Eigentlich wollte ich heute lediglich über meinen Tag schreiben, an dem ich mir endlich etwas erfüllt habe, worauf ich mich seit Monaten gefreut hatte. Du weißt ja mittlerweile bestimmt, dass ich nichts mehr liebe als – Asien, schon klar – aber diesmal meine ich Höhe, hohe Gebäude in Asien und vor allem Türme. In Taiwan darf der Taipei 101 dann natürlich nicht fehlen. Er ist immerhin das höchste Gebäude des Landes und mit insgesamt 503 Metern einer der höchsten Türme der Welt. Und zugegeben, der nicht ganz so günstige Spaß, für knapp 80 bis 90 Euro (je nach Wechselkurs) das Skyline 460 Deck zu besuchen, war jeden einzelnen Taiwan Dollar wert.
460 Meter über dem Boden Taiwans, einmal außen auf einer an den Turm angebrachten Plattform umherzulaufen, als hätte man Taiwan in einem Kreis um mich gelegt, das war schon ein krasses Erlebnis. Ein Ort, der so hoch ist, dass die Stadt plötzlich still wird und man für einen Moment glaubt, dem Himmel so nah zu sein wie niemals zuvor. Selbst die höchsten Bürogebäude wirkten jetzt nur noch wie kleine Zahnstocher aus Beton, die man einfach in die Erde Asiens gesteckt hatte. Es war wirklich unbeschreiblich. Keine Worte und auch keine Bilder können das Gefühl auch nur annähernd transportieren, das ich in diesen fünfzig Minuten – so lange hatte ich Zeit, auf dem Taipei 101 umherzuwandern – erlebt habe.











Aber auch das Davor und das Danach waren beeindruckend. Der Taipei 101 ist ein wirklich gigantischer Komplex, zugleich Bürogebäude und absurd großes Shopping Paradies, mit Ausmaßen, die man sich nicht vorstellen kann. Wenn ein Gebäude über mehr als sechzig Fahrstühle verfügt, sagt das schon viel über die Dimensionen aus, die hier von Stahl und Beton getragen werden. Erstaunlicherweise war es auch hier nicht überfüllt. Kein Gedränge, kein Geschiebe, nur Weite, und das ganz buchstäblich. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Taiwan für viele Menschen, gerade aus Europa, einfach kein klassisches Reiseziel ist und das Land touristisch noch nicht ganz entdeckt wurde, oder ob ich vielleicht einfach eine gute Zeit erwischt habe.
Eine gute Zeit erwischt?
Theoretisch ist Winter in Taiwan. Das heißt 12 bis 25 Grad mit Sonne und Regen, wobei der Regen sich bisher leider vor mir versteckt hat. Und ja, das ist kein Scherz. Taiwan liegt auf einem Breitengrad, der niemals wirklich Winter hat. Es gibt hier keinen Schnee und nicht einmal im tiefsten Winter fällt die Temperatur unter 10 Grad. Natürlich gibt es etwa auf dem knapp 4.000 Meter hohen Berg Yushan (玉山) Schnee, aber die Städte erleben so gut wie niemals Winter.
Das Temperaturempfinden scheint sich dennoch deutlich zu unterscheiden. Während ich im Januar bei 23 Grad in kurzer Hose und T-Shirt durch Taiwan laufe, trägt die Mehrheit der Einheimischen eine Jacke, teils sogar mit Wollmütze und Handschuhen. Und auch meine Freundin aus Taiwan schreibt mir täglich, dass heute angenehmes Wetter sei, etwas kühl, aber sonnig – während ich ein eiskaltes Taiwan Bier trinke, um nicht komplett zu schmelzen. In der Metro habe ich stets mein 今治タオル, ein Imabari Towel oder Schweißtuch, dabei während mich ungläubige Augen aus bis oben hin zugezogenen Jacken anstarren 😅
Starbucks
Übrigens sitze ich gerade gemütlich an einem riesigen Holztisch, dessen Oberfläche voller Einkerbungen und abgeblätterter Farbe allein schon hunderte Geschichten erzählt. Wie es sich für Blogger, Autoren und Internet-Nerds gehört, sitze ich natürlich mitten in Taipei in einem Starbucks. Aufgrund des Images, das Starbucks in Deutschland und anderen Teilen Europas hat, ein Treffpunkt für Influencer mit Laptop zu sein, hatte ich ein gemischtes Gefühl auf meinem Weg hierher. Wie wird es in Asien sein? Kann ich gemütlich einen Kaffee trinken und dabei einen Blogartikel schreiben?
Ja, ich kann. Mit mir am Tischen sitzen Frauen, Männer, Geschäftsleute, Pärchen, Nerds und Rentner. Manche haben Online-Meetings, einige lernen für ihr Studium, andere spielen einfach ein Spiel auf ihrem Smartphone. Starbucks, oder zumindest dieser Starbucks, scheint hier noch ein Treffpunkt zu sein statt eine Design-Ausstellung. Der Boden ist abgenutzt, die Tische benutzt und es gibt Kaffee, groß oder klein, kalt oder heiß. Kein Venti-Fancy-Karamell-Vanille-Topping-Cookie-Crunch-Coffee. Und fast jeder hat hier einen Laptop vor sich oder zumindest sein Smartphone in der Hand. Ich füge mich nahtlos ins Bild. Einzig der Mann hinter mir liest, in einem zerknautschten Ledersessel sitzend, eine Zeitung. Asian Life.
Dadaocheng
Eigentlich war der Taipei 101 der Höhepunkt (Wortwitz) meines Tages, dachte ich.
Denn mein Tag hat sich anders entschieden. Er endete nicht in Höhe, sondern in Nähe. In etwas, das ich weder erwartet noch gesucht hatte, aber dennoch gefunden habe. Etwas, das nicht glänzt, nicht leuchtet, auf Fotos nicht gut aussieht, sich aber tiefer in meine Seele gebrannt hat als jeder Ausblick in surrealer Höhe.
Auf Google Maps hatte ich einen gespeicherten Wegpunkt gefunden, konnte mich aber nicht mehr erinnern, was und warum ich das gespeichert hatte. Der Name Dadaocheng Wharf Plaza klang in meinem Kopf trotzdem vielversprechend, also machte ich mich zu Fuß auf den Weg. Es war bereits spät am Abend, etwa 21.30 Uhr. Ich brauchte nur zwanzig Minuten, bis ich am Hafen ankam.





Doch direkt nachdem ich die Hafenmauern passiert hatte, wurde mir klar, dass hier etwas anderes war als das, was ich erwartet hatte. Ein seltsames Gefühl beschlich mich. Merkwürdige Gestalten tummelten sich in den Ecken, und offenbar trafen sich hier Elend, Jugend und abendliche Jogger, als sei es schon immer so gewesen. Früher diente Dadaocheng Wharf als zentraler Umschlagplatz für den Flusshandel und zog westliche Firmen an. Heute ist es, wenn man im Internet recherchiert, ein Startpunkt für Bootsfahrten und ein Ort für Feuerwerke und Radtouren entlang des Flusses. Und tatsächlich lagen am einzigen Pier, der noch vorhanden ist und von lilafarbenen LED Lichterketten beleuchtet wurde, drei kleine Boote. Das einzige wirklich interessante Schiff allerdings lag nicht im Wasser. Es thronte stattdessen auf einem Betonfundament vor der Kaimauer.


Neben den Seelen, die ihr Leben scheinbar schon gelebt hatten und tief gefallen waren, tanzten Teenager vor ihren auf Stativen montierten Smartphones und filmten TikTok-Videos. Vorbeifahrende Radler und vorbeiziehende Jogger durch diese skurrile Kulisse störten das Bild, das ich mir gerade im Kopf machte, immer wieder. Es war eine Explosion aus realem Leben, das ich so nicht kannte. Ganz im Gegenteil. In Deutschland hätte ich solch eine Gegend umgehend verlassen und das Weite gesucht, aber irgendetwas hielt mich hier fest. Es zog nicht an mir, aber es sagte mir, alles ist gut. So wie es hier gerade ist, ist es richtig. Bis mich plötzlich ein Dinosaurier anbrüllte.
Nur wenige Meter neben mir war offenbar ein kleiner Nachtmarkt, dessen Eingang von einem aus dem Jurassic Park geflohenen Dinosaurier bewacht wurde. Zu meinem Glück ließ er mich vorbei und so fand ich mich plötzlich an einem der verrücktesten Orte wieder, die ich je erlebt habe. Links und rechts standen Bauwagen, Container und aus Holz gebaute Hütten, jede davon umfunktioniert zu einer Bar oder einem Imbiss. Es roch nach Fisch, Bier, gebratenem Fleisch und Cocktails. Laute Musik, abwechselnd ein weltweit bekanntes Lied aus den Neunzigern gefolgt von einem vermutlich taiwanischen Song, flog durch die Luft und rauschte an alten Körpern vorbei, die nichts mehr besaßen, und traf direkt danach die Ohren junger Körper, die gerade alles fühlen wollten. Als wäre dieser Ort eine Brücke zwischen diesen Welten. Ein Hafen ist zwar immer ein Ort, der nach Leben riecht, das gerade in den Tod übergeht aber das, hatte ich nicht erwartet hier zu finden. Frischer Fisch, der eben erst gefangen wurde, wurde hier einst gelöscht, und es scheint, als könne man das noch immer wahrnehmen. Der Geruch von Diesel, Fisch und Alkohol machte die Luft hier schwerer, aber nicht erdrückend.
Anders als in Japan habe ich bisher kaum Menschen in Taiwan gesehen, die Alkohol trinken. Hier war das vollkommen anders. Ich glaube, es gab überhaupt nichts anderes als Bier und Schnaps. Die Verkaufsstände waren gerade groß genug für zwei, manchmal drei Leute, die hineinpassen und die Wünsche derer erfüllen konnten, die wie ich mit großen Augen davorstanden. Ich allerdings war hier ebenso interessant für die anderen, wie die ganze Situation für mich war. Denn weder sah ich hier Touristen, noch sah man mich an, als wäre es völlig normal, als Tourist an diesem Ort zu sein. Es war kein wertender Blick, eher ein abwartender. Die Leute schienen nicht sicher zu sein, ob ich mich verlaufen hatte oder hier sein wollte. Und ganz ehrlich, das wusste ich selbst auch nicht.
Das alles fühlte sich an wie ein Riss in der Gewohnheit. Aber auch wenn Risse normalerweise nichts Positives bedeuten, war das hier einer, der niemals repariert werden sollte, weil ich ihn liebe. Aus jedem Stand, dem ich mich näherte, rief mir jemand nĭ hăo zu und lächelte. Ich umrundete den Nachtmarkt einmal und lief dann zurück in die Mitte. Es war, als wüssten meine Beine schon, wohin sie wollten, bevor ich es in Gedanken fassen konnte.
Wenn ich schon mal hier bin, zündete der Gedanke in meinem Kopf, und mein Mund bestellte auf verlegenem Mandarin-Englisch ein Bier. Nach ein paar Gesten mit Händen und Füßen hatten wir auch die Größe des Bierglases geklärt. Während das Bier hörbar aus dem Zapfhahn schoss, nahm jemand Drittes hinter der Theke, so wie ich zuvor, all seinen Mut zusammen, zeigte auf den halben Liter Krug und rief mir zu, this is the bad shit. Wir lachten alle kurz, und ich hielt inne. Okay, gib mir den bad shit, dachte ich und nahm den großen Krug Taiwan Beer. Jetzt muss man wissen, dass Taiwan nicht zu den Ländern gehört, in denen Alkohol stark konsumiert wird, und viele ihn hier schlicht nicht gut vertragen. Also ja, ein halber Liter Bier ist für manche hier wirklich bad shit.
Da saß ich also, irgendwo in Dadaocheng an einem ehemaligen Hafen, als einziger Nicht-Taiwanese zwischen all den anderen mit meinem Bierkrug am Tisch. Die Musik umspielte meine Sinne, das Bier schmeckte herrlich und um mich herum wurde gelacht, geplaudert und sich in den Armen gelegen. Eine Frau, die sehr offensichtlich kein einfaches Leben hatte, schob ihren Rollwagen mit gesammelten Pappkartons durch den schmalen Gang zwischen den Ständen. Ihre größte Not konnte sie offenbar nicht länger in sich tragen. Vielleicht hatte sie es auch nicht mehr bemerkt, vielleicht war es ihr sogar egal. Es war ein seltsamer Moment. Jeder sah sie, doch niemand sagte etwas. Niemand unternahm etwas, um das Bild aufzuräumen. Es war einfach okay. Sie gehörte irgendwie hierhin. Sie würde den Weg entlanggehen, hier und da einen Karton einsammeln und dann wieder in der Nacht verschwinden, und niemand weiß wohin, bis sie morgen wiederkommen würde.




Während ich dort mein Bier trank, war sie eine stille Erinnerung daran, dass Körper zerfallen, dass Würde nicht garantiert ist und dass jeder irgendwann durchs Raster fallen kann. Das ist kein Elend. Das ist Wirklichkeit. Und sie war an diesem Abend, in diesem Moment, erschreckend real und nah. Wieder einmal war Taiwan roh, ein bisschen schief, ja sogar etwas kaputt, aber genau das macht dieses Land für mich immer mehr aus. Hier leben Menschen, und Leben bedeutet meistens nicht 503 Meter polierte Glasfassade mit perfektem Marmorboden, auf dem High Heels einen leisen Ton von Reichtum in den Raum hallen lassen. Eine perfekt saubere Stadt, in der niemand leidet, ist eine Utopie. Eine Fiktion, die viele Städte in vielen Ländern aufrechterhalten wollen, indem sie ihr Stadtbild säubern. Sie predigen Miteinander und machen gleichzeitig Menschen unsichtbar.
Die Wahrheit ist auch hier, dass man dieser Frau ausweicht. Viele schauen weg. Sie ist durchs Raster gefallen, aber sie ist noch da. Genau da, wo auch alle anderen sind. Sie wurde nicht ausradiert, und das ist der Unterschied. Dieser Mensch hatte keinen Schutz, vielleicht nicht einmal mehr eine Stimme, aber sie war im selben Raum, weil niemand die Szene gesäubert hat.
Warum mich das so fasziniert, fragst du dich vielleicht, und ich habe mich das auch gefragt. Ich glaube, es liegt daran, dass ich spüren möchte, dass ich in einer Welt lebe, in der Dinge aufeinanderprallen. In einer Welt, in der Freude nicht gespielt wird und Elend nicht weggeschoben. In der ein Bier neben einer Tragödie existieren darf, weil wir eben alle zum ersten Mal leben. Weil uns niemand die Spielregeln erklärt hat. Aber ich spiele lieber ein echtes Spiel als eine Lüge. Die Welt und Dadaocheng sind eben seltsam.
Seltsam schön.


