Taiwan – Zwischen Hasen und Meer
Taiwan – Zwischen Hasen und Meer

Taiwan – Zwischen Hasen und Meer

Lesedauer 9 Minuten

Man merkt, wie der Körper hier weicher wird. Nicht im Sinne von bequem, sondern im Sinne von erlaubt. Taiwan lässt dich atmen, ohne dich dauernd zu prüfen. Es verlangt keine perfekte Haltung, keine perfekte Fassade. Es verschluckt dich einfach und sagt…

Komm rein, bring deine Ecken und Kanten mit, wir stapeln sie irgendwo zwischen die Häuser und Klimaanlagen und lassen ein paar Pflanzen darüber wachsen.

Mit diesem Gedanken endete meine erste Nacht in Taipei. Mehr oder weniger ausgeschlafen blickte ich von meinem Zimmer aus auf die Kulisse, die mir zu Füßen lag. Ich weiß, dass nicht jeder meine Meinung teilen oder verstehen wird, aber ich finde sie wunderschön. In mir breitet sich bei diesem Anblick plötzlich, dieses Gefühl der Aufregung aus.

Und so beschloss ich, heute nach Shalun zu fahren, genauer gesagt zum Shalun Beach. Er ist nicht weit entfernt – gute 2 Stunden zu Fuß und mit der Metro – und hat mich jetzt schon in seinen Bann gezogen. Nachdem ich wie jeden Morgen mit einem Snack in den Tag gestartet war, irgendwo mitten in Ningxia in der Sonne auf einer Bank saß und die Gedanken einfach kurz vorbeiziehen ließ, machte ich mich auf den Weg Richtung Shalun. Von der Zhongshan Station aus ging es mit dem MRT erst nach Hongshulin und von dort mit dem LRT, einer Tram, weiter Richtung Tamsui Fisherman’s Wharf und Shalun. Von dort waren es nur noch ein paar hundert Meter zu Fuß bis zum Shalun Beach in New Taipei.

Sugoi-chan

MRT in Taiwan bedeutet Mass Rapid Transit. Das ist das Rückgrat der Stadt, die U-Bahn. Tief unter der Erde oder auf Hochtrassen fährt sie präzise, leise und fast unheimlich zuverlässig. LRT bedeutet Light Rail Transit. Das ist keine U-Bahn, sondern eine Straßenbahn mit Zukunftsgefühl. Sie fährt oberirdisch und langsam genug, dass du aus dem Fenster schauen kannst.

Shalun Beach

Es war wie alles hier, unspektakulär atemberaubend. Es lässt sich nicht besser beschreiben. Da ist ein wunderschöner Strand vor mir, klares, in der Sonne funkelndes Wasser, so weicher Sand unter meinen Füßen, wie ich ihn noch nie gefühlt habe, und kaum ein Mensch ist hier. Auf der anderen Seite, buchstäblich, wirkt selbst dieser Strand, als hätte man ihn vor Jahren einfach sich selbst überlassen. Vielleicht hat man ihn nicht aufgegeben, sondern vielmehr gemerkt, dass er alleine existieren kann. Überall fanden sich blau ovale, mit Muscheln bedeckte Gegenstände mit einem als Relief angebrachten Anker. Vermutlich stammen diese seltsam anmutenden Objekte aus der Fischerei. Hin und wieder liegt ein wunderschöner, opalfarbener Fisch am Strand, tot. Es wirkt surreal hier, mit den tausenden Steinen, die nicht fehlplatziert wirken und dennoch aussehen, als hätte sie jemand nur kurz hier abgestellt und noch nicht wieder abgeholt. Zwischen den Steinen ziehe ich meines Weges, das kalte Wasser umspült meine Füße, eine Abkühlung, die mir bei fast 25 Grad sehr gelegen kommt. Nur wenig später finde ich mich im Sand wieder, mit einer Dose Taiwan Beer und dem endlosen Blick auf die Weite des Meeres. Nur ich und das Tosen der Wellen, die sanft gegen die Küste Taiwans schlagen.

Back to…?

Aus den Schluchten in Danjin, in denen Häuser wie Pilze aus dem üppigen Grün hervorstechen, quillt dicker Rauch empor. In den Häusern wird gekocht, in den Industrien alles für den nächsten Tag produziert. Die von Regen und Salzwasser rostig gewordenen Dächer erzählen Geschichten, während ich selbst das Gefühl habe, in einer mitzuspielen. Denn obwohl ich alleine in der Tram Richtung Hongshulin sitze, bin ich nicht allein. Ein Hase sitzt neben mir und scheint sein Buch, in dem seine süße Stupsnase verschwindet, sehr zu genießen. Nein, ich halluziniere nicht, Jimi Rabbit begleitet mich. Und mit ihm noch ein Mädchen und hin und wieder auch ein kleiner Vogel. Zusammen tanzen wir auf Walen durch die Stadt, feiern Feste unter Bäumen und genießen einfach das Leben.

Meine Begleiter gehören zu Taiwans berühmtester Kinderbuchwelt. Du findest sie auf der Strecke von Hongshulin bis zur Tamsui Fisherman’s Wharft fast an jeder Station und wenn du Glück hast, dann sitzt einer von ihnen mit dir im Zug. Jimmy Liao, 幾米, ist ein taiwanischer Illustrator und Autor, der hier ungefähr den Status von Saint Exupéry und Studio Ghibli zugleich hat. Melancholisch, zart, ein bisschen einsam, immer auf der Suche nach Nähe. Das Mädchen hat keinen festen Namen, weil sie bewusst viele Kinder zugleich ist, ebenso wie die anderen tierischen Begleiter. Ein bisschen verloren, ein bisschen mutig, ganz bei sich. In der Bildsprache von Jimmy Liao sind Hasen Begleiter der Einsamkeit, leise Wesen, die da bleiben, wenn Menschen gehen. Deswegen habe ich den Hasen wohl heute getroffen auf meinem Weg von Shalun zurück über Hongshulin und weiter nach Datong, irgendwo zwischen Ximending und Zhongshan.

Shalun

Shalun fühlt sich an wie eine Landschaft, die noch nicht entschieden hat, welche Geschichte sie erzählen will. Alles dort wirkt provisorisch, selbst das Dauerhafte. Die Straßen sind breit, aber sie führen nicht wirklich irgendwohin, eher in Gedanken. Die Gebäude stehen da wie Modelle in einem Architekturatelier, sauber, hell, ein bisschen zu neu, ein bisschen zu still.

Der Ort hat nichts Romantisches im klassischen Sinn. Keine alten Gassen, keine Nostalgie. Er ist roh, neu, ein bisschen unfertig, wie jemand, der gerade erst angefangen hat, sich selbst zu werden. Und genau deshalb fühlt er sich für mich so ehrlich an. Der Ort ist wie ich, wenn ich in Asien bin.

Wenn du durch den Ort gehst, hörst du deine Schritte zu laut. Nicht weil es laut ist, sondern weil nichts sie schluckt. Kein Gedränge, keine Werbeschilder, keine Stimmen, die dich festhalten. Der Raum gehört dir, ob du willst oder nicht. Das kann sich befreiend anfühlen oder beängstigend. Ich finde es befreiend. Die Luft hat diesen merkwürdigen Beigeschmack von Küste und Technik. Salz vom Meer, warmes Gras, ein Hauch von heißem Asphalt und Strom. Zukunft riecht immer ein bisschen nach Baustelle und Shalun riecht genau so.

Und dann dieser Horizont. Der Himmel liegt dort nicht über der Stadt, sondern hinter ihr. Du spürst, dass das Land offen ist, dass irgendwo dahinter Wasser wartet, die unendliche Weite, etwas Unkontrolliertes. Shalun versucht nicht, dich zu umarmen wie Hongshulin. Es lässt dich los. Es ist ein Ort für Menschen, die zwischen zwei Versionen von sich selbst stehen. Nicht mehr dort, aber auch noch nicht hier. Keine Nostalgie, keine Geborgenheit, nur Platz.

Hongshulin

Hongshulin fühlt sich an wie ein Ort, der nicht weiß, ob er Stadt oder Wald sein will und deshalb einfach beides gleichzeitig bleibt. Die Luft dort ist nie ganz leer. Sie trägt immer ein bisschen Salz vom Fluss, ein bisschen Feuchte von den Mangroven, ein bisschen Diesel von der Metro, die vorbeizieht wie ein geduldiges Tier. Nichts davon gewinnt. Alles mischt sich zu diesem eigentümlichen Geruch, der nicht schön ist und nicht hässlich, sondern ehrlich. Man atmet und merkt, hier lebt etwas.

Der Boden wirkt weich, selbst wenn er aus Beton ist. Das liegt an den Pflanzen. Sie wachsen dort nicht dekorativ, sondern entschlossen. Wurzeln drücken sich durch Ritzen, als würden sie sagen, wir waren hier vor euch, und wir werden es wieder sein. Die Mangroven stehen im Wasser wie alte Leute, die keine Angst mehr haben, sich schmutzig zu machen. Ihre Luftwurzeln greifen in den Schlamm wie Finger, die sich an die Welt klammern.

Mein Zuhause

Wenn ich an der Taipei Main Station ankomme, nehme ich immer einen anderen Ausgang. Manchmal bewusst, manchmal weil ich im Gedränge keine andere Wahl habe. Wie viele Ausgänge es gibt, weiß ich nicht, aber ich liebe es, an derselben Station anzukommen und jedes Mal etwas Neues zu entdecken. Sobald ich aus der Metro, die tief unter der Erde liegt, hervorkrieche und der warme, süßlich riechende Wind der oberirdischen Stadt mir schon auf der Rolltreppe in die Nase kriecht, bin ich aufgeregt, was ich wohl heute wieder entdecken werde. Und natürlich bin ich nicht nach Hause gegangen, sondern mal wieder viel zu oft abgebogen. Angezogen vom Neonlicht wie eine Motte durchstreifte ich den restlichen Abend die Gegend.

Datong

Datong riecht nach Vergangenheit, die nicht weggeräumt wurde. Alte Häuser, die schon tausend Leben gesehen haben, Garküchen, die seit Jahrzehnten denselben Dampf in dieselben Gassen pusten. Nichts dort will dich beeindrucken. Alles dort will einfach weiter existieren. Du läufst durch Datong und merkst, hier haben Menschen geliebt, gestritten, geschlafen, sind gestorben, und morgen kocht jemand wieder Nudeln an genau derselben Stelle. Die Zeit dort ist dickflüssig.

Ximending

Ximending ist das Gegenteil und trotzdem Teil desselben Atemzugs. Licht, Lärm, Neon, Teenager, Popmusik, Cosplay, billige Schuhe, süße Getränke und riesige LED-Bildschirme. Es ist laut, aber nicht aggressiv. Eher wie ein ewiger Samstagabend. Die Leute kommen her, um jemand anders zu sein, auch nur für zwei Stunden. Ximending ist eine Bühne, aber eine freundliche. Niemand fragt dich, wer du wirklich bist, solange du da bist.

Ningxia

Und dann gibt es noch Ningxia. So klein, so dicht, so intensiv. Essen überall. Fett, Zucker, Brühe, Rauch. Menschen schieben sich durch diese schmale Straße, als wäre sie ein Blutgefäß der Stadt. Hier geht es nicht um Träume oder Jugend oder Geschichte. Hier geht es um Hunger. Um das Hier und Jetzt. Um Körper, die etwas Warmes brauchen. Ningxia ist Taipei, wenn es aufhört, über sich nachzudenken.

Und weil sie so nah beieinander liegen, fließt alles zusammen. Der alte Staub von Datong, das Neon von Ximending, der Dampf von Ningxia. Es mischt sich zu diesem einen Gefühl.

Ein Gefühl, das süchtig macht und das ich so viele Monate vermisst habe.

11

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert