Mein hundertster Beitrag. Eigentlich ein schöner Anlass, um über Japan, Taiwan oder Asien zu schreiben. Über neue Orte, gutes Essen, lange Zugfahrten oder Begegnungen mit wunderbaren Menschen. Doch heute soll es um etwas ganz anderes gehen. Um etwas, das auf keinem einzigen Foto zu sehen ist.
Freunde, Familie, die Menschen auf meiner Arbeit und auch viele andere, denen ich begegne, kennen mich als jemanden, der unglaublich gerne reist. Für viele wirkt es sogar so, als würde mir das alles mit einer gewissen Leichtigkeit gelingen. Ich bombardiere Menschen regelmäßig mit Fotos in Messengern, schneide nach meinen Reisen stundenlange Videos zusammen und schaue sie später gemeinsam mit anderen an. Und natürlich auch hier auf meinem Blog teile ich die schönsten Momente mit der Welt.
Doch all diese Fotos und Beiträge zeigen nur eine Seite meiner Reisen. Sie zeigen die schönen Momente. Die vermeintlich leichten, die lebensfrohen Augenblicke, durchtränkt von Glück und Begeisterung.
Alles ist ganz einfach
Von außen wirkt alles so einfach. Wenn ich anderen Fotos zeige und von meinen Reisen erzähle, höre ich oft Sätze wie „Ich könnte das gar nicht“ oder „Ich würde mich das nicht trauen“.
Genau dann denke ich an all meine Momente zurück. An jede einzelne Situation, in der ich vor Aufregung gezittert habe. An die Momente, in denen mir das Wasser von der Stirn lief wie ein Wasserfall, obwohl ich einfach nur vor einem Restaurant stand oder am Bahnhof auf den hoffentlich richtigen Zug gewartet habe. An die Tage, manchmal sogar Wochen, in denen ich nicht mehr richtig zur Ruhe gekommen bin, weil ich wusste, dass wieder etwas völlig Neues auf mich wartet.
Es ist nicht so leicht, wie es offenbar aussieht. Eigentlich ist es genau das Gegenteil. Manchmal bin ich completely exhausted – völlig ausgebrannt. Dann liege ich den halben Tag am anderen Ende der Welt im Bett und fühle mich schlecht, weil ich denke, ich verschwende gerade wertvolle Zeit. Ich bin schließlich nicht um die halbe Welt geflogen, um auszuschlafen, an die Decke meines Zimmers zu starren oder stundenlang in einem Café in Taiwan zu sitzen. Ich wollte, nein, ich sollte doch etwas erleben. Ich wollte hinaus. Ich wollte genau jetzt dort draußen sein, zwischen den Menschen, den Geräuschen, den Gerüchen und all dem Leben, das sich gerade ohne mich abspielt.
Aber in solchen Momenten vergesse ich etwas. Etwas ganz Entscheidendes. Ich vergesse, dass nicht nur mein Körper in ein Flugzeug gestiegen und nach Asien geflogen ist. Auch all meine Sorgen, meine Ängste, meine Gedanken und all das, was schon lange vor einer Reise in mir war, ist mit eingestiegen. Ein Ortswechsel heilt keine Unsicherheit. Dreizehn Stunden Flugzeit löschen keine Ängste und Sorgen. Man kann Tausende Gedanken nicht zum Schweigen bringen, indem man Hunderte neue Eindrücke auf sie stapelt. Sie werden davon nicht ruhiger. Sie sitzen einfach mit am Fenster und schauen genauso aus dem Flugzeug wie ich. Sie stehen mit mir am Bahnsteig, betreten mit mir jedes Restaurant und begleiten mich auf jedem einzelnen Schritt. Sie reisen nicht hinter mir her. Sie reisen mit mir.
Es ist vollkommen okay, im Urlaub, auf einer Abenteuerreise oder während man für eine Zeit in einem anderen Land lebt, auch einfach einmal nichts zu tun. Müde zu sein. Vielleicht sogar einen Tag lang überhaupt keine Lust zu haben, vor die Tür zu gehen. Das ist nicht nur okay, sondern völlig normal. Man kann nicht jede Minute verplanen und man sollte es auch gar nicht versuchen. Denn egal, ob man zu Hause ist oder am anderen Ende der Welt, man bleibt ein Mensch. Mit einem Körper, der Ruhe braucht. Mit einem Kopf, der manchmal einfach eine Pause verlangt. Und mit all den Gedanken, die sich nicht darum kümmern, in welchem Land sie gerade sind.
„Aber du kennst das doch schon“
Diesen Satz höre ich oft. Ja, das stimmt. Ich war bereits mehrmals in Japan, habe hier mehrere Monate gelebt, war vor wenigen Monaten in Taiwan und schon bald geht es weiter nach Südkorea. Und ich weiß, ich wiederhole mich, aber nichts davon war nur deshalb fucking einfach, weil ich es schon einmal erlebt hatte. Nicht damals und auch heute nicht.
Es war nicht einfach, in Japan zu leben. Es war nicht einfach, nach Taiwan zu reisen. Und es ist auch jetzt nicht einfach, hier in Morioka zu sein. Allein hier anzukommen war schwer. Vielleicht ist „schwer“ sogar das falsche Wort. Es war unglaublich nervenaufreibend.
Wenn ich sage, dass etwas nicht einfach war, meine ich übrigens nicht die technischen Dinge. Eine Reise zu buchen ist heute in wenigen Minuten erledigt. Ein Flugticket kaufen, eine Unterkunft reservieren oder einen Pass für den Zug zu bestellen, das schafft jeder mit ein paar Klicks.
Die eigentliche Reise beginnt aber erst danach. Solange eine Reise nur ein Papiertiger ist, fühlt sie sich leicht an. Doch plötzlich liegt da dieses Ticket auf dem Tisch. Aus einem Gedanken wird Wirklichkeit. Und genau dann fängt mein Kopf an zu arbeiten. Was mache ich jetzt mit dem Ticket? Wo muss ich wann hin? Wo bekomme ich meinen Pass für den Zug? Wie komme ich an die Schlüssel für meine Wohnung? Welchen Ausgang muss ich nehmen? Was muss ich beachten? Schaffe ich den Umstieg? Bin ich am richtigen Gleis? Was ist, wenn ich etwas falsch verstanden habe? Was ist, wenn ich den Zug verpasse?
Und die Antwort auf fast all diese Fragen war am Ende eigentlich immer dieselbe. Es geht einfach weiter. Irgendwie. Natürlich saß ich schon im falschen Zug. Natürlich wusste ich nach dem Unterschreiben eines Mietvertrags manchmal nicht, ob ich gerade wirklich nur den Vertrag unterschrieben habe oder gleich noch mein eigenes Testament. Und ja, ich habe auch schon Züge verpasst. Selbst in Japan gibt es Verspätungen. Mit ganzen fünfundzwanzig Minuten Verspätung wurde ich vor einer Woche begrüßt. Ich wusste sofort, dass ich nicht pünktlich ankomme und meinen Anschlusszug verpassen würde. Und genau in diesem Moment passiert etwas Merkwürdiges. Die Angst verschwindet nicht, aber sie hat keine Zeit mehr. Jetzt geht es nicht mehr um tausend Möglichkeiten, sondern nur noch um die nächste Entscheidung. Auf den nächsten Zug warten. Eine andere Verbindung suchen. Vielleicht jemanden fragen. Einfach weitergehen. Nicht stehen bleiben. Nicht verzweifeln.
Was viele Menschen vergessen, wenn sie sagen „Ich wüsste gar nicht, wie etwas in einem anderen Land funktioniert“, ist etwas ganz Einfaches. Ich wusste das auch nicht!
Ich wusste nicht, wie eine Fahrt mit dem Shinkansen funktioniert. Ich wusste nicht, wie ich nach Jōdogahama komme, schon gar nicht, als meine vertraute Art zu reisen durch eine Naturkatastrophe plötzlich einfach wegfiel. Ich wusste nur eines. Ich will dorthin. Also musste ich einen neuen Weg finden.
Als ich letztes Jahr mehrere Monate in Japan gelebt habe, musste ich regelmäßig neue Mietverträge unterschreiben, weil ich auf die großartige Idee gekommen war, alle dreißig Tage in einer anderen Stadt oder sogar in einer anderen Präfektur zu wohnen. Auch das war jedes Mal wieder neu. Ich war zuvor in keinem dieser Orte gewesen. Ich wusste also nicht einmal, ob ich die Wohnung überhaupt finden würde oder ob ich mit meinen Koffern erst einmal orientierungslos durch eine fremde Stadt laufen würde.
Als ich letzte Woche nach Morioka gefahren bin, wusste ich nicht, wie sich eine Präfektur anfühlen würde, die fast tausend Kilometer von allem entfernt liegt, was ich bisher aus Tokyo kannte. Ich wusste nicht, ob ich im richtigen Zug sitze, ob ich irgendwo falsch aussteige oder ob ich überhaupt am richtigen Gleis einsteige. Und sobald man an einem Bahnhof steht, der mehr Ausgänge besitzt als man Gedanken im Kopf hat, kommt man irgendwann ins Schwitzen.
Für viele Menschen sind das vielleicht Kleinigkeiten. Für mich fühlt sich jede einzelne dieser Situationen wie ein kleiner Sprung ins kalte Wasser an. Mein Kopf spielt vorher tausend Möglichkeiten durch und neunhundertneunundneunzig davon enden in einer Katastrophe. Die tausendste Möglichkeit ist zwar fast immer die Realität und sie ist meistens viel schöner als alles, was mein Kopf sich vorher ausgemalt hat. Aber bis ich an diesem Punkt angekommen bin, hat mich mein eigener Kopf oft schon mehr Kraft gekostet als die Reise selbst.
Und ich glaube, genau darin liegt der Unterschied zwischen Erfahrung und Leichtigkeit. Erfahrung bedeutet nicht, dass die Unsicherheit irgendwann verschwindet. Sie bedeutet auch nicht, dass die Angst kleiner wird. Sie bedeutet nur, dass ich heute weiß, dass ich einen Weg finden werde. Nicht, weil ich alles kann. Nicht, weil ich alles weiß. Sondern weil ich bisher immer einen gefunden habe.
Die längste Reise ist für mich deshalb oft gar nicht die durch Asien. Sie beginnt viel früher. Irgendwo zwischen einem einzigen Gedanken in meinem Kopf und dem Moment, in dem ich trotz aller Zweifel den ersten Schritt mache. Und genau diese wenigen Zentimeter zwischen Denken und Gehen kosten mich manchmal mehr Kraft als tausende Kilometer durch Japan, Taiwan oder irgendwo sonst auf dieser Welt.
Reisen kostet Kraft
„Ich könnte das nicht.“
Ehrlich gesagt kann ich diesen Satz nicht mehr hören.
Ich glaube wirklich, dass wir das alle können. Der Unterschied ist nicht, ob wir etwas können. Der Unterschied ist, ob wir bereit sind, durch die Angst hindurchzugehen. Ob wir bereit sind, dem Unbekannten zu begegnen. Ob wir bereit sind, die Kontrolle für einen Moment loszulassen und trotzdem weiterzugehen.
Weißt du, was wirklich einfach ist? Zu sagen „Ich kann das nicht“. Den Gedanken genau dort enden zu lassen, die Tür gar nicht erst zu öffnen und nie herauszufinden, was sich vielleicht dahinter verborgen hätte. Das ist einfach. Das kostet keine Überwindung. Das kostet keinen Mut.
Leider oder vielleicht auch zum Glück haben wir aber nur dieses eine Leben. Und es findet nicht morgen statt. Nicht nächstes Jahr. Nicht irgendwann, wenn endlich alles perfekt ist. Es findet genau jetzt statt. Und genau jetzt wollte ich die Welt erleben. Na gut, seien wir ehrlich, Asien reicht mir vollkommen. Asien ist meine Welt. Aber dafür musste ich all die Dinge tun, vor denen ich Angst hatte und teilweise bis heute Angst habe.
Von außen wirkt es vielleicht so, als würde ich mich einfach in ein Flugzeug setzen, nach Asien fliegen und dort losziehen, als wäre dieser Kontinent ein riesiger Spielplatz, auf dem ich mich ganz selbstverständlich bewege. Aber das stimmt einfach nicht.
Natürlich gibt es inzwischen Dinge, die zur Routine geworden sind. Flughäfen zum Beispiel. Ehrlich gesagt finde ich Flughäfen mittlerweile fast langweilig. Mit einem Zug oder mehreren Bussen fast tausend Kilometer durch Japan zu fahren, fühlt sich aber überhaupt nicht nach Routine an. Es fühlt sich auch nicht nach „ein bisschen Zug fahren“ an. Es fühlt sich riesig an. Mein Puls steigt schon lange, bevor der Zug überhaupt in den Bahnhof einfährt. Ich überprüfe mein Ticket zum zehnten Mal. Ich frage mich, ob ich wirklich richtig bin. Ob ich am richtigen Gleis stehe. Ob ich irgendetwas übersehen habe. Und dabei ist das noch nicht einmal das Ziel. Es ist nur der Weg dorthin. Manchmal sogar nur der Weg zu einem Zwischenziel.
So wie gestern, als ich mich auf den Weg nach Jōdogahama gemacht habe. Alles, was ich wusste, war, dass ich mit zwei Bussen ungefähr dreieinhalb Stunden unterwegs sein würde. Selbstverständlich war ich schon vor der Abfahrt davon überzeugt, dass die Bushaltestelle, die Google Maps ausgespuckt hatte, unmöglich stimmen konnte – und ich sollte recht behalten. Zum Glück stehen auf den Bussen selbst aber Nummern und Ziele. An dieser Stelle hilft es natürlich ungemein, wenn man die Sprache zumindest ein bisschen lesen und verstehen kann. Und obwohl die Busnummer stimmte, die Abfahrtszeit ebenfalls und sogar mein Ziel auf der Anzeige stand, war ich fest davon überzeugt, dass das alles unmöglich richtig sein konnte. Mein Kopf hatte längst beschlossen, dass irgendwo ein Fehler sein musste. Also fing mein Körper an zu vibrieren. Das Zittern wurde immer stärker, mein Puls schoss nach oben und ich brauchte Sicherheit. Ausgerechnet die fand ich in dem Moment, vor dem ich mich am meisten gedrückt hatte, nämlich im Kontakt mit anderen Menschen.
Natürlich wartete ich erst, bis alle anderen eingestiegen waren. Ich wollte niemanden aufhalten, niemandem im Weg stehen und den laufenden Betrieb bloß nicht stören. Erst dann ging ich zum Busfahrer und fragte mit meinem gesamten Japanisch, das mir in diesem Moment zur Verfügung stand, ob das wirklich der richtige Bus Richtung Miyako sei. Es dauerte nur wenige Sekunden. Er lächelte freundlich, nickte und bestätigte mir, dass ich richtig bin. Mehr brauchte es gar nicht. Sofort fiel eine riesige Last von mir ab und ich konnte die fast zweistündige Fahrt durch die Berge einfach genießen.
Doch in Miyako angekommen stellte ich ziemlich schnell fest, dass meine Suica mich diesmal nicht weiterbringen würde. Auf einem Schild, das ich vermutlich nur durch Zufall gelesen hatte, weil es weder besonders auffällig war noch wie ein wichtiger Hinweis aussah, stand, dass ich für die Verbindung nach Jōdogahama einen Tagespass brauche. Kein Problem, dachte ich. Ich habe noch fünfzehn Minuten Zeit. Der Bus fährt nur alle drei Stunden, ich weiß nicht, wo ich bin und ich weiß auch nicht, wo ich diesen Tagespass bekomme. Im Ausschlussverfahren entschied ich mich schließlich für das Gebäude in der Mitte. Links waren die Toiletten, rechts ging es in den Bahnhof, also musste es wohl dieses Gebäude sein. Ich trat hinein, verbeugte mich und fragte auf Japanisch, ob es vielleicht möglich wäre, Englisch zu sprechen, obwohl ich die Antwort eigentlich schon kannte. Natürlich nicht. Aber am Ende reichte mein Japanisch vollkommen aus. Dazu kamen Hände, Füße, Gesten, viel Lachen und vor allem unglaublich hilfsbereite Menschen. Wenige Minuten später hielt ich mein Tagesticket in der Hand.
Meinen Freunden schickte ich anschließend natürlich nur ein Foto von diesem Ticket. Seht her, alles ganz einfach. Hat wieder problemlos funktioniert. Was dieses Bild allerdings nicht zeigte, war die Tatsache, dass ich innerlich ungefähr tausend Tode gestorben bin, bevor ich überhaupt wusste, wo ich dieses Ticket bekomme. Und genau das ist etwas, das viele Menschen nie sehen. Sie sehen das Ergebnis, aber nie den Weg dorthin.
Dabei weiß ich eigentlich, dass überall auf der Welt einfach nur Menschen sind. Menschen wie du und ich. Wenn ich die Situation umdrehe und vor mir würde plötzlich ein Reisender stehen, der meine Sprache kaum oder vielleicht gar nicht spricht, würde ich niemals so über ihn denken, wie ich über mich selbst denke. Ich würde denken, wie schön, dass jemand den Weg hierher gefunden hat. Wahrscheinlich möchte die Person einfach nur an den Strand und weiß nicht, wie sie dorthin kommt. Mein internes Bewertungssystem funktioniert leider etwas anders. Es bewertet ausschließlich mich. Und das nicht einmal für Dinge, die passiert sind, sondern für Situationen, die vielleicht irgendwann passieren könnten. Es erfindet peinliche Momente lange bevor sie überhaupt existieren und behandelt sie, als wären sie längst Realität.
Schlimmer geht immer
Und dann gibt es diese Abende in einem Izakaya. Auf meinen Fotos sieht das alles unglaublich schön aus (hoffe ich 😝). Gutes Essen. Kaltes Bier. Lachende Gesichter. Menschen, die gemeinsam feiern. Es wirkt leicht, unbeschwert und irgendwie selbstverständlich. Doch die Fotos zeigen nie die Stunden davor. Sie zeigen nicht mein gebrochenes Japanisch. Sie zeigen nicht, wie ich minutenlang vor der Tür stehe und überlege, ob ich wirklich hineingehen soll. Sie zeigen nicht, wie mein Herz rast, während ich versuche, die Speisekarte zu verstehen. Sie zeigen nicht mein strahlendes Gesicht, wenn das Essen kommt und ich überhaupt keine Ahnung habe, was da gerade vor mir steht. Sie zeigen nicht die Unsicherheit beim ersten Bissen. Sie zeigen nicht die verlegenen Blicke, wenn mir natürlich genau in diesem Moment eine Nudel durch die Stäbchen rutscht. Sie zeigen auch nicht das Zittern in meiner Stimme, wenn ich jemanden frage, wie dieses Getränk eigentlich heißt. Und genau dort passiert plötzlich etwas. Aus einer kleinen Frage entsteht ein Gespräch. Aus einem Gespräch entsteht ein gemeinsamer Abend. Und aus völlig fremden Menschen werden Menschen, mit denen ich bis tief in die Nacht lache, esse und anstoße.
War das schön? Ja. Absolut. Würde ich es wieder tun? Immer wieder. War es einfach? Nein. Verdammt, nein. Es kostet mich jedes einzelne Mal unfassbar viel Kraft und Überwindung.
Mein Kopf ist in solchen Momenten mein größter Gegner. Jede einzelne Sekunde. Wirklich jede einzelne Sekunde bombardiert er mich mit Gedanken. Wie sehe ich aus? Mache ich alles richtig? Störe ich irgendwen? Bin ich zu laut? Bin ich zu still? Ich bin hässlich. Hoffentlich kleckere ich jetzt nicht. Laufe ich komisch? War meine Aussprache richtig? Sagt man das überhaupt so? Lachen sie gerade mit mir oder über mich? Diese Gedanken hören nicht einfach auf. Sie laufen ununterbrochen. Den ganzen Tag. Jeden einzelnen Tag. Es ist anstrengend. Manchmal bin ich selbst die anstrengendste Person in meinem eigenen Leben, weil mein Kopf aus jeder Kleinigkeit eine riesige Geschichte macht. Schon der Gedanke, alleine in ein Restaurant zu gehen, kann mich einen ganzen Tag lang lähmen.
Warum ich es dann trotzdem meistens mache?
Weil ich sonst wirklich etwas verpasse. Weil ich diese Gelegenheit vielleicht nie wieder bekomme. Weil ich genau jetzt hier bin und nicht irgendwann. Weil ich irgendwann nicht zurückblicken und denken möchte „Hätte ich mich doch einfach getraut“ und weil ich irgendwann verstanden habe, dass ausgerechnet die Situationen, vor denen ich die größte Angst hatte, rückblickend die schönsten Momente meines Lebens geworden sind. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt. Ich habe Orte entdeckt, die ich nie gefunden hätte, wenn ich umgedreht wäre. Und fast immer ist all das passiert, wenn eben nicht alles perfekt lief. Wenn ich etwas völlig Falsches gesagt habe, weil die Abteilung für japanische Aussprache in meinem Gehirn gerade Mittagspause hatte. Genau dann bekam ich dieses warme Lächeln. Nicht, weil ich perfekt war. Sondern weil ich es trotzdem versucht habe.
Das ist die Wahrheit hinter all meiner Reisen. Ich reise nicht, weil ich keine Angst habe. Ich reise mit meiner Angst. Sie sitzt neben mir im Flugzeug. Sie fährt mit mir Shinkansen. Sie begleitet mich in Restaurants, in Izakayas, auf Bahnhöfe und auf einsame Straßen irgendwo in Asien. Sie ist immer da. Wahrscheinlich wird sie das auch immer sein. Der einzige Unterschied ist, dass sie nicht mehr jede Entscheidung für mich trifft. Das mache inzwischen ich.
Das ist ein ungewöhnlicher hundertster Beitrag geworden. Kein Reisebericht über Japan. Kein Bericht über Taiwan. Keine Tipps für Restaurants, Sehenswürdigkeiten oder Zugverbindungen. Sondern ein Blick auf all das, was zwischen den Fotos passiert und was normalerweise niemand sieht.
Falls es dir ähnlich geht wie mir, wenn dein Kopf aus jeder neuen Situation ein riesiges Problem macht, wenn du dich ständig fragst, was andere wohl über dich denken, wenn du lieber umdrehst, obwohl du eigentlich genau dorthin möchtest, dann möchte ich dir nur eine einzige Sache mitgeben.
Warte nicht darauf, dass die Angst verschwindet.
Mach es – jetzt!
Nicht, weil es einfach wird. Nicht, weil es perfekt laufen wird. Sondern weil hinter genau den Türen, vor denen ich am längsten gezögert habe, am Ende die schönsten Erinnerungen meines Lebens auf mich gewartet haben.

Weißt du eigentlich, dass du Menschen wie mir mit diesem Beitrag unglaublich viel Mut machst? Du zeigst, dass man seine Ängste und Zweifel überwinden kann. Dass man keine Angst davor haben muss, etwas Neues zu wagen. Und dass es auch völlig in Ordnung ist, wenn Pläne nicht aufgehen oder der Weg plötzlich ein anderer ist.
Auf Social Media gibt es inzwischen so viele Menschen, die ihre Reise dokumentieren. Sie gehen in Restaurants, besuchen Sehenswürdigkeiten, werfen mit „Insider-Tipps“ um sich und alles sieht so einfach aus, dass ich mich oft frage: „Warum kann ich das nicht?“
Und nun bin ich mir fast sicher: Denen geht vorher genauso der Arsch auf Grundeis. 😄 Sie zeigen es nur nicht oder eben nur die schönsten Momente und das, was funktioniert hat.
Wir ticken irgendwie ähnlich: Ich zerdenke alles und spiele jede mögliche Situation im Kopf durch, um mich vorbereitet zu fühlen. Während du die Dinge aber einfach beginnst, fange ich sie oft gar nicht erst an.
Es ist, als würde man vor einem kalten See stehen. Ich würde überlegen, wie tief er wohl ist. Ob dort Steine liegen. Tiere. Ob ich gut genug schwimmen kann. Ob ich es allein wieder ans Ufer schaffe. Vielleicht würde ich mit dem großen Zeh die Wassertemperatur testen und mich am Ende doch dagegen entscheiden zu springen.
Und du? Du stehst da, gehst all das wahrscheinlich genauso im Kopf durch, nimmst Anlauf und springst einfach. Alles andere ergibt sich. Das ist der Unterschied zwischen uns: Du hast den Sprung gewagt und ich stehe noch am Ufer und schaue dir zu, ohne zu wissen, wie es sich anfühlt.
Meine Angst, etwas zu verpassen, ist offenbar nicht groß genug, um Wagnisse einzugehen, die mir zunächst Unbehagen bereiten. Ich lasse es lieber, denn es ist viel leichter zu sagen: „Ich kann das nicht.“ Und ja, ich habe im Leben schon so vieles verpasst, weil ich mich nicht getraut habe.
Danke für deinen wertvollen 100. Beitrag und für den Blick hinter die Kulissen 🫶
Ach Rebecca 😭 vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, du hast recht..ich zerdenke alles ebenso wie du. Und ich springe auch nicht jeden Tag in den See. Heute etwa, saß ich nicht einmal am Ufer des Sees. Es ist eben „einfach“ etwas nicht zu tun, davor bin auch nicht geschützt, nur weil ich vllt. öfter durch den See schwimme. Aber ich hoffe einigen Menschen zeigen zu können, dass es eben nicht immer nur schön und super easy ist. Und selbstverständlich zeigt man das nicht gerne. Niemand teilt einen Tag, der in einer mittelschweren Katastrophe endete. Ich denke da an Taiwan und meine Reise zu den Graslands, die ich einfach nicht erreicht habe 🤣 niemand schreibt, hey das war ein geiler Tag aber ich habe 6 Stunden überlegt ob ich das mache. Die Leute zeigen ihren Porsche, ihre geile Reise aber nicht den Weg dahin – menschlich… Vielleicht denkst du bei deiner nächsten Reise, bei dem ein oder anderen Moment, an diesen Beitrag und springst dann einfach in den See 🫶