Ich bin in Taiwan. Alleine. Nicht dieses romantische Alleine aus perfekt inszenierten Bildern im Social-Media-Universum. Sondern das echte, leise und manchmal sperrige Alleinsein. Das, das einen abends einholt, wenn der Körper müde ist und der Kopf noch durch die Tage läuft.
Ich liebe es, alleine zu reisen. Aber das bedeutet nicht, dass ich vier Wochen lang rund um die Uhr glücklich bin oder dass ich meine Gefühle, Erinnerungen und all das, was mich ausmacht, am Flughafen in Deutschland in ein Schließfach sperre. Das fliegt alles mit. Manchmal ist man eben einsam, selbst wenn man sich gerade einen weiteren Traum erfüllt hat. Selbst dann, wenn man am anderen Ende der Welt sitzt und eigentlich genau da ist, wo man immer sein wollte. Alleine sein heißt nicht, frei von allem zu sein. Es heißt nur, dass niemand da ist, der es gerade mit einem teilt.
Eigentlich war heute ein ruhiger Tag. Ich lag lange im Bett, war wieder bei Starbucks und habe an meinen Büchern und an einem Blogartikel geschrieben. Gestern war das komplette Gegenteil. Die 22 Kilometer zu Fuß am anderen Ende der Insel steckten mir noch in den Beinen, genauso wie die Sonne, die Hitze und die Erschöpfung bis in die Knochen. Ich bin schon lange weg von dem Gedanken, dass man im Urlaub von morgens bis nachts Erlebnisse sammeln muss, als wäre alles ein Wettbewerb. Das habe ich zum Glück abgelegt. Ich muss Pausen machen. Ich muss Orte in mich aufnehmen, statt sie nur abzuhaken.
Und so saß ich am Nachmittag mal wieder zwischen Schülern und Studenten, die das Wochenende zum Lernen nutzten. Zwischen Menschen, die kurz kamen, Zeitung lasen, einen Kaffee tranken und wieder gingen. Ich glaube, es vergingen fast sechs Stunden. Die Zeit hat sich gedehnt, Gedanken wurden langsamer.
Zu meinem Glück las ich von einem Event, das am Taipei 101 stattfinden sollte und wegen Nieselregen auf morgen verschoben wurde. Ich freute mich still, denn ich wollte es unbedingt live sehen. Im Moment weiß ich aber nicht einmal, ob ich es schaffen werde, morgen früh um 6 Uhr in der Metro Richtung Tower zu sitzen. Denn dieser Abend endete anders als geplant.
BeerCat
Mein Körper war nach diesem cozy Day ausgeruht genug und alles in mir schrie plötzlich nach Abenteuer. Ich wollte Nightlife in Taiwan, ein kühles Bier, ein bisschen ausbrechen aus dem Normalen. Also suchte ich im Internet nach einer Bar. Es gibt hier Tausende, aber meine Vorstellung war eine andere. Ich wollte nicht mit einem Cocktailglas im Anzug an der Theke stehen. Ich wollte ein eiskaltes Bier, laute Musik und etwas, das sich ein bisschen verrückt anfühlt. Und vor allem Letzteres sollte ich bekommen.
BeerCat hat bei Google eine saubere 4,1 als Bewertung (Stand Januar 2026), aber erstaunlich viele negative Rezensionen. Der Inhaber sei unfreundlich, man werde ignoriert und schlecht behandelt. Es solle nach Katzen riechen, manche schrieben sogar, sie seien rausgeworfen worden. Ich habe über eine Stunde lang Bewertungen gelesen, einfach weil sich das wie ein Reset für mein Gehirn anfühlte und ich heute sowieso nichts vorhatte. Doch je mehr ich las, desto mehr dachte ich, dass das für mich eher nach Paradies klang als nach Problem. Nicht angesprochen werden. In Ruhe ein Bier trinken. Wieder gehen dürfen, ohne Smalltalk. Ich bin nicht unbedingt introvertiert, doch ein bisschen, aber ich erkenne mich darin wieder. Also habe ich mich entschieden loszugehen.
Ich wusste nicht warum, aber plötzlich wusste ich, wo diese Bar ist. Sie lag ein paar Straßen hinter der Metro-Station Zhongshan, von der ich schon oft aufgebrochen bin. Wenige Minuten später stand ich davor. Der Laden war brechend voll, trotzdem fand ich einen Platz an der Bar. Niemand nahm groß Notiz von mir. Und genau das fühlte sich richtig an.
Ich kramte mein Japanisch heraus und bestellte das größte Asahi, das es laut Karte gab. Eine Maß. Das sorgte für überraschte Blicke. Der bärtige Ausländer, der plötzlich Japanisch spricht und dann auch noch dieses riesige Bier bestellt. Der Inhaber nickte mir mit einem kleinen Lächeln zu, sagte aber kaum etwas. Nicht unfreundlich. Nicht überschwänglich. Er war einfach da.
Mir wurde schnell klar, dass das hier nicht kalt oder unhöflich ist. Es ist zurückhaltend. Und diese Zurückhaltung ist nicht gegen mich gerichtet, sondern Teil der Atmosphäre. So, wie ich es liebe. Viele erwarten in einer Craft-Beer-Bar vielleicht etwas anderes, mehr Entertainment, mehr Nähe, mehr Show. Mein Gefühl aber hatte mich nicht getäuscht. Niemand ist unfreundlich. Die Gäste mit den negativen Rezensionen kamen weder aus Taiwan noch aus Japan. Es gilt also, wie so oft, andere Länder, andere Zeichen. Was die einen als Ignoranz lesen, ist für mich Respekt vor meinem Raum.
Und BeerCat ist noch viel mehr, es ist nicht irgendein fancy Brand Name. Es heißt so, weil es hier Katzen und Bier gibt. Ja, echte, freilaufende Katzen tappsen auf ihren Samtpfoten durch die Bar, schlawenzeln über die Theke oder kommen einfach mal zum Schnurren vorbei. BeerCat fühlt sich weniger wie eine Bar an und mehr wie ein Zwischenraum. Als hätte jemand ein japanisches Izakaya aus Tokyo genommen, es einmal durch den Regen Taipeis getragen, es auf ein Vielfaches vergrößert und dann vorsichtig zwischen die Häuser gesetzt. Die Wände sind voll mit handgeschriebenen Tafeln, Postern von Bands, die nur ein paar Menschen kennen, und Flaschen, deren Etiketten Geschichten versprechen, die man nicht nachschlagen will. Es gibt hier kein Konzept, das man erklären könnte, nur eine Atmosphäre, die man spürt, sobald man eintritt. Die Bierkarte ist eine kleine Reise für sich. Taiwanesische Craft-Biere, die nach tropischer Hitze, Zitrus und malzigem Sommer schmecken, stehen neben importierten japanischen Sorten, die so sauber und präzise wirken, als hätte jemand Geschmack in Geometrie gegossen. Jedes Bier fühlt sich an wie ein anderer Zustand. Mal leicht und verspielt, mal dunkel und schwer, wie Gedanken, die man nicht mehr loswird. Ich habe nichts davon fotografiert, nichts davon festgehalten, weil ich merkte, dass ich diesen Ort nicht sammeln wollte. Ich wollte ihn erleben.
Und dann diese kleinen Snacks. Keine großen Teller sondern diese typischen, einfachen Izakaya-Gerichte, die man in Japan bestellt, wenn man eigentlich nur trinken wollte und dann doch bleibt. Knusprige Kleinigkeiten, salzig, warm und herzhaft. Essen, das nicht im Mittelpunkt stehen will, sondern den Abend zusammenhält, wie leise Musik im Hintergrund.
Ich sitze mittlerweile mit meinem zweiten Maß Asahi in einer Ecke an einem runden Tisch. Japanische Rockmusik dröhnt aus den Lautsprechern, Menschen reden und lachen, die Katzen schlafen in ihren Kartons, und alles fühlt sich gerade einfach gut an. Niemand findet es seltsam, dass ich alleine bin. Niemand stört sich daran, dass ich lange bleibe. Verrückt, dass ich dafür ans andere Ende der Welt reisen muss, um mich so fühlen zu dürfen.
Und trotzdem war ich nicht allein. Zwischen der Stille und einem Abenteuer lag nur ein Lächeln. Es entstanden diese kleinen, flüchtigen Freundschaften, die nur für einen Abend existieren müssen, um echt zu sein. Es sind diese Momente, die man nicht planen kann und die genau deshalb hängen bleiben. Ich stieß mit Japanern und einem Schweden an, wir redeten über nichts und alles gleichzeitig, lachten, tranken und gingen wieder auseinander, als hätten wir uns schon ewig gekannt. Keine großen Versprechen, keine Namen, nur dieser eine Abend, der sich seltsam echt anfühlte.
Etwa gegen 1 Uhr nachts kam ein weiterer japanischer Gast in die Bar. Er begrüßte die Katzen, als wären sie alte Freunde und der Inhaber stellte ihm sein Bier auf die Theke. Eine dritte Person deutete plötzlich auf unsere riesigen Bierkrüge und lachte, dann stellte sie uns einander vor. Er ist Stammgast, kommt oft, trinkt immer genau dieses Bier und immer aus genau diesem Glas. Deshalb saßen wir wenige Atemzüge später nebeneinander. Wir stießen an, lachten und die Nacht wurde ein kleines bisschen lauter🍺
BlackCat
Wenn ich rausging zum Rauchen, versuchte die kleine schwarze Katze jedes Mal, direkt mit mir abzuhauen. Ich wusste durch meine absurd lange Rezensionen-Leserei, dass das passiert, und wartete an der Zwischentür, bis sie wieder reinging. Doch dieses Mal hatte sie keine Lust. Sie blieb einfach sitzen, miaute leise und schaute mich an, als würde sie überlegen, ob sie mir folgen sollte oder nicht. Bewegte sich aber keinen Zentimeter.
Hinter der Theke entstand ein kurzes Zögern, dann kam plötzlich dieses Mädchen zu mir. Sie lächelte, entschuldigte sich für die Katze und war überrascht, wie ruhig ich blieb. Ich erzählte ihr, dass ich wusste, dass die kleine Ausreißerin das gerne versucht und dass ich deshalb extra gewartet hatte. Sie nahm die Katze auf den Arm, trug sie zurück in die Bar und setzte sie auf den Boden. Dann hockte sie sich neben sie. Ich folgte ihr fast reflexartig und ging ebenfalls in die Hocke. Und dann trafen sich unsere Blicke, zwischen uns war nur noch die Katze. Und erst in diesem Moment wurde mir klar, dass da etwas passiert.
Ihr langes schwarzes Haar glänzte im dumpfen Licht der Bar. In ihrem Gesicht lag dieses ruhige Lächeln, das einen festhält, ohne etwas zu verlangen. Auf einmal nahm ich nichts mehr um mich herum wahr. Nur sie. Ihre Stimme, ihre Art, die kleinen Bewegungen, das Lachen. Für einen winzigen Augenblick war ich vollkommen verloren, gar verliebt, in diesem stillen Raum zwischen uns.
Wir kraulten die Katze, als würden wir das schon ewig zusammen machen, als wäre es nichts Besonderes. Einmal berührten sich unsere Hände, versteckt im Fell der sichtlich genießenden Katze. Und vielleicht war genau das der Zauber. Nichts Großes, nichts Dramatisches. Nur ein leiser Moment, der sich unerwartet tief anfühlte. Mal wieder ist in Taiwan etwas völlig Unspektakuläres atemberaubend geworden. Wir lächelten uns noch einmal an, sie ging zurück zu ihren Freunden, ich zurück an die Theke. Und alles war gut so.



Mein Abend dort war wundervoll. Die Stunden lösten sich auf, das zweite Bier wurde ein drittes, dann irgendwann nur noch ein Zustand zwischen Lachen, Schweigen und diesem sanften Schwanken, das zeigt, dass man gerade zu viel vom Leben getrunken hat. Ich war nicht mehr nüchtern, aber auch nicht verloren. Ich war genau an diesem Punkt, an dem die Welt weich wird und die Gedanken langsamer atmen.
NoCat
Und dann liege ich später auf meinem Hotelbett und denke darüber nach, wie wenig mich das alles überrascht hat. Natürlich lande ich in einer japanischen Bar, in der Japanisch gesprochen wird, die von Japanern geführt wird und in der fast nur Japaner sitzen. Ein kleiner japanischer Raum mitten in Taiwan. Ich suche in Taiwan nach Nightlife und finde ausgerechnet das. Als würde das Universum mir jedes Mal wieder leise zuflüstern, dass ich Japan längst in mir trage und es mich findet, ganz egal wohin ich gehe.
