Formosa, wie Taiwan früher hieß und wie es bis heute noch in einigen Straßennamen und Bahnstationen weiterlebt, bedeutet so viel wie „die Schöne“ oder „die Wunderschöne“. Und genau das trifft ziemlich gut das, was ich über Kaohsiung ganz im Süden der Insel denke.
Mein Morgen begann heute schon um halb fünf, mitten in der Nacht quasi. Wobei ich mir gar nicht sicher war, ob meine Nacht überhaupt begonnen hatte oder für mich immer noch der gestrige Tag war, nur mit mehr Stunden, als ein Tag überhaupt hergibt. Vielleicht habe ich geschlafen, vielleicht nicht. Wenn überhaupt, waren es zwei Stunden. Die Nacht war ein einziger Loop aus Podcasts, Musik und Gedanken, die einfach nicht enden und sich hinlegen wollten. In meinem Kopf hatte sich zudem eine ganz bestimmte Uhrzeit festgesetzt: 06:26 Uhr.
Das war die Uhrzeit, zu der der allererste THSR (Taiwan Highspeed Railway) Taipei verlassen würde, und genau in diesem wollte mein Ich offenbar sitzen, denn es hatte diese Abfahrtszeit als gegeben manifestiert. Wahrscheinlich fand ich deswegen kaum Schlaf und fieberte ihr einfach entgegen. Zudem wusste ich weder genau, wo ich hin musste, noch wie ich an ein Ticket für den THSR kam. Wenn ich ehrlich bin, wusste ich absolut nichts. Es war ein Abenteuer, denn ich wusste nicht nur nicht, wie ich nach Zuoying komme, ich wusste auch nicht, wie und wann ich vom anderen Ende Taiwans wieder zurückkomme.
Aber ich wusste, dass ich zur Taipei Main Station muss – und da war ich um Punkt sechs Uhr morgens. So gegen halb sechs verließ ich meine Unterkunft bei gemütlichen 13 Grad und leichtem Nieselregen in Ningxia. Ich lief die paar Minuten zu dem bekanntesten Bahnhof Taiwans und griff auf dem Weg nach jedem Kaffee, den ich finden konnte. Noch im Halbschlaf stapfte ich in den 7-Eleven und bestellte wie immer einen Flat White in der größten Größe. Mit genug Koffein in der Hand, das mein Nervensystem endlich an die Oberfläche holen sollte, stand ich vor dem Convenience Store, rauchte mir eine Zigarette und kam ebenso wie Taiwan langsam zu mir.
Zeit zu gehen. Meine Vorfreude schoss heiß durch meine Blutbahnen und signalisierte mir, dass ich jetzt wach genug sei. Also ging ich weiter und irrte, am Hauptbahnhof angekommen, etwas lost in der Gegend umher. Irgendwie hatte noch alles geschlossen, außer einer Handvoll Geschäfte. Das Universum half mir wie so oft. Ein Ticketschalter, der sich hinter einem Rolltor aus Metall befand, öffnete genau in dem Moment, in dem ich daran vorbeiging. Ich hätte ihn sonst nicht gefunden, kein Schild wies darauf hin, und mein vollkommen belangloses, aber für mich wichtiges Ziel, um 06:26 Uhr in den ersten THSR einzusteigen, wäre ins Wasser gefallen.




Ich kaufte mein Ticket und … und war wieder lost. Zwar fand ich die korrekte Plattform für den THSR, aber wie ich nun durch die Ticketschranke komme, wusste ich nicht. Normalerweise passiere ich diese Schranken mit der easyCARD doch nun hatte ich einen Streifen Papier mit einem QR-Code darauf. Wieder half mir das Schicksal, und ein älteres Ehepaar lief vor mir durch die Schranke. Ein fremdes Ehepaar diente mir so als stilles Tutorial, und offenbar können diese Schranken nicht nur IC-Karten lesen, sondern auch alle Arten von VISA-Karten sowie Papiertickets, die man entweder scannen oder von dem gierigen Ticketschlund fressen lassen kann, der sie dann am anderen Ende der Schranke wieder ausspuckt.
Eine Rolltreppe später war es dann so weit. Da stand es, dieses anmutige, weiß-orangefarbene Tier, das durch den Bahnhof glitt wie ein Schmetterling aber schnell ist wie ein Leopard. Der THSR. Der anmutig weiße Wurm schnaubte und zischte, die Hydraulik- und Pressluftsysteme arbeiteten hörbar und meine Spannung stieg.
Ich wusste nicht, ob ich im richtigen Zug saß. Auf beiden Seiten brummte leise ein identisch aussehender Zug auf den Gleisen, auch das Ziel unterschied sich nicht, lediglich die Abfahrtszeit. Auf meinem Ticket war zudem keine Zugnummer angegeben, so stieg ich in den, den ich mir vorher im Internet schon auserkoren hatte. THSR 803, Abfahrt 06:26 Uhr, Taipei nach Zuoying.
Und dann saß ich drin, in diesem schnellen Wurm, der sich durch Taiwan fraß und mich in zwei Stunden am anderen Ende der Insel wieder ausspucken würde. Mit 300 km/h durch ein Land zu fahren klingt nach Action. Doch es war wie alles hier, absolut unspektakulär atemberaubend. Die Fahrt in dieser Highspeed-Schlange fühlte sich an, als würde man stillstehen eährend die Welt an einem vorbeizieht. Der THSR basiert auf der japanischen 700T-Shinkansen-Reihe und wirkte mehr wie ein schwebender Raum.
Ein paar Gedanken schossen mir durch den Kopf, der müde am Fenster des Zuges lehnte und dabei zusah, wie der Himmel über Taiwan langsam den Tag ankündigte. Alles wirkt, als wäre es nichts Besonderes. Und genau das ist das Besondere. Alles, was hier Alltag bedeutet, ist auf eine Art neu für mich. Nicht neu neu, aber anders neu. Ich merke, wie mein inneres Koordinatensystem langsam anfängt, sich zu verschieben.
Zuoying
Um 08:40 Uhr kam ich in Zuoying an. Natürlich pünktlich auf die Sekunde. Gut gekühlt von der Klimaanlage des THSR verließ ich den Zug und schlenderte der Masse im Bahnhof hinterher. Meine Füße traten gerade ins Freie, da drehte ich mich direkt wieder um und kaufte mir ein THSR-Ticket für die Rückfahrt. Sicher ist sicher, denn ich wusste nicht, wie lange die Ticketschalter geöffnet haben. Ich buchte die fast letzte Fahrt, diesmal mit reserviertem Sitzplatz. Abfahrt 20:55 Uhr. Ich hatte jetzt ziemlich genau zwölf Stunden Zeit, Kaohsiung (das man „Gaoschu“ ausspricht) unsicher zu machen. Allerdings war ich noch gar nicht in Kaohsiung, also doch, schon irgendwie, aber noch immer am Bahnhof in Zuoying.
Mein erstes Ziel waren die Tiger und Drachen Pagoden. Wo auch immer ich sie finden würde, ich würde sie finden und wahrscheinlich wieder spannende Busreisen dafür in Kauf nehmen müssen. Genau so war es, mal wieder. Dank Google wusste ich, mit welchem Bus ich diesmal fahren müsste. Oder auch nicht, denn die Buslinie, die mir als Route angezeigt wurde, existierte nicht mehr. Enttäuscht blickte ich auf das verblasste Schild, das mir zumindest verriet, dass es die Linie R35 mal gegeben hatte. Sei’s drum. Ich schaltete den Abenteuermodus wieder ein, krame all meine Kanjis im Kopf zusammen und werde die Bushaltestelle Lianchi Tan schon erreichen. Irgendwie. Ohne App, ohne Plan, nur mit diesen ausschließlich auf Chinesisch geschriebenen Abfahrtsplänen vor meinen Augen, die plötzlich mein einziger Wegweiser waren.
Ich huschte in einen Bus, der ausschließlich aus Rentnern bestand. Sie sahen mich an, als käme ich von einem anderen Planeten. Das ermutigte meine sich im Kreis drehenden Gedanken nicht gerade, aber welche Wahl habe ich schon. Wird schon der richtige Bus sein. Nach drei Stationen streikte der Bus, mitten auf der Kreuzung blockierte dieser Metallkasten alles, und auch wir Passagiere wurden etwas nervös. Nach ein paar Startversuchen fuhr die MAN-Blechdose wieder, deren Dach aus Solarzellen bestand. An mangelndem Sonnenlicht konnte es jedenfalls nicht liegen, der Himmel war strahlendblau – wahrscheinlich war auch die Technik des Busses noch nicht ganz wach. Einige Minuten vergingen und dann war es so weit. Mal wieder hätte ich fast meine Bushaltestelle verpasst aber ich sprang noch schnell genug aus dem Bus.
Tiger & Dragon
Ich ging einfach los, als wäre ich schon hundertmal hier gewesen, bog links ab, roch das Wasser, dieses leise Versprechen, das immer in der Luft liegt, wenn man in seine Nähe kommt. Nach einer weiteren Abbiegung und durch die Palmen hindurch, weshalb ich Taiwan liebevoll „L.A.sia“ nenne, sah ich sie dann. Die farbenfrohen Pagoden. Bewacht von einem gigantischen Tiger und einem noch größeren Drachen. Und was macht man, wenn man einen überlebensgroßen Tiger und Drache gegenübersteht? Genau, man läuft schnurstraks durch eines ihrer Mäuler, hinein ins Ungewisse. Wie ihr lesen könnt, hat der Drache mich wieder ausgespuckt. Nein, das ist nicht richtig. Der Drache hat mich gefressen und der Tiger hat mich wieder ausgespuckt. Das ist jetzt verwirrend, ich weiß. Erst später habe ich verstanden, dass das genau so gedacht ist. Die Pagoden stehen für Yin und Yang, für Gegensätze, die zusammengehören. Der traditionelle Weg führt durch das weit geöffnete Maul des Drachen hinein, um schlechte Energie loszuwerden, und durch den Tiger hindurch und aus seinem Maul wieder hinaus, damit sie sich in Glück verwandeln kann.














Nach guten zwei Stunden, die ich wie magisch an diesem Ort klebte, an einem Ort, der meine bis dahin überall in Asien geltende Wahrheit zerstört hatte, dass man hier niemals Hunger oder Durst leiden müsse, weil es doch immer und überall einen Convenience Store gibt, begann ich mich irgendwann doch zu lösen. Nicht, weil ich wollte, sondern weil der Moment langsam leiser wurde. Ich hatte die Pagoden nicht nur von außen gesehen, sondern war hineingegangen, Stufe für Stufe erkundete ich sie bis ganz nach oben. Von den weißen Balkonen aus sah ich auf das Wasser, auf diesen stillen See, auf Palmen und Dächer, und für diesen einen Moment war die Welt einfach gut so, wie sie ist.
Erst als ich wieder unten stand, merkte ich, wie anders dieser Ort war. Weit und breit nichts „Normales“, keine grellen Schilder, keine vertrauten Farben, keine schnelle, essbare Rettung. Nur diese Luft, getränkt vom feinen Rauch hunderter Räucherstäbchen. In den Tempeln, an den Verkaufsständen, ja sogar einfach an der Straße, in die Fugen des Gehwegs gesteckt, tauchten sie überall auf. Manche rochen ganz klassisch, andere frisch, irgendwie nach einer Wasserpflanze. Ich kann es nicht beschreiben aber es war wie der Duft von Wasserlilien und Rosen – es erinnerte mich einfach an den Duft von schönen Dingen im Wasser.
Ich schlenderte noch eine Weile ziellos umher, atmete den Duft ein, ließ mich treiben, bis der Ort langsam wieder begann, Teil der Welt zu werden. Irgendwann zog ich weiter und kam an der New Zuoying Railway Station (新左營) an, die mich wieder aufnahm und forttrug. Ich war mal wieder nicht mehr in der touristischen Zone und hatte meine Mühe, die richtige Plattform und den Zug in die richtige Richtung zu finden, aber mit meinem „wird schon“ als universellem Asien-Lebensmotto wird es schon immer, irgendwie.
Kaohsiung
Von der New Zuoying Railway Station (新左營) nahm ich die Red Line weiter bis zur Kaohsiung Station. Und wie so oft in diesem Land war ich dort erst einmal völlig lost. Nicht nur orientierungslos, sondern auch überwältigt. Ich verlief mich zu meinem eigenen Glück in diesem Bahnhof, bevor ich überhaupt an die Oberfläche fand. Denn Kaohsiung Station ist kein Bahnhof, sie ist eine kleine Stadt mitten in der Stadt. Futuristisch, gigantisch, weitläufig und trotzdem irgendwie gemütlich, mit unterirdischen Einkaufszentren, Anime-Läden, Food-Meilen und Shopping-Malls. Ich hatte keine Worte, ich konnte nur sprachlos staunen.
Als eine der unzähligen Rolltreppen mich draußen ausspuckte, setzte ich mich auf einen Stein und sah einfach nur zu. Durch die gigantischen Öffnungen blickte ich in dieses Bauwerk hinein, als würde ich in einen lebenden Organismus schauen. Eine Frau, vielleicht Mitte oder Ende 20, stand etwas weiter entfernt neben mir. Plötzlich spuckte die Rolltreppe gegenüber eine weitere Frau an die Oberfläche. Die beiden rannten sich entgegen, die Frau die vor wenigen Augenblicken noch neben mir stand, sprang ihr wortwörtlich in die Arme, umklammerte sie mit Beinen und Händen. Beide lagen sich in den Armen, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Ich beobachtete das gerührt und musste unwillkürlich mitlächeln. Für ein paar Sekunden fühlte sich die Welt plötzlich leicht an. Nicht perfekt. Aber leicht. Das bemerkten die beiden, lächelten zurück und kamen auf mich zu. Wir grüßten uns wie alte Freunde, bedankten uns (warum auch immer), winkten und nickten uns zu, alle mit einem riesigen Lächeln im Gesicht. Ich verstand die Situation nicht ganz aber sie freuten sich über meine Freude, und ich freute mich über ihre. Infinity Happiness Loop. Wieder so ein kleiner Moment, der bleibt.









So sehr mich Bauwerke wie dieser Bahnhof magisch anziehen und ich am liebsten den ganzen Tag geblieben wäre, kochte mich die Stadt bei mittlerweile fast 28 Grad langsam weich. Meine Liste mit Orten, die ich in Kaohsiung sehen wollte, war lang. Ich wusste, dass ich wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte schaffen würde. Einen Tag, in Stunden gerechnet eigentlich nur einen halben, am anderen Ende der Insel zu haben, ist wirklich nicht viel. Also zog ich weiter. Aufgrund der Temperatur entschied ich mich für Wasser. Mein nächstes Ziel wurde die Whale Promenade (鯨魚堤岸) mit Blick auf das Kaohsiung Music Center (高雄流行音樂中心 音浪塔).
Auch dieses Gebäude traf genau meinen Nerv. Futuristisch, beleuchtet, riesig, und die ganze Gegend darum fühlte sich wild und rich an. Als hätte jemand K-Pop, Cyberpunk und Urlaubsprospekt in einen Mixer geworfen. Yachten, coole Stores, Luxus und Pop Kultur. Das ist die Gegend, in der Zug-Ansagen mit den Stimmen von BLACKPINK und TWICE gemacht werden, in der die Music Hall in den Farben von K-Pop-Bands leuchtet, die dort auftreten, und in der Brücken und Orte Namen tragen wie „Love Pier“ und „Love River Bay“. Alles ist auf Paare, erste Dates, Fashion und Spaß am Wasser ausgelegt.











Das FOCUS13 liegt direkt am Wasser, offiziell heißt es FOCUS13 Coral Plaza und passt perfekt in dieses Bild. Ein brandneuer, stylischer Ort – kein klassisches Einkaufszentrum wie eine Dream Mall, sondern ein offenes, modernes Areal mit Cafés, Designläden, aufstrebenden Marken und Plätzen zum Verweilen, Fotografieren oder einfach zum aufs Meer schauen. Die Architektur orientiert sich an Korallenstrukturen, daher der Name, und verleiht dem Ganzen eine ganz eigene Stimmung. Seit Dezember 2025 befindet sich das Areal in einer Probe- und Feierphase und wird bereits als neuer Hotspot im Asia Bay-Bereich wahrgenommen. Und trotzdem war es ruhig. Kaum Touristen. Dieses Gefühl, einen Ort zu erwischen, bevor er weiß, dass er berühmt ist… einzigartig. Ich war gefühlt allein, wie überall kaum Touristen, fünf vielleicht. Und warum ich weiß, dass es Touristen waren? Weil sie deutsch gesprochen haben 🤣
Ich blieb einfach an diesem Ort, den ganzen restlichen Tag. Nicht aus Planlosigkeit, sondern weil mein Kopf endlich still wurde. Ich ließ Musik, Architektur, Licht und Luft auf mich wirken und wusste, ich wollte das alles auch beleuchtet sehen. Natürlich bekam ich Hunger und Durst. Manchmal ist kultureller Austausch einfach nur Hunger in einer fremden Sprache. Aber ich bin absolut nicht der Typ, der sich in ein schickes Restaurant setzt und auf Chinesisch bestellt, wenn er kaum ein Wort versteht. Und in Taiwan ist es noch schwieriger als in Japan, einfach einen Snack auf die Hand oder ein Bier to go zu finden. In meiner Welt wäre dieser Ort am Hafen perfekt für Streetfood-Wagen, Eisbuden und alte Bullis, die zu Bierständen umgebaut wurden. Aber all das existierte nur in meiner Vorstellung. Taiwan hat eine andere Esskultur. Essen ist hier, wenn auch nicht immer ein großes, zumindest ein kleines Event. Man sitzt, man bleibt, man teilt. Ich wollte aber nicht sitzen. Ich wollte nur einen Snack und ein kaltes Bier. Buchstäblich ernüchternd stellte ich nach meiner Umrundung des Hafenbeckens fest, dass es das hier schlicht nicht gab. Also akzeptierte ich es und blieb hungrig, bis die untergehende Sonne das Neon und die LEDs des Hafens endlich freigab.
Ich merkte, wie mein Körper langsam lauter wurde als mein Kopf. Der Hunger begann schon Träume von meinem Nachtmarkt in Ningxia zu erfinden. Und dann musste ich auch noch den ganzen Weg zurück. Und das hieß, alles, was ich bisher gelaufen war, musste ich auch wieder zurück, jede Strecke, die ich mit dem Bus gefahren war, musste ich nun in die umgekehrte Richtung fahren. Ich hatte bereits über 18 Kilometer in den Beinen, bei fast 29 Grad – ich war komplett fertig. Und wie das bei mir immer so ist, hatte ich natürlich wieder mal viel zu lang geträumt und nun die Zeit im Nacken. Um 20:30 Uhr musste ich wieder an der Zuoying Station sein, um meinen weiß-orangefarbenen Wurm zu erwischen, der um 20:55 Uhr Richtung Taipei starten würde und mich zurück an das obere Ende der Insel bringen sollte.
Alles in mir war müde aber ich war auch seltsam klar, als hätte der Tag mich einmal komplett durchgespült. Kurz vor dem Bahnhof ging ich über einen Zebrastreifen Richtung Family Mart, nur mit dem Gedanken an ein kaltes Wasser mit Sprudel in der Hand, an eine kleine Pause, an nichts Großes mehr.
Und dann passierte es!
Ein Geräusch, das nicht in diese Welt gehörte. Dieses schrille, panische Quietschen von Reifen, dann ein dumpfer, harter Knall, so laut, dass er mir in den Brustkorb schlug. Für einen Moment flog alles durch die Luft. Glas, Metall, Kunststoff, als hätte jemand die bunte Szene angehalten und auseinandergerissen. Das Brummen der Roller, das Hupen, die Stimmen, all das verschwand für einen Augenblick, als hätte jemand den Ton aus der Welt gedreht. Ich stand einfach da und dachte an nichts. Nicht einmal an Angst. Nur an dieses plötzliche Nichts.
Dann kam die Bewegung zurück. Stimmen. Schritte. Rufe. Und mit ihnen diese eine große Welle aus Erleichterung, als klar wurde, dass niemand schwer verletzt war. Nur wenig später tauchte Blaulicht auf und färbte die Straße in ein fremdes Blau. Erst da verstand ich wirklich, was gerade passiert war. Ein Auto war seitlich in den SUV gekracht, der vor dem Zebrastreifen wartete, mich hatte über den Zebrastreifen gehen lassen. Ein paar Sekunden früher oder später, und ich wäre Teil dieser Szene gewesen, nicht ihr Zuschauer.
Ich wollte weitergehen, aber irgendetwas in mir war verrutscht. Als hätte mir dieser Moment leise zugeflüstert, wie dünn die Linien manchmal sind, auf denen wir uns bewegen. Und so blieb ich noch einen Moment als Zeuge für die Polizei stehen, bis alles geklärt war, Personalien und Unfallhergang erklärt waren, und ich gerade noch genug Zeit für eine Zigarette vor dem Bahnhof fand, der mich kurz darauf wieder verschluckte.
Mit 300 km/h ging es zurück nach Taipei. Dort angekommen, gab es ein kühles Bier und mein wohlverdientes Bett. An noch keinem Tag in Taiwan bin ich so schnell eingeschlafen, wie heute.
