Das Internet und vor allem die uns allen bekannte Video-Plattform ist voll mit Hunderten Videos, die Titel wie „Dinge, die ich gerne vor meiner Taiwan-Reise gewusst hätte“ oder „Was dir niemand über Taiwan sagt“ tragen. Klingt aufregend. Ist es aber selten. Meist sind es reißerische Titel für Videos, die letztlich erstaunlich wenig Inhalt haben. Häufig bekommst du dann Tipps serviert wie: Es ist günstiger, dein Geld am Flughafen in Taoyuan zu wechseln als schon in Deutschland. Oder: Mit der easyCARD kannst du nicht nur Zug fahren, sondern auch im 7-Eleven bezahlen.
Das ist alles korrekt. Und alles ziemlich egal.
Das sind keine Dinge, die man wirklich wissen muss. Zumal die meisten Menschen, die nach Taiwan reisen, zuvor längst in anderen asiatischen Ländern waren. Nichts davon überrascht sie wirklich. Was dir aber wirklich fast niemand sagt – und worüber ich froh gewesen wäre, vorher Bescheid zu wissen – ist etwas viel Banaleres. Und manchmal auch etwas viel Intimeres.
Toiletten
Ich mach’s kurz und schmerzlos…
In Taiwan wirfst du dein Toilettenpapier nicht in die Toilette.
Egal, ob du dein kleines oder großes Geschäft erledigt hast. Du nimmst das benutzte Papier, wickelst es meist noch einmal in ein oder zwei Lagen ein und wirfst es in den extra dafür bereitgestellten Mülleimer neben der Schüssel. Das passiert nicht aus einer taiwanischen Laune, sondern aus Notwendigkeit. Viele Rohrleitungen sind schlicht zu alt, um größere Mengen Papier zu verkraften, und historisch war Toilettenpapier hier lange keine Selbstverständlichkeit. Moderne WCs gibt es heute überall – aber die Infrastruktur darunter stammt oft aus einer anderen Zeit.
Das erzeugt einen merkwürdigen Widerspruch. Du sitzt auf einer ganz normalen, westlich wirkenden Toilette, alles fühlt sich vertraut an – bis zu dem Moment, in dem du merkst, dass genau ein Teil dieses Rituals völlig anders funktioniert. Die ersten ein, zwei Tage ist das ziemlich befremdlich, danach wird es aber überraschend schnell normal. Und nein, es stinkt nicht. Hotels leeren die Behälter jeden Tag, und wenn du hier lebst oder als Tourist in einem AirBnB wohnst, bringst du deinen Müll sowieso jeden Abend raus, wenn der Müllwagen mit lauter Musik so zwischen 19 und 20 Uhr durch die Straßen fährt.
Das gilt übrigens nicht nur für abgelegene Orte. Selbst im Taipei 101, einem der modernsten und höchsten Gebäude der Welt, steht dieser kleine Eimer neben der Schüssel – still und unvermeidlich.
Das ist kein großes Drama, wenn dein Kopf mitspielt. Aber es ist eines dieser Details, die dir kein Video erzählt, obwohl es deinen Alltag hier viel direkter prägt als jede easyCARD oder jeder Wechselkurs.
Taiwan ist modern, warmherzig und hochfunktional – und gleichzeitig voller kleiner Eigenheiten, die dich daran erinnern, dass du nicht in einer asiatischen Kopie Europas gelandet bist, sondern in einem Land mit eigener Geschichte, eigenen Kompromissen und eigenen Lösungen.
Kaffee
Taiwan wird im Westen – wenn überhaupt – kulinarisch immer noch auf Bubble Tea reduziert, als wäre das Land ein Themenpark aus Zucker und Tapioka. Dabei besitzt Taiwan eine der spannendsten Kaffeekulturen Asiens und sogar der Welt, nur kaum jemand spricht darüber. Es gibt eigene Kaffeeplantagen, unzählige Röstereien und sogar Kaffeesorten, die es ausschließlich in Taiwan gibt.

Taiwan ist übrigens das Bubble-Tea-Land, denn hier kommt dieses süße, verspielte Getränk ursprünglich her. Und ganz ehrlich: Das, was wir in Deutschland als Bubble Tea kennen, hat mit echtem Bubble Tea nur wenig zu tun. Komm nach Taiwan und probiere einmal echten Bubble Tea.
Wenn du vor allem abends einfach einmal durch die Seitenstraßen Taipeis schlenderst, wirst du jede Menge Indie-Cafés entdecken, die dir vermutlich den besten Kaffee zubereiten, den du je getrunken hast. Der Barista zaubert dir hier wirklich einen handgemachten Kaffee und drückt nicht einfach nur zwei Knöpfe an einem riesigen Kaffeevollautomaten. Es ist Handwerk, es ist Kunst — allein dabei zuzusehen, wie je nach Kaffee andere Werkzeuge und Tassen zum Einsatz kommen, das Wasser eine andere Temperatur hat und mit welcher Hingabe zwischendurch immer wieder abgeschmeckt wird, ob der Kaffee schon perfekt ist. Danach kannst du gemütlich draußen vor dem Café in einem Ledersessel sitzen, die Luft Taipeis einatmen, dir eine Zigarette anstecken und den frischen, heißen Kaffee genießen. Dieses Gesamtbild schafft eine Atmosphäre, die unvergesslich bleibt.
Mit über 4.800 Cafés in ganz Taiwan (Stand 2025) wird garantiert auch für dich ein Kaffee dabei sein — ganz egal, ob kalt oder heiß, mit Latte Art oder als vor deinen Augen frisch gebrühter Filterkaffee, den der Barista immer wieder probiert, bis du das schwarze Gold endlich selbst genießen darfst. Kaffee ist in Taiwan seit vielen Jahren fester Bestandteil der Alltagskultur. Auch wenn Taiwan mit knapp 1.000 Tonnen heimischer Produktion im globalen Maßstab kein riesiger Kaffeeproduzent ist, gehört die Qualität hier zur Weltspitze. Taiwan ist international besonders für seinen Specialty Coffee anerkannt, also handverarbeiteten Spitzenkaffee. Kein Wunder, dass Taiwan auch Teil der internationalen „Cup of Excellence“-Szene ist — einem der wichtigsten Wettbewerbe für herausragenden Kaffee weltweit.


Bahnhofs-Stempel
Ob du es glaubst oder nicht, auch Taiwan hat diese den Menschen meist nur aus Japan bekannten 駅スタンプ, also Bahnhofs-Stempel, die man sich als eine Art „Ich war hier“-Trophäe in sein Stempelbuch drücken kann. Ich brauchte allerdings stolze vier Tage, bis ich durch Zufall einen solchen Stempel fand. Gerade war ich auf einer Rolltreppe auf dem Weg in den Untergrund, als ich sah, wie die Stempel vor meinen Augen immer kleiner wurden und aus meinem Blick verschwanden. Bei meinem nächsten Besuch an dieser Station hole ich mir den Stempel. Ich habe mich wie ein Kind über diese Entdeckung gefreut und gleichzeitig spürte ich leise all die Bahnhöfe, die ich schon durchquert hatte, ohne zu wissen, dass sie mir heimlich kleine Tinten-Geschenke angeboten hätten.
Taiwan wirft dir seine Besonderheiten nicht immer direkt ins Gesicht. Es legt sie irgendwo hin und hofft, dass jemand neugierig und aufmerksam genug ist, stehenzubleiben. In Japan hingegen wird dir alles erklärt, ausgeschildert und hübsch gerahmt, oft sogar mit bunten Maskottchen versehen. Hier ist dein Stempel, hier ist dein Erlebnis, bitte freue dich ordentlich.
In Taiwan steht der Stempel einfach da. Ohne Maskottchen. Ohne Hinweisschild. Fast so, als würde die Stadt sagen, wer genau hinschaut, bekommt ein Geschenk. Also falls du dich gefragt hast, ob du auch hier Stempel an Bahnhöfen sammeln kannst, ja, du kannst. Du musst nur die Augen offen halten und ein bisschen aufmerksamer sein.
Tropisches Wetter
Für die meisten Menschen ist das Wetter in Taiwan ganzjährig wahrscheinlich ein absoluter Traum. Selbst im tiefsten Winter fällt die Temperatur hier nicht unter 10 Grad, und wenn man nicht gerade auf den Yushan klettert, wird man auch mit Schnee und Eis keine Bekanntschaft machen. Es ist praktisch immer Sommer hier – zumindest ist hier niemals wirklich Winter. Aber selbst im Januar, also theoretisch im Winter, sitze ich mitten in Taipei bei 12 bis 24 Grad und stolzen 85 Prozent Luftfeuchtigkeit. Das fühlt sich für mich an wie Hochsommer in Deutschland. Doch während ich in Shorts und T-Shirt durch die Straßen streife, tragen fast ausnahmslos alle Jacken, lange Hosen und teilweise sogar Wollmützen und Handschuhe. Unser Temperaturempfinden scheint Welten auseinanderzuliegen. Nachts ist es meistens angenehm für mich, manchmal regnet es ein bisschen, doch bisher blieb der große Regen aus – schade.
Dass in Taiwan fast das gesamte Jahr über tropische Wetterbedingungen zum Alltag gehören, bringt einige Lösungen mit sich, die sonst ernsthafte Probleme verursachen würden. Ebenso wie ich es aus Japan kenne, hat hier jeder Zug, jede Wohnung und jedes Geschäft eine Klimaanlage. Es ginge einfach gar nicht anders. Selbst Handtücher trocknen hier kaum – das hat allerdings einen tollen Nebeneffekt. Meine Haut ist überhaupt nicht mehr trocken, und Handcreme ist quasi überflüssig.
Das Detail, dass hier absolut nichts von allein trocknet, führt allerdings dazu, dass es in Zügen und Bussen keine Sitze mit Stoffpolstern gibt. Und das hat ganz praktische und vor allem hygienische Gründe. Die aus Deutschland, Japan und vielen anderen Teilen der Welt bekannten, eher ungemütlichen Sitze in öffentlichen Verkehrsmitteln sind hier in Taiwan noch ein bisschen ungemütlicher. Aber der Sitz aus Kunststoff lässt sich leicht abwischen und desinfizieren. Sitze mit Stoffbezug hingegen wären irgendwann spürbar feucht, allein durch die Luftfeuchtigkeit, was für jeden Fahrgast ein unangenehm nasses Erlebnis wäre. Zudem könnten sich in einem Stoffsitz unter tropischen Bedingungen schnell Gerüche und vor allem Bakterien bilden. Man möchte also niemanden vom gemütlichen Sitzen abhalten, sondern hat die Sitzmöglichkeiten so komfortabel, hygienisch und praktisch wie möglich gestaltet.


Solltest du aber mal mehrere Stunden mit einem MRT unterwegs sein – im THSR gibt es übrigens Stoffsitze – brauchst du gutes Sitzfleisch.

Übrigens: An den meisten Metrostationen gibt es Regenschilder, die aufleuchten, wenn es an der Oberfläche regnet. Du kannst dir dann einfach einen Schirm mitnehmen, falls du keinen dabeihast. An vielen Stationen stehen diese Schirme „to go“ sogar völlig kostenlos bereit, solange du sie an der nächsten Metrostation wieder einhängst.
Armut und Recylcling
Es ist ein Thema, das mir Herzschmerz bereitet und das ich anfangs nicht verstanden habe, als ich das erste Mal von einer alten Frau angesprochen wurde. Sie ging gebückt, schob einen alten Rollwagen mit einem großen Plastiksack vor sich her und sprach mich an. Ich verstand natürlich kein Wort, doch sie zeigte auf meine Getränkedose. Ich schüttelte den Kopf, entschuldigte mich und verneinte in allen Sprachen, die ich konnte. Die Frau fragte noch einmal, ob sie meine Dose haben könnte. Meine Dose war aber noch halb voll. Sie wartete ein paar Meter entfernt einige Sekunden, bevor sie mich ein drittes Mal liebevoll anlächelte und wieder auf meine Dose zeigte. Wieder schüttelte ich den Kopf. Die Frau lächelte weiter, entschuldigte sich und verschwand schließlich in der Nacht.
Leider habe ich ihr nicht meine Dose gegeben!
Ich war verwundert. Mir waren schon die älteren Menschen aufgefallen, die unzählige Pappkartons sammeln. Sie reißen sich geradezu um jeden Karton, stapeln sie höher, als sie selbst groß sind, auf ihre klapprigen Rollwagen und schieben sie durch die Straßen Taiwans. Doch ich dachte mir zunächst nichts dabei. Es war ein vertrautes Bild für mich, das ich aus vielen K-Dramen kannte (aber auch darüber hatte ich mir nie Gedanken gemacht). Doch als die alte Frau meine Dose unbedingt haben wollte, obwohl es hier nicht einmal ein Pfandsystem gibt, begann ich nachzudenken und nachzuforschen.
Für mich ist es nur eine Dose, die ich glücklicherweise einfach in den nächsten Mülleimer werfen kann, ohne sie mit mir herumzutragen. Für die alte Frau — und für viele andere ältere Menschen — ist diese Dose jedoch viel mehr. Ein kleines bisschen weniger Sorge. Eine Dose näher an einer warmen Mahlzeit. Vielleicht sogar noch mehr als das.
In Taiwan gibt es einen gnadenlosen privaten Recyclingmarkt für Kartonage und Aluminium, der je nach Gewicht ein paar Taiwan-Dollar (NTD oder NT$) dafür bezahlt.
Diese paar NT$ verändern natürlich kein Leben, aber sie retten den Moment, diesen Abend, vielleicht den nächsten Tag. Was für mich Müll ist, kann für jemand anderen ein warmes Abendessen bedeuten. Viele der älteren Menschen, die heute Flaschen, Dosen oder Kartons sammeln, gehören zu der Generation, die Taiwan überhaupt erst aufgebaut hat. Die das Land zu dem gemacht haben, was es heute ist. Eine Hightech-Nation, ein Land, das 98 Prozent aller Halbleiterchips weltweit herstellt, ein Land mit Renten-, Sozial- und Versicherungssystem für seine Bewohner, mit Bildung und Arbeitsplätzen. Doch diese Menschen profitieren kaum davon. Zu ihrer Zeit gab es noch kein Rentensystem, kein Sozialsystem, keine Versicherungen, und viele waren damals sogar illegal im Land.
Sie sind heute selbstverständlich Teil des Straßenbildes, ohne dass man sie ausgrenzt, und genau das hat mich zum Nachdenken gebracht. Wenn du in Taiwan bist und dich ein altes Gesicht freundlich anlächelt, während du zufällig eine leere Getränkedose in der Hand hast, gib sie einfach ab. Sie betteln nicht. Sie arbeiten für ihr Essen — in einem Alter, in dem sie das eigentlich nicht mehr tun sollten, mit einer Geschichte im Körper, die unfair ist. Diejenigen, die das Land aufgebaut haben, auf deren Schultern all das ruht, was heute existiert, haben selbst kaum etwas davon. Währenddessen sitzen junge Generationen, die oft nicht einmal an diese Geschichte denken, in warmen Cafés, trinken Erdbeershakes und lernen auf dem iPad für die Schule — während draußen vor den meterhohen Glasfassaden alte Menschen ihre leeren Rollwagen durch die Straßen schieben, auf der Suche nach Kartons und Dosen.



