen, durch Seoul zu spazieren, zumindest virtuell. Ohne Flugticket dafür mit Tee auf dem Schreibtisch und der Tastatur direkt vor mir. Inzwischen habe ich vermutlich schon mehr Straßen dieser Stadt gesehen als so manche Menschen, die tatsächlich dort wohnen. Nachtmärkte, enge Gassen, breite Boulevards voller Neonlichter, ruhige Wohnviertel irgendwo zwischen kleinen Cafés und Convenience Stores. Natürlich nur durch einen Bildschirm, aber oft fühlt es sich fast so an, als hätte ich aus der Ferne bereits eine halbe Stadt erkundet.
Vielleicht ist genau das der seltsame Zwischenzustand, in dem sich meine Beziehung zu Südkorea bewegt. Jeden Tag Japanisch lernen und an der Auswanderung arbeiten, während im Hintergrund K-Pop läuft und zur Entspannung ein kleiner 4K-Walk durch Seoul über den Bildschirm zieht.
Vor einigen Monaten habe ich allerdings gemerkt, dass selbst Disziplin gelegentlich eine andere Richtung braucht, vielleicht sogar eine Pause, damit sie nicht zu starr wird. Jeden Tag Japanisch lernen, Kanjis üben, Vokabeln wiederholen und Sätze formen. All das wurde mir trotz aller Liebe und dem Plan dahinter irgendwann zu viel. Ich beschloss, das Lernen ein paar Tage auszusetzen.
Doch die zähe Masse in meinem Kopf nahm den durch diese Pause entstandenen Freiraum sofort für sich in Anspruch. Ich kann einfach schlecht nichts tun. Also begann ich mehr aus Neugier und ein wenig aus Spaß damit, mir die koreanische Sprache im Internet anzusehen. Die Sprache begleitet mich schließlich schon lange durch die Musik, und irgendwann entstand der einfache Gedanke, einmal zu verstehen, wie sie eigentlich geschrieben wird. Also schaute ich mir Hangul an.
Aus ein paar neugierigen Minuten wurden Stunden. Irgendwann fand ich mich lachend mit Stift und Papier auf der Couch wieder und hatte bereits das halbe Hangul-Alphabet gelernt. Eigentlich wollte ich nur kurz nachsehen, wie diese Schrift funktioniert. Statt einer Pause vom Lernen hatte ich mir aber ganz nebenbei noch eine zweite Sprache aufgehalst. Ein ziemlich klassischer Fall von „Ich mache nur kurz Pause“ und ein paar Stunden später lernt man plötzlich wieder irgendetwas. Und trotzdem war genau das der Moment, in dem Hangul begann, Sinn zu ergeben. Zeichen, die vorher nur wie abstrakte Formen aus Linien und Kreisen wirkten, wurden plötzlich zu Lauten, und diese Laute begannen sich langsam zu Wörtern zu verbinden.
Heute ist mein koreanischer Wortschatz noch sehr klein, wahrscheinlich so klein, dass er auf einen post-it passt. Ich kann ein paar grundlegende Dinge sagen, zum Beispiel Hallo oder Danke, vielleicht noch einige andere einfache Wörter, einen Kaffee bestellen aber viel mehr ist es im Moment noch nicht. Trotzdem kann ich die Schrift lesen, schreiben und Wörter aussprechen, selbst wenn ich ihre Bedeutung noch nicht kenne, und allein dieses Gefühl verändert bereits die Art, wie ich die Sprache wahrnehme. Vielleicht liegt es daran, dass mein Ohr sie schon seit vielen Jahren kennt, auch wenn mein Kopf erst jetzt langsam beginnt, sie wirklich zu verstehen.
Die dritte Reise
Am Ende dieses Jahres soll all das jetzt eine neue Dimension bekommen, denn dann werde ich zum ersten Mal nach Südkorea fliegen. Ein Land, das mich so lange nur durch Musik, Videos und Erzählungen begleitet hat, wird plötzlich zu einem echten Ort werden, den ich mit eigenen Augen sehe. Ein neuer Fleck auf meiner inneren Weltkarte, den ich dann mit Farbe, Gerüchen und Geräuschen füllen darf. Seoul wird nicht mehr nur ein Name sein, sondern eine Stadt mit Straßen, Geräuschen, Gerüchen und Menschen, die mich umgeben. Restaurants, in denen Bibimbap oder Bulgogi nicht mehr wie exotische Gerichte auf einer Speisekarte wirken, sondern einfach als ganz normales Essen erscheinen, das zum Alltag gehört. Allein dieser Gedanke hat etwas Seltsames an sich, denn vieles daran fühlt sich vertraut an, obwohl ich noch nie dort gewesen bin.
Ein Teil dieser Vorfreude hat aber auch mit den Menschen zu tun, mit denen ich diese Begeisterung für Südkorea in meinem Alltag teilen kann. Luuk und Rebecca gehören zu den wenigen Menschen in meinem Umfeld, mit denen dieses Interesse an Südkorea wirklich existiert. Wir hören zusammen K-Pop, wir gehen koreanisch essen und verlieren uns manchmal stundenlang in Gesprächen über Musik, das Essen oder einfach über diese Kultur, die uns alle auf unterschiedliche Weise fasziniert. Es sind diese langen Abende, in denen plötzlich ein neues Lied läuft, jemand ein Restaurant entdeckt hat, das unbedingt ausprobiert werden muss oder wir einfach anfangen darüber zu sprechen, wie es wohl wäre, irgendwann selbst durch die Nächte Südkoreas zu laufen.
Und so kam es, dass ich diese Reise nicht alleine antreten werde, sondern gemeinsam mit Luuk. Er ist nicht einfach nur ein Reisebegleiter, sondern einer der Menschen, die in meinem Leben wirklich Gewicht haben und in meinem Herzen wohnen. Jemand, mit dem ich über Jahre hinweg unzählige Songs gehört, Konzerte geschaut, neue Idol-Gruppen entdeckt und immer wieder über dieses Land gesprochen habe, das irgendwo hinter all dieser Musik existiert. Vielleicht fühlt es sich deshalb so selbstverständlich an, dass wir diese Reise zusammen machen. Unsere Freundschaft ist über viele Jahre hinweg immer wieder von genau diesen Liedern begleitet worden, als würden sie leise durch unsere gemeinsame Geschichte laufen. Und bald werden wir tatsächlich durch Seoul laufen. Nicht mehr nur durch Videos, nicht mehr nur durch Gespräche oder Musik, sondern wirklich durch die Straßen dieser Stadt. Vielleicht ist es genau das, was diese Reise jetzt schon so besonders macht. Sie fühlt sich weniger wie ein gewöhnlicher Urlaub an und mehr wie der Moment, in dem ein Ort plötzlich real wird, über den man so lange gesprochen, nachgedacht und geträumt hat.
Irgendwo tief in mir gibt es außerdem eine sehr einfache, fast kindliche Vorfreude auf diese Stadt selbst. Seoul ist einer dieser Orte, die aus der Ferne wie ein einziger Strom aus Energie wirken. Riesige Bildschirme, grelle Farben, Musik, Lichter, Bewegung, Menschen, die sich durch eine Stadt bewegen, die scheinbar nie wirklich stillsteht. Wenn man Bilder oder Videos sieht, entsteht schnell der Eindruck einer glitzernden Welt, die ständig in Bewegung ist. Vielleicht wird es ganz anders sein, wenn ich dort wirklich stehe und nicht mehr nur durch einen Bildschirm darauf schaue. Vielleicht wirkt vieles ruhiger, vielleicht chaotischer, vielleicht völlig anders als erwartet. Aber genau diese Ungewissheit ist ein Teil der Faszination, denn sie ist der Grund, warum wir dorthin fliegen.
Wenn man über fünfzehn Jahre lang nicht nur K-Pop hört, sondern auch die Menschen dahinter verfolgt, fühlt sich dieses Land irgendwann ohnehin merkwürdig nah an. Man liest Nachrichten aus Südkorea, verfolgt die Vlogs der Bands, schaut Interviews oder kleine Shorts und Reels aus ihrem Alltag. All diese Dinge laufen über Jahre hinweg einfach nebenbei mit. Irgendwann hat man das Gefühl, ein kleines bisschen Teil dieser schillernden Welt zu sein.
Türme 😂
Zu jeder Reise gehört inzwischen eine kleine Tradition, die sich über die Jahre fast unbemerkt entwickelt hat. Sie begleitet mich inzwischen in jedes neue Land und wird auch in Südkorea wieder ihren Platz finden. Wenn ich einen neuen Ort betrete, beginne ich ihn fast immer auf die gleiche Weise. Ich suche mir den höchsten Turm, den das Land zu bieten hat, und sehe mir alles zuerst von oben an. Was anfangs nur eine spontane Idee war, hat sich mit der Zeit zu einem festen Ritual verwandelt.
Vor einigen Jahren stand ich zum ersten Mal auf dem Tokyo Skytree und blickte nachts über die Dächer von Tokyo. Dieser Moment hat etwas in meiner Wahrnehmung verschoben. Die Stadt war plötzlich nicht mehr nur ein Labyrinth aus Straßen, durch das man sich bewegt, sondern ein riesiges Geflecht aus Lichtpunkten, Linien und Vierteln, die sich bis zum Horizont ausbreiten. Von dort oben wirkt alles gleichzeitig geordnet und unendlich. Später folgte der Tokyo Tower, und in Taiwan setzte sich diese kleine Gewohnheit fort. Auf dem Taipei 101, noch ein Stück höher auf dem 460 Skydeck, wiederholte sich dieses Gefühl, als würde sich eine Stadt erst dann wirklich öffnen, wenn man sie einmal aus dieser Perspektive gesehen hat.
Irgendwann wurde mir klar, dass es längst keine spontane Entscheidung mehr ist. Dieses erste Hinaufsteigen gehört inzwischen zum Anfang jeder Reise. Noch bevor ich mich zwischen Menschen verliere, bevor ich durch Straßen gehe oder versuche, mich zu orientieren, verschaffe ich mir zuerst einen Überblick. Von oben betrachtet wirkt eine Stadt wie eine riesige Karte. Straßen verwandeln sich in Linien, Häuser in Muster und ganze Viertel in Strukturen, die vom Boden aus kaum zu erkennen sind. Es ist fast wie das kurze Tutorial am Anfang eines neuen Spiels. Während der Reise bis zum Tower, begegnet einem bereits ein kleiner Ausschnitt des Landes. Ticketautomaten, die Metro-Stationen, fremde Beschriftungen, Stimmen, Geräusche, das erste Zurechtfinden im Unbekannten. Ein schneller Crashkurs noch bevor das eigentliche Erkunden beginnt.
Der Lotte World Tower steht bereits auf der Liste und wirkt fast so, als hätte er nur darauf gewartet, Teil dieser Reihe zu werden. Wenn ausnahmsweise einmal alles nach Plan läuft, gehört er zu den ersten Orten, die wir in Seoul ansteuern. Vielleicht liegt genau in diesem Moment der Augenblick, in dem sich das Ankommen wirklich bemerkbar macht. Hoch über der Stadt, während sich ein Meer aus Lichtern bis zum Horizont zieht und unter uns ein Ort liegt, der noch völlig neu ist und gleichzeitig schon beginnt, eine Geschichte zu werden.
Wenn alles so aufgeht, wie wir es uns vorstellen, verbringen wir Weihnachten und Silvester in Südkorea. In Deutschland hängen diese Tage oft an festen Abläufen, an Ritualen, die sich jedes Jahr wiederholen. Für uns haben sie diese Bedeutung jedoch längst verloren und wirken eher wie kleine Markierungen im Kalender. Schlichte Daten, die anzeigen, dass wieder ein Jahr vergangen ist. Vielleicht liegt genau darin der Reiz, sie an einem völlig anderen Ort zu erleben. Statt vertrauter Straßen werden uns die Lichter von Seoul umgeben. Statt deutscher Gespräche erklingt eine Sprache, die wir erst langsam beginnen zu verstehen. Und an die Stelle alter Erinnerungen treten plötzlich neue, ungeplante Momente, die sich ohne Vorwarnung festsetzen.
Ein aufregendes Jahr
Taiwan liegt hinter mir und hat Spuren hinterlassen, die so schnell nicht verschwinden werden. Manche Erinnerungen tragen noch immer das Licht dieser Nächte in sich, als hätten sie beschlossen, ein wenig länger zu bleiben. Japan liegt einmal mehr vor mir, vermutlich zum letzten Mal als reine Urlaubsreise. Der Gedanke fühlt sich eigenartig an, fast wie eine leise Schwelle zwischen zwei Abschnitten. Wenn ich danach noch einmal dorthin fliege, dann hoffentlich mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche und einem One-Way-Ticket, das nicht mehr Rückkehr bedeutet, sondern Anfang.
Und am Ende dieses Jahres wartet dann Südkorea. Bald werden wir durch Seoul laufen. Nicht durch einen Bildschirm, nicht durch Geschichten oder Songs. Einfach wirklich dort sein. Manchmal beginnt eine Reise nicht mit einem Flugzeug, sondern Jahre vorher, irgendwo zwischen Neugier, Sehnsucht und der leisen Gewissheit, dass ein bestimmter Ort irgendwann Teil des eigenen Lebens werden wird ✈️ 🇰🇷
