Es ist verrĂŒckt. Wirklich verrĂŒckt. Ich kann noch gar nicht in Worte fassen, was in den letzten drei Tagen auf meiner Reise alles passiert ist, wie viele Menschen ich kennengelernt habe und wie viele NĂ€chte ich von meinen bisherigen Tagen in Japan schon wieder völlig ungeplant in irgendeinem Izakaya gelandet bin. Meistens mit Menschen, die ich erst ein paar Stunden zuvor kennengelernt hatte, und meistens mit einem Glas, das sich wie von selbst immer wieder fĂŒllte. Aber hey, man wird nur einmal 37 Jahre alt. Wenn man das schon irgendwo feiert, dann doch in Tokyo, mit Menschen, die am Morgen noch völlig Fremde waren.
Aber darum soll es heute gar nicht gehen.
Wie ich in meinen vorherigen BeitrĂ€gen schon geschrieben habe, tauchte der Ort Morioka irgendwann durch einen Roman in meinem Leben auf. Und wie ich eben so bin, blieb es natĂŒrlich nicht dabei, das Buch zu lesen und es danach einfach zuzuschlagen. Ein paar Wochen spĂ€ter sitze ich nun tatsĂ€chlich hier und schreibe genau diese Zeilen. Knapp 550 Kilometer nördlich von Tokyo, mitten in Morioka.
Und gleich vorweg. Das Morioka aus dem Roman habe ich nicht gefunden. Auch kein besseres oder schlechteres, einfach ein anderes. Vielleicht sogar ein ehrlicheres.
Doch bevor ich dir etwas ĂŒber Morioka erzĂ€hle, rette ich vielleicht erst einmal deine nĂ€chste Japanreise. Falls du nĂ€mlich darĂŒber nachdenkst, dir einen JR East Pass zu kaufen, erspart dir das hier vielleicht ein paar graue Haare.
Der JR East Pass
Der JR East Pass hat ĂŒbrigens absolut nichts mit dem Japan Rail Pass zu tun, ist dafĂŒr aber deutlich gĂŒnstiger. Auf der offiziellen JR-Website eki-net.com kannst du ihn fĂŒr eine bestimmte Region kaufen und auswĂ€hlen, fĂŒr welchen Zeitraum er gĂŒltig sein soll. Ich habe mich fĂŒr den JR East Pass der TĆhoku-Region mit einer GĂŒltigkeit von fĂŒnf Tagen entschieden, denn genau dort bin ich unterwegs.
WĂ€hrend dieser Zeit kannst du sĂ€mtliche JR-Linien und Shinkansen innerhalb des GĂŒltigkeitsbereichs nutzen. Private Bahnlinien und Busse gehören allerdings nicht dazu. WĂ€re ja auch zu einfach gewesen. Japanische Bahnsysteme haben schlieĂlich den ehrenvollen Auftrag, jeden Touristen wenigstens einmal kurz an seinem Verstand zweifeln zu lassen.
Der eigentlich spannende Teil beginnt allerdings erst, wenn du versuchst, an den Pass zu kommen đ Ich habe ihn bereits in Deutschland ĂŒber die oben genannte Website gekauft und ganz bequem per Kreditkarte bezahlt. Wobei „ganz bequem“ relativ ist, denn eine andere Zahlungsmöglichkeit gibt es ohnehin nicht. Die Registrierung selbst war fast unkompliziert. Sie verlangt lediglich so viele persönliche Daten, wie die Beantragung eines Hauskredits UND ein Passwort, das unendlich lang sein kann – es funktioniert allerdings beim spĂ€teren Login nicht mehr, denn das Passwort wird nach exakt 16 Zeichen einfach abgeschnitten đ
Statt eines digitalen Passes bekommst du jetzt lediglich eine E-Mail mit einem QR-Code und einer BestÀtigung. Den eigentlichen Pass musst du dir in Japan abholen. Das soll am Flughafen funktionieren, an bestimmten Ticketautomaten mit Reisepass-LesegerÀt oder eben an verschiedenen JR-Schaltern.
Ja, soll… bei mir hat davon genau… nichts funktioniert.
Also landete ich schlieĂlich in Ćmiya im JR East Travel Center. Und obwohl dieser Pass ausschlieĂlich fĂŒr Nicht-Japaner gedacht ist, also nur von Reisenden ohne japanischen Reisepass genutzt werden kann und sich vermutlich nie ein Japaner freiwillig in dieses Travel Center verirrt, spricht dort erstaunlich wenig Personal Englisch. Also pack lieber dein bestes Japanisch ein. Es muss nicht perfekt sein. Aber es schadet definitiv nicht đ
YES! Ich habe meinen Pass! Und jetzt?
Jetzt kannst du dich wieder auf der Website anmelden, auf der plötzlich wie durch Magie dein Pass auftaucht, und deinen Sitzplatz fĂŒr einen Shinkansen reservieren. Und das solltest du auch tun, denn viele Shinkansen besitzen gar keine Non-Reserved-Seat-Cars, also Wagen ohne Sitzplatzreservierung. Reserviere dir einfach immer einen Sitzplatz. Ehrlich, glaub mir – und nimm einen Fensterplatz.
Du ahnst wahrscheinlich schon, was jetzt passiert.
Richtig. In deinem E-Mail-Postfach trudelt jetzt wieder ein QR-Code ein. Und wenn du gleich noch die RĂŒckfahrt reservierst, bekommst du… noch einen QR-Code. Und noch einen. Und noch einen. Wobei das eigentlich gelogen ist, denn es ist die ganze Zeit derselbe đ
Mit genau diesem QR-Code, den du ĂŒbrigens auch son direkt nach dem Kauf des JR Passes erhalten hast đ kannst du an einem Ticketautomaten oder am Schalter deine reservierten Sitzplatzkarten ausdrucken.
Theoretisch…
Praktisch musst du dafĂŒr nur den QR-Code scannen, es ist ganz einfach… also… vergiss das mit dem „einfach“. Die Automaten sind manchmal erstaunlich zickig. Irgendwann erbarmen sie sich dann doch und spucken eine kleinen Stapel Sitzplatzkarten aus. Willkommen im japanischen Bahnsystem. Wo alles perfekt organisiert ist, solange man weiĂ, wie es funktioniert.
Wenn du alles geschafft hast und die Schritte davor auch erfolgreich waren, dann hĂ€ltst du jetzt mindestens vier Tickets in der Hand. Deinen JR Pass, einen weiteren Pass, der eigentlich gar keiner ist, und zwei Sitzplatzkarten fĂŒr die Hin- und RĂŒckfahrt. Falls du dich jetzt fragst, was du mit all dem anfangen sollst, dann sind wir schon mal auf einer WellenlĂ€nge.
Aber keine Sorge, es ist kinderleicht. An den Durchgangsschranken, an die du sonst einfach deine IC-Karte hÀltst, zum Beispiel die Suica, steckst du jetzt einfach alle Tickets rein.
ALLE !
Nein. War nur ein SpaĂ. Tu das bloĂ nicht! đ€Ł
Ich war natĂŒrlich wieder im TRĂWELL ZEN-TA und habe gefragt, was ich mit diesem ganzen Papier eigentlich machen soll. Und die Antwort war ganz einfach. Den JR Pass steckst du in die erste Schranke, beide PĂ€sse steckst du in die zweite Schranke, dann meckert die Schranke, du gehst zum Schalter, der freundliche Mitarbeiter erklĂ€rt dir irgendetwas, das du nicht verstehst, winkt dich anschlieĂend aber durch… fertig!
Meine bisherige Erkenntnis, die ich daraus ziehe, dass mein JR Pass inzwischen ein Loch hat und schon mehrfach mit roten Stempeln verziert wurde, ist allerdings eine andere. Wahrscheinlich steckst du nur den JR Pass in die erste Schranke, um ĂŒberhaupt in den Shinkansen-Bereich zu kommen, und anschlieĂend nur das Sitzplatzticket in die zweite Schranke. Aber verlassen wĂŒrde ich mich auf diese Information noch nicht. Ich teste mich weiter durch dieses Magnet-Papier-Karten-liebende Land đ ach… und knick die Karten nicht đ„
So chaotisch der Weg in den Shinkansen-Bereich auch war… ich war drin.
YEAH! đ
Zumindest in meiner Vorstellung hat mir irgendein Kami von einem der unzĂ€hligen Schreine, die ich in den letzten Jahre besucht habe, ein bisschen GlĂŒck mit auf den Weg gegeben. Denn es rollte nicht einfach nur der Hayabusa 23 ein, sondern ausgerechnet der Disney Magical Jubilee Shinkansen zum 25-jĂ€hrigen JubilĂ€um von Tokyo Disney SEA. Innen wie auĂen komplett im Disney-Design gestaltet.




Ich bin zwar eigentlich ĂŒberhaupt kein Disney-Fan aber genau in diesem Moment, war ich vermutlich der gröĂte Disney-Fan Japans. Ich habe in den wenigen Minuten, die ein Shinkansen im Bahnhof steht, einfach alles fotografiert, was irgendwie vor meine Linse kam. WĂ€hrend der Fahrt habe ich dann einfach nur den Moment genossen. Es war schlieĂlich meine erste Fahrt mit einem Shinkansen in Japan.
Wo auch sonst…? In Taiwan đ Dort heiĂen die ZĂŒge zwar THSR und sind etwas langsamer, basieren aber auf einer Ă€lteren Shinkansen-Baureihe aus Japan.
Okay… swuuusch đ
So ungefĂ€hr klingt ein Shinkansen. Dieser Schmetterling ohne FlĂŒgel scheppert mit 320 Kilometern pro Stunde durch das Land und hat mich direkt nach Morioka gezaubert. Es ist wirklich faszinierend, wie man mit 320 km/h vollkommen sanft, auf zwei dĂŒnnen Metall-Linien, durch ein Land rasen kann đ€Ż
Morioka
Da bin ich. Noch im Hayabusa, aber schon am Bahnhof von Morioka. Jenem Morioka, das im Roman oder vielleicht eher in meiner Vorstellung irgendwie romantischer wirkte. Die Wirklichkeit pinselte plötzlich ihre ganz eigenen Farben in das blasse Bild, das ich mir von diesem Ort ausgemalt hatte. Und sie tat das nicht besonders behutsam.
Es ist lange her, dass ich, ja, man kann es ruhig so sagen, ĂŒberfordert war. Dabei war hier erst einmal alles ruhiger, lĂ€ndlicher und gleichzeitig irgendwie bunter und farbloser zugleich. Es war ein seltsames GefĂŒhl. Ich habe mir gröĂte MĂŒhe gegeben, Morioka so anzunehmen, wie es ist, und nicht nach dem Morioka aus dem Roman zu suchen. Aber das gelang mir nicht besonders gut.
Fast ein wenig enttĂ€uscht zog ich mich erst einmal ins Hotel zurĂŒck und versank in meiner Badewanne. Das warme Wasser umspĂŒlte mich, wĂ€hrend meine Gedanken immer wieder zu den Erinnerungen aus dem Roman zurĂŒckkehrten. Mittlerweile war es dunkel geworden. Den Berg Iwate konnte ich leider nur erahnen, denn die dichten Regenwolken wollten ihn heute noch vor mir verstecken. Und ehrlich gesagt, wusste ich ĂŒberhaupt nicht, wohin ich jetzt gehen sollte.
Doch abends, nur wenig spĂ€ter, zog es mich wieder hinaus. Ich entschied mich einfach dafĂŒr, den Weg noch einmal zu laufen, den ich bereits heute nachmittag gegangen war. Vorbei an der buchtĂ€blich anderen Seite des Bahnhofs Morioka, der nicht nur riesig, sondern auch wunderschön ist. Die Vorderseite wirkt beinahe liebevoll gestaltet. StraĂen und SitzplĂ€tze sind mit Blumen geschmĂŒckt, ĂŒberall entdeckt man kleine, fast versteckte Katzenmotive und aus jedem zweiten Restaurant strömt ein Duft, der das nĂ€chste CafĂ© direkt daneben fast vergessen lĂ€sst. Es riecht nach SĂŒĂem, nach Herzhaftem und nach allem gleichzeitig.





Also lief ich einfach weiter. Und weiter. Bis mein Bauch irgendwann entschied, dass die StraĂe nach links heute interessanter aussah als die nach rechts. Ich folgte keiner offesnichtlichen Logik, ich lieĂ mich einfach treiben. Sobald die Sonne hinter dem Berg Iwate untergeht, zumindest stelle ich mir das so vor, denn gesehen habe ich ihn ja nicht, beginnt Morioka in einem ganz eigenen Licht zu leuchten. BĂ€ume, Wege und GebĂ€ude sind mit unzĂ€hligen kleinen Lichterketten umschlungen, wie elektrische Ranken, die ĂŒber Nacht aus dem Boden gewachsen sind. Man merkt sofort, dass die Zeit hier anders lĂ€uft. Nicht schneller. Nicht langsamer. Nur anders.
Und vielleicht ist genau das das Schönste an Morioka.
Ich habe in Tokyo gar nicht das GefĂŒhl, dass es dort besonders stressig oder steif zugehen wĂŒrde, aber Morioka wirkt auf mich dennoch lockerer. Als wĂŒrde die Stadt selbst sagen: âschon okayâ oder âpasst schonâ. Genau diesen Stempel wĂŒrde ich Morioka aufdrĂŒcken. Und das ist absolut liebevoll gemeint. Auch wenn ich dieses GefĂŒhl oder das, was es in mir auslöst, noch nicht wirklich greifen und beschreiben kann; vielleicht kommt das noch.
Ich folgte jedenfalls weiter dem Fluss Kitakami-gawa, der mich irgendwie in seinen Bann gezogen hatte, ohne das er dafĂŒr irgendetwas Besonderes tun musste. Er ist einfach da. Breit und krĂ€ftig, ruhig und dennoch hörbar. Ich ĂŒberquerte zum zweiten Mal heute die Kaiunbashi BrĂŒcke und dann ist es passiert. Plötzlich weinte ich einfach.
Ich hab nicht geweint aber ich brauchte eine Ăberleitung đ Denn die Kaiunbashi BrĂŒcke (ééæ©) direkt vor dem Bahnhof Morioka ist nicht nur ein beliebtes Fotomotiv mit Blick auf den Kitakami-Fluss und den Berg Iwate (wenn die Wolken gnĂ€dig sind), sondern auch als âNidonakibashiâ (äșćșŠæłŁăæ©) bekannt â die âBrĂŒcke des zweimaligen Weinensâ.

Der lokalen Ăberlieferung nach weinen viele Menschen beim ersten Ăberqueren, weil sie denken, sie seien als Beamte oder Angestellte in die âabgelegene Provinzâ Morioka versetzt worden; beim Abschied weinen sie ein zweites Mal, weil sie Morioka und seine Bewohner inzwischen so sehr lieben, dass sie gar nicht mehr wegziehen möchten. Diese charmante Legende unterstreicht auf humorvolle Weise, wie sehr die Stadt ihre GĂ€ste zu begeistern vermag.
Ich fĂŒhle irgendwie warum diese Geschichte existiert. Und so folgte ich mal wieder einfach meinem BauchgefĂŒhl und bin dabei von einem „Highlight“ zum nĂ€chsten gelaufen. Vorbei an liebevoll gepflegten Parkanlagen, vorbei an der Burgruine im Castle Park und schlieĂlich direkt auf den Morioka TV- und Funkturm zu. NatĂŒrlich hat mich dieser Turm magisch angezogen – ES IST EIN TURM đŒ – auch wenn man ihn leider weder von innen noch von oben besichtigen kann.
Und dann geschah etwas, womit ich ĂŒberhaupt nicht gerechnet hatte. Mein Blick glitt durch eine schmale Gasse und blieb am Ende an einem GebĂ€ude hĂ€ngen, das aussah, als hĂ€tte es sich einfach geweigert, mit der Zeit zu gehen. Ich stand vor dem Red Brick Building, der Bank of Iwate. Nicht weit davon entfernt befindet sich auch die alte Feuerwehrwache, die mich ein wenig an den Glockenturm von Kawagoe erinnerte.
Und gleich hinter der alten Feuerwehrwache verĂ€nderte sich die Stadt langsam. Die modernen GebĂ€ude traten einen Schritt zurĂŒck und machten Platz fĂŒr schmale StraĂen, alte Holz- und LagerhĂ€user und kleine WerkstĂ€tten. FĂŒr einen Moment hatte ich das GefĂŒhl, als hĂ€tte sich Morioka entschlossen, ein paar Seiten seiner Vergangenheit offenzulassen. Nicht so konzentriert wie Little Edo in Kawagoe, sondern eher wie verstreute Erinnerungen zwischen den HĂ€usern – wie Glitzer, dden man ĂŒber der Stadt verteilt hat, die jetzt in ihrem vollen Charme funkelt.











Es dauerte bis zum spÀten Abend, bis ich bemerkte, dass ich lÀngst aufgehört hatte, nach dem Morioka aus dem Roman zu suchen. Denn ich hatte das echte Morioka gefunden.
Um 21:30 Uhr war die Stadt nicht wirklich leerer als um 16 Uhr, als ich zum ersten Mal meine FĂŒĂe in ihre StraĂen gesetzt hatte. Nach fast 17 Kilometern signalisierte mir mein noch immer von vergangenen Operationen gezeichneter Körper allerdings, dass es fĂŒr heute Zeit war, mein Abenteuer zu beenden. SchlieĂlich musste ich den ganzen Weg auch wieder zurĂŒcklaufen.
Ich freue mich auf einen Morgen in Morioka. Auch wenn ich genau diesen Morgen, morgen gar nicht in Morioka erleben werde, obwohl ich hier einschlafe. Aber warum das so ist… das erzĂ€hle ich ein anderes Mal đ
