Es geht wieder nach Hause
Es geht wieder nach Hause

Es geht wieder nach Hause

Lesedauer 5 Minuten

Es ist ein merkwĂŒrdiges GefĂŒhl. Mein Traum, 2025 fĂŒr einige Zeit in Japan zu leben, liegt lĂ€ngst hinter mir, und auch mein neuer Traum, innerhalb von anderthalb Jahren drei weitere Orte in Asien zu bereisen, die mich schon so lange faszinieren, erfĂŒllt sich gerade StĂŒck fĂŒr StĂŒck. Taiwan liegt inzwischen seit einigen Monaten hinter mir, die Flugtickets nach Japan warten bereits auf ihren Einsatz und auch die Flugtickets nach SĂŒdkorea liegen schon auf meinem Schreibtisch. Wie eine Erinnerung an einen Traum, der noch gar nicht getrĂ€umt wurde.

Man könnte meinen, meine Gedanken wĂŒrden gerade zwischen drei Orten hin und her springen. Zwischen den NachtmĂ€rkten Taiwans, den Straßen Seouls und den vertrauten Gassen Japans.

Doch das tun sie nicht!

Das GefĂŒhl ist ein anderes

Denn wĂ€hrend ich mich auf jedes dieser LĂ€nder freue, zieht es mich immer wieder an denselben Ort zurĂŒck. Nach Kawagoe. Zu Freunden. Zu Erinnerungen. Zu einer kleinen Wohnung, die fĂŒr Außenstehende kaum etwas Besonderes sein dĂŒrfte und die fĂŒr mich dennoch zu einem der wichtigsten Orte meines Lebens geworden ist.

In wenigen Wochen sitze ich also wieder im Flugzeug Richtung Japan. Eigentlich ist das ein Satz, den ich inzwischen schon mehr als einmal geschrieben habe, und doch fĂŒhlt er sich dieses Mal anders an. Vielleicht liegt es daran, dass die Vorfreude grĂ¶ĂŸer ist als sonst. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen weiß, was mich erwartet. Wahrscheinlich liegt es aber vor allem daran, dass ich nicht einfach nur in ein Land zurĂŒckkehre, das ich liebe, sondern zu Menschen, die lĂ€ngst zu Freunden geworden sind.

Wenn ich Japan als meine Herzensheimat bezeichne, dann meine ich damit lĂ€ngst nicht mehr nur die Tempel, die kleinen Gassen, die Bahnhöfe, die GerĂ€usche der ZĂŒge oder die Landschaften, die mich seit Jahren faszinieren. All diese Dinge sind wunderschön und gehören selbstverstĂ€ndlich dazu, aber sie sind nicht mehr der eigentliche Grund, warum sich die RĂŒckkehr fĂŒr mich wie Heimkommen anfĂŒhlt. Heimat entsteht nicht durch GebĂ€ude oder Straßenschilder. Heimat entsteht durch Menschen. Durch Begegnungen, durch unvergessliche Momente, die schließlich wunderschöne Erinnerungen wurden. Und nicht zuletzt, durch das GefĂŒhl, an einem Ort erwartet zu werden.

Alles auf Anfang

Dieses Mal wohne ich wieder in derselben Wohnung, in der 2025 mein Abenteuer Japan begonnen hat. Damals war alles neu. Die ersten Schritte in einem Land, das ich bis dahin nur als Besucher gekannt hatte. Die ersten Wochen mit dem Gedanken, vielleicht eines Tages dauerhaft auszuwandern. Die ersten Erfahrungen mit einem Alltag, der plötzlich nicht mehr aus Urlaub bestand. Wenn ich heute daran zurĂŒckdenke, wirkt vieles gleichzeitig unglaublich weit entfernt und erstaunlich nah.

Die Wohnung gehört meinem ersten Vermieter. Wobei ich dieses Wort – Vermieter – eigentlich nicht mehr verwenden möchte. Es beschreibt eine Beziehung, die in der Form vielleicht nie existiert hat. Vermieter war er vielleicht am ersten Tag. Danach wurde er zu einem Freund. Zu einem Menschen, ohne dessen UnterstĂŒtzung meine Zeit in Japan völlig anders verlaufen wĂ€re.

Seit meiner RĂŒckkehr nach Deutschland ist kein einziger Tag vergangen, an dem unser Kontakt vollstĂ€ndig abgerissen wĂ€re. Trotz der tausenden Kilometer Entfernung, trotz der Zeitverschiebung und trotz der Tatsache, dass wir auf unterschiedlichen Kontinenten leben, ist unsere Freundschaft nicht schwĂ€cher geworden. Im Gegenteil. Sie ist gewachsen. Vielleicht sogar gerade deshalb, weil sie nie selbstverstĂ€ndlich war. Jedes GesprĂ€ch, jede Nachricht und jedes gemeinsame Lachen mussten die Distanz ĂŒberwinden, und doch hat sich nie das GefĂŒhl eingestellt, dass zwischen uns tatsĂ€chlich tausende Kilometer liegen.

Wenn ich an das Jahr 2025 zurĂŒckdenke, denke ich unweigerlich auch an die Not-Operation. Es war eine Erfahrung, auf die ich liebend gern verzichtet hĂ€tte, die aber dennoch zu den prĂ€gendsten Erinnerungen meiner Zeit in Japan gehörte und irgendwie auch zu einer der Schönsten. Innerhalb kĂŒrzester Zeit wurde aus einem aufregenden Auslandsaufenthalt eine Situation, in der plötzlich ganz andere Dinge wichtig waren. Gesundheit. UnterstĂŒtzung. Vertrauen. Menschen, auf die man sich verlassen kann. Japan hat mich damals schneller in seinen Alltag geworfen, als mir lieb war. WĂ€hrend andere vielleicht Monate brauchen, um wirklich anzukommen, wurde ich innerhalb weniger Tage gezwungen, mich auf ein Leben einzulassen, das mit meinen ursprĂŒnglichen PlĂ€nen kaum noch etwas gemeinsam hatte.

Vielleicht war genau das der Moment, in dem Japan fĂŒr mich mehr wurde als nur ein Land, das ich gern besuche. Denn wenn man schwierige Zeiten an einem Ort erlebt und trotzdem mit WĂ€rme auf ihn zurĂŒckblickt, dann ist daraus lĂ€ngst etwas anderes geworden. Wenn ich heute an die UnterstĂŒtzung meines Freundes und all der anderen Menschen vor Ort denke, an die Hilfsbereitschaft der der liebvollen Menschen in der Klinik und die SelbstverstĂ€ndlichkeit, mit der sie fĂŒr mich da waren, dann merke ich, wie dankbar ich dafĂŒr noch immer bin. Es gibt Erinnerungen, die einen ein Leben lang begleiten, und diese Zeit gehört fĂŒr mich dazu.

Gleichzeitig wartet dieses Mal auch etwas völlig Neues auf mich. TatsĂ€chlich kehre ich zu einer Jahreszeit zurĂŒck, die ich bisher noch nie in Japan erlebt habe. Juni und Juli zĂ€hlen zu den Monaten, die auf meiner persönlichen Japan-Karte bisher noch leer geblieben sind. Das wird sich nun Ă€ndern. Ob das eine gute Idee ist, wird sich zeigen. 😂 Schon im September habe ich in Tokyo regelmĂ€ĂŸig das GefĂŒhl gehabt, langsam zu einer menschlichen PfĂŒtze zu werden. Der japanische Hochsommer besitzt einen Ruf, der selbst erfahrenen Japanreisenden Respekt einflĂ¶ĂŸt. Wahrscheinlich werde ich nach den ersten Tagen verstehen, warum. Noch bin ich optimistisch. Fragt mich dieselbe Frage nach einer Stunde Fußweg durch die feuchte Sommerluft Tokyos noch einmal.

Neben Kawagoe, dem Ort an dem ich wohne, zieht es mich dieses Mal aber auch deutlich weiter in den Norden. Schuld daran trĂ€gt ausnahmsweise kein ReisefĂŒhrer und auch keine Dokumentation, sondern ein Roman. Aber davon berichte ich euch ein anderes Mal.

Ebenfalls wie immer, ist die Liste meiner geplanten Ziele viel lĂ€nger als die verfĂŒgbare Zeit. Irgendwann habe ich aufgehört, mich darĂŒber zu Ă€rgern. Es ist wahrscheinlich sogar ein gutes Zeichen. Solange die Liste lĂ€nger wird, gibt es immer noch GrĂŒnde zurĂŒckzukehren und irgendwann Wurzeln zu schlagen. Immer mehr Orte, die auf mich warten. Immer neue Bahnhöfe, an denen ich noch nie ausgestiegen bin, Straßen, die ich noch nie entlanggelaufen bin, und Restaurants, in denen ich noch nie gegessen habe. Meine Vorfreude steigt allein beim Schreiben darĂŒber ins Bodenlose.

Und vielleicht ist genau das einer der GrĂŒnde, warum ich Japan so sehr liebe. Selbst nach Monaten im Land habe ich nie das GefĂŒhl gehabt, auch nur annĂ€hernd fertig zu sein. Hinter jeder Ecke scheint schon die nĂ€chste Geschichte zu warten. Jeder Plan wird irgendwann von einem ungeplanten Umweg ersetzt. RĂŒckblickend waren es immer diese ungeplanten Momente, die mir am lĂ€ngsten in Erinnerung geblieben sind.

In wenigen Wochen beginnt also das nĂ€chste Japan-Kapitel. Ich freue mich auf vertraute Gesichter, auf alte Erinnerungen und auf das GefĂŒhl, wieder durch Straßen zu laufen, die mir inzwischen genauso vertraut sind wie manche Orte in Deutschland. Doch vor allem freue ich mich aber auf die Menschen, die aus Japan weit mehr gemacht haben als ein Reiseziel – eine Heimat.

Es geht wieder nach Hause.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit fĂŒhlt sich dieser Satz nicht wie eine Metapher an.

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