Da ich im Moment in Morioka wohne, kam mir die Idee, dem Pazifik einen Besuch abzustatten. Eigentlich wollte ich dafür ganz entspannt mit der JR-Linie nach Miyako fahren und von da aus weiter an die Pazifikküste. Doch nach einem Erdbeben, das sich letzte Woche ereignete, ist die Strecke wegen eines Felsschlags gesperrt. Noch immer blockieren Felsbrocken die Gleise. Aus der Zugfahrt wurde so eine dreieinhalbstündige Reise mit mehreren Bussen, die sich ihren Weg durch die Berge der Präfektur Iwate bahnten.
Rückblickend hätte mir absolut nichts Besseres passieren können. Unterwegs fand ich sogar das Morioka aus dem Roman, nach dem ich noch am Vortag vergeblich gesucht hatte.
Je weiter ich Morioka hinter mir ließ und zwischen gigantischen Wäldern verschwand die aus den Bergen empor stiegen, desto mehr schien die Welt auf ihre einfachsten Farben reduziert zu werden. Über mir spannte sich ein endloser blauer Himmel. Links und rechts erhoben sich unzählige Bäume in allen Schattierungen von Grün. Und dazwischen verlief ein schmales graues Band aus Asphalt, das sich durch die Berge wand wie ein vorsichtig gezeichneter Strich. Auf dieser feinen Linie war ich mit dem Bus unterwegs.
Die Orte, durch die ich fuhr, waren meist kaum mehr als eine Handvoll Häuser. Asuka. Kurosawa. Kawai. Namen auf Bushaltestellen, die für die meisten Menschen wohl kaum mehr als Punkte auf einer Landkarte sind. Für einen kurzen Moment hielt der Bus an, dann verschwanden sie wieder hinter den nächsten Kurven, als wären sie nie da gewesen.
Heimkehr nach Morioka
Zwischen den Bäumen tauchte immer wieder ein Fluss auf. Vielleicht waren es mehrere, vielleicht war es immer derselbe Fluss, der sich still seinen Weg durch die Täler suchte. Sein Wasser war so klar, dass ich unweigerlich an den Roman Heimkehr nach Morioka denken musste. Darin hockt Mio am Ufer und trinkt direkt das Wasser aus dem Fluss. Mit genau diesem Wasser, so erzählt es die Geschichte, werden sogar die berühmten Jajamen gekocht. Zum ersten Mal verstand ich diese Szene nicht mehr nur mit dem Kopf. Ich verstand sie mit den Augen. Vielleicht sogar mit dem Herzen. Ich wollte jetzt auch das kühle Nass aus diesem Fluss berühren.
Jener Fluss, der mich während der gesamten Fahrt zu begleiten schien wie ein Delfin, der neben einem Schiff durch die Wellen springt, war meist ruhig und flach, dann wieder tief und überraschend schnell. Seine Gegenwart wirkte beruhigend auf mich. Und doch hatte ich das Gefühl, dass dies sein Stück Erde war. Er bestimmte die Landschaft und das Leben, auch wenn man ihn hier und da in eine neue Richtung zwang.
Zwischen seinem klaren Wasser wuchsen Grasbüschel, als hätten sie beschlossen, mitten im Fluss ihre Heimat zu finden. Riesige Felsbrocken lagen scheinbar wahllos in seinem Bett verstreut. Manche teilten die Strömung, andere verschwanden fast vollständig unter der Oberfläche und verrieten sich nur durch die kleinen Wirbel, die sie hinterließen. Das Wasser glitt an ihnen vorbei, spielte mit ihnen, umspülte sie seit Jahrzehnten oder vielleicht schon seit Jahrhunderten.
Der Fluss bog ab, verzweigte sich und fand nach einigen Abzweigungen wieder zusammen. Mit jeder Kurve veränderte er sein Gesicht. An manchen Stellen wurde aus dem ruhigen Wasserlauf ein reißender Strom, der sich schäumend zwischen den Felsen hindurchzwängte, nur um wenige Meter später wieder still zu werden, als hätte er nie Eile gehabt.
Die wenigen Mitreisenden im Bus schliefen oder versanken schweigend in ihren Zeitungen. Vor dem Fenster verwandelte sich die Landschaft immer mehr in die Welt des Romans. Als hätte jemand die schönsten Szenen eines Ghibli-Films in meine Wirklichkeit gemalt.
Am liebsten wäre ich ausgestiegen. Nicht, um ein Foto zu machen, sondern um die verwitterte Holzwand eines alten Hauses zu berühren. In meinem Bauch kribbelte es. Ich wollte anklopfen, eine Tasse Tee trinken und den Geschichten der Menschen zuhören, die hier lebten. Ich wollte in den kleinen Geheimnissen dieser Orte versinken, die der Bus nur für wenige Sekunden streifte.
Es war eine Landschaft, die nicht gar überwältigend sein musste, um überwältigend zu wirken.








Doch irgendwann verschwand der Fluss hinter einer Kurve, die Berge wurden flacher und der Bus rollte langsam seinem Ziel entgegen. Meine Reise durch die Bergwelt war vorbei und mien Zwischenziel lag jetzt vor mir.
Miyako
In Miyako angekommen hatte ich zunächst das Gefühl, am Rand der Welt gelandet zu sein. Der Ort wirkte seltsam auf mich. Fast nichts schien zusammenzupassen. Überall Baustellen, große freie Flächen, auf denen einmal Häuser gestanden haben mussten, daneben moderne Neubauten. Dazwischen verlassene, zerfallene und verrostete Fabrikhallen und Gebäude, die wie stumme Erinnerungen aus einer anderen Zeit wirkten. Und all das war umgeben von meterdicken und meterhohen Betonmauern, die den Blick auf das Meer fast vollständig versperrten.
Ich versuchte, aus all diesen Eindrücken ein Bild entstehen zu lassen. Doch nichts ergab Sinn für mich.



Bis mein Blick an einem blauen Schild hängen blieb, das mehrere Meter über dem Boden an der Fassade einer Lagerhalle befestigt war. Darauf war eine Welle zu sehen, wie sie auf Evakuierungsschildern oft zu sehen ist, doch dies war kein solches Schild.
Neben der Welle stand ein Datum, darunter eine dicke weiße Linie.
11. März 2011
In diesem Moment fiel alles an seinen Platz und ich in mich zusammen.
Der 11. März 2011 um 14:46:23 Uhr ist und war nicht einfach nur ein Zeitpunkt. Es ist einer der schlimmsten Zeitpunkte in der Geschichte Japans, der des Tōhoku Erdbebens und Tsunamis.
Der Ort Miyako wurde von der Katastrophe des Tōhoku-Erdbebens und dem anschließenden Tsunami mit voller Wucht getroffen. Entlang der Küste der Präfektur Iwate erreichten die Wellen an einzelnen Abschnitten Höhen von bis zu 40 Metern. Ganze Stadtteile wurden ausgelöscht, auch Teile von Miyako. Tausende Menschen verloren allein in der Präfektur Iwate ihr Leben, viele weitere gelten bis heute als vermisst.
Was ich zuvor für ein unfertiges Stadtbild gehalten hatte, war in Wahrheit eine Landschaft des Wiederaufbaus.
Schlimmer noch. Es war eine Stadt, deren Straßen bis heute die Spuren einer Katastrophe tragen, deren Ausmaß sich kaum begreifen lässt. Nicht einmal dann, wenn man genau dort steht, wo sie sich ereignet hat.
Familien wurden innerhalb weniger Minuten auseinandergerissen. Freunde verschwanden für immer. Häuser, Schulen, Geschäfte, Fabriken und ganze Straßenzüge wurden von den Fluten verschlungen. Erinnerungen, die über Generationen gewachsen waren, gingen in einem einzigen Augenblick verloren. Diejenigen, die überlebten, standen buchstäblich vor dem Nichts.
Fast jeder kennt die Fernsehbilder vom 11. März 2011. Die schwarze Welle, die sich unaufhaltsam ins Landesinnere schob. Schiffe, die wie Spielzeug durch die Straßen getrieben wurden. Häuser, die unter der gewaltigen Kraft des Wassers nachgaben. Autos, die hilflos davongespült wurden.
Diese Bilder hatte ich unzählige Male gesehen. Doch erst in diesem Moment begriff ich, dass ich nicht mehr auf einen Fernsehbildschirm blickte. Ich stand genau dort. Genau an dem Ort, an dem das Meer die Stadt erreichte. Mir schossen die Tränen in die Augen. Ich versuchte sie zurückzuhalten, doch es gelang mir nicht. Menschen gingen an mir vorbei und einige warfen mir einen kurzen Blick zu. Aber in diesem Augenblick spielte das keine Rolle. Vor einer Tragödie dieses Ausmaßes fühlte sich jede Träne richtig an.

Während ich durch Miyako lief, fragte ich mich immer wieder, wie viele Geschichten hinter den leeren Grundstücken verborgen lagen. Wer hatte hier gelebt? Wer war morgens durch genau diese Straßen zur Arbeit gegangen? Wer hatte hier gelacht, gestritten, Geburtstag gefeiert oder einfach seinen Alltag gelebt?
Die Antworten wird niemand mehr vollständig kennen.
Mehr als fünfzehn Jahre später wird die Stadt noch immer vom Wiederaufbau geprägt. Neue Häuser stehen dort, wo einst Trümmer lagen. Zwischen ihnen erinnern einzelne Ruinen, freie Flächen und die gewaltigen Schutzmauern daran, weshalb dieser Wiederaufbau überhaupt notwendig wurde. Viele jüngere Familien entschieden sich nach der Katastrophe für einen Neuanfang an einem anderen Ort. Geblieben sind Menschen, die ihre Heimat nicht aufgeben wollten und ihr Schritt für Schritt wieder Leben einhauchten.
Vielleicht war es genau das, was mich an Miyako am meisten berührte. Nicht die Zerstörung selbst, sondern die stille Entschlossenheit, trotz allem weiterzumachen. Diese Energie und Entschlossenheit der Menschen in Japan, niemals aufzugeben!
Gedenksteine
Dabei hätte die Geschichte vielleicht anders verlaufen können.
Bereits im Jahr 1933 wurde nach dem Shōwa-Sanriku-Tsunami ein steinerner Gedenkstein errichtet. Seine Botschaft war ebenso schlicht wie eindringlich. Baut eure Häuser nicht unterhalb dieses Punktes. Solche Tsunami-Steine gibt es an vielen Orten entlang der Sanriku-Küste. Manche wurden beachtet. Andere gerieten über Generationen hinweg leider in Vergessenheit.
So ergaben auch die gewaltigen Schutzmauern plötzlich einen Sinn. Sie ziehen sich heute entlang weiter Teile der Küste, manche höher als zehn Meter. Sie wirken fast überdimensioniert. Doch wenn man begreift, welche Gewalt das Meer hier entfesselt hat, verlieren sie jede Absurdität.




Im Besucherzentrum von Jodogahama hingen Fotografien von Menschen, die Schilder mit Botschaften wie „Gebt nicht auf“ oder „Wir machen weiter“ in die Kamera hielten. Aus insgesamt 1500 Fotos formte sich so das Bild der Felsen vom Jōdogahama Strand. Es waren keine großen Gesten. Keine Heldeninszenierungen. Nur Menschen, die nach einem unfassbaren Verlust beschlossen hatten, ihr Leben Stück für Stück wieder aufzubauen.


Miyako war für mich nicht länger nur ein Ort an der Pazifikküste. Es war ein Ort, der seine Geschichte nicht versteckt, sondern jeden Menschen still dazu einlädt, sie zu erkennen.
Mit diesem Gedanken stieg ich wenig später in den nächsten Bus. Mein Weg führte weiter, von Miyako nach Jōdogahama. Ich glaubte, den bewegendsten Teil des Tages bereits hinter mir gelassen zu haben, doch ich hätte mich kaum stärker irren können.
Jodogahama
Ich wusste absolut nichts über diesen Ort. Eigentlich habe ich auf Google Maps nur nach einem Ort am Meer gesucht. Von Morioka aus zog ich gedanklich einfach eine Linie bis zur Pazifikküste. Miyako schien der naheliegendste Ort zu sein und nur so entdeckte ich schließlich auch Jōdogahama. Gesehen hatte ich vorher lediglich ein einziges Bild, in das ich mich sofort verliebte. Es zeigte jene Felsformation, die auf dem vorherigen Bild aus über 1.500 Einzelaufnahmen zu sehen ist.
Ich stieg am Jōdogahama Visitor Center aus und wurde sofort von der salzigen Meeresluft umspült. Mit jedem Schritt zog es mich stärker in Richtung Küste. Vom Visitor Center führte ein etwa fünfzehn Minuten langer Spaziergang direkt an der Pazifikküste entlang bis zum Jōdogahama Beach.
Und dann war ich wirklich da ✨
Nicht nur meine Wohnung in Kawagoe lag inzwischen fast 10.000 Kilometer von meiner Heimat in Deutschland entfernt. Ich war noch einmal rund 700 Kilometer weiter gen Norden gereist, bis an die zerklüftete Pazifikküste Iwates.
Vor mir lag der türkisfarbene Pazifik. Kristallklar. So klar, dass man die Steine unter der Wasseroberfläche mit bloßem Auge erkennen konnte. Barfuß stand ich im 19 Grad warmen Wasser und konnte kaum glauben, dass ich tatsächlich hier war. Noch vor wenigen Tagen war dieser Ort nichts weiter gewesen als eine flüchtige Idee. Doch genau so beginnen bei mir die meisten Reisen. Erst ist da nur ein Gedanke. Dann ein gebuchtes Ticket. Und irgendwann wird aus einer Vorstellung eine Erinnerung.
Erinnerungen
Während ich meine Gedanken hinaus auf den Pazifik schickte, trat plötzlich ein älterer Herr neben mich ans Wasser. Er schien mich gar nicht zu bemerken. Langsam griff er in seine Tasche und zog vorsichtig einen weißen Bilderrahmen hervor. So behutsam, als hielte er etwas in den Händen, das weit mehr wog als Holz, Glas und Papier. Lange stand er regungslos da und betrachtete das Bild. Sein Blick wanderte immer wieder hinaus auf den Pazifik, als läge irgendwo zwischen den Wellen eine Antwort, nach der er seit Jahren suchte.
Ich wagte es kaum, mich zu bewegen. Selbst das leise Rauschen der Wellen schien in diesem Moment zurückzutreten. Es fühlte sich an, als wäre ich versehentlich in eine Erinnerung geraten, die nie für fremde Augen bestimmt gewesen war.
Tränen liefen ihm über die Wangen. Behutsam zog er ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und trocknete sie, ohne den Blick vom Meer abzuwenden. Noch einen Moment lang hielt er den Bilderrahmen in seinen Händen, als wolle er sich nicht von diesem Augenblick lösen. Dann verstaute er ihn vorsichtig wieder in seiner Tasche und verschwand so lautlos, wie er gekommen war.
Ich wusste nicht, wer auf diesem Bild zu sehen war. Vielleicht ein Mensch, den er an den Tsunami verloren hatte. Vielleicht war es auch einfach der Lieblingsort der Person auf dem Foto. Vielleicht verband ihn etwas völlig anderes mit diesem Fleck Erde.
Ich weiß es nicht.
Und vielleicht muss ich es auch gar nicht wissen. Es gibt Momente, die ihre Stimmung verlieren, sobald man versucht, sie zu erklären.
Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Da waren nur dieser Mann, das leise Rauschen der Wellen und der unendliche Pazifik, der gleichzeitig so friedlich vor uns lag und doch einst mit unvorstellbarer Gewalt über diese Küste hereinbrach.
Ich fühlte mich, als wäre ich versehentlich Zeuge einer Erinnerung geworden, die nie für mich bestimmt gewesen war. Es kam mir fast falsch vor, dort zu stehen. Und gleichzeitig war ich unendlich dankbar dafür, diesen stillen, zutiefst persönlichen Moment miterleben zu dürfen.
Zurück blieb nur das Rauschen des Meeres. Und ein Moment, den ich wahrscheinlich nie wieder vergessen werde.
Der Steinwal
Jōdogahama ist einer dieser Orte, die sich jeder Beschreibung entziehen. Das Wasser leuchtet in einem Türkis, das man eher in tropischen Ländern erwarten würde als an der rauen Pazifikküste Nordjapans. Selbst an einem sonnigen Tag wirkt das Meer beinahe unwirklich klar. Erst wenn man am Ufer steht und den Blick über die Bucht schweifen lässt, versteht man, weshalb dieser Ort seinen Namen trägt. Jōdogahama bedeutet so viel wie Strand des reinen Landes und der Legende nach, soll ein Mönch diesen Ort vor Jahrhunderten gesehen und sich an das buddhistische Paradies erinnert gefühlt haben.
Doch das eigentliche Herzstück der Bucht sind die schroffen weißen Felsen und die Kiefern, die auf ihnen auf beinahe unwirkliche Weise in den Himmel wachsen. Sie ragen wie steinerne Inseln aus dem Wasser und wirken, als hätte jemand sie mit Bedacht dort platziert. Hier hat sich die Natur ausnahmsweise einmal mehr Mühe gegeben, als nur zufällig ein paar Steine übereinanderzuwerfen.
Tatsächlich wurden sie nicht von Menschen geschaffen, sondern über Millionen von Jahren von Wind, Wellen und Salz aus dem vulkanischen Gestein geformt. Jeder Felsen besitzt seine eigene Gestalt, keine Kante gleicht der anderen. Mal erinnern sie an die Segel eines Schiffes, mal an die Gipfel eines versunkenen Gebirges.
Und für mich sieht einer dieser Felsen aus wie ein Wal, der für einen kurzen Augenblick aus dem Meer auftaucht, nur um den neugierigen Blicken der Menschen einen flüchtigen Besuch zu schenken, bevor er wieder in den Tiefen des Pazifiks verschwindet.











Ich denke, es ist genau dieser Kontrast, der Jōdogahama so besonders macht. Das ruhige, fast gläserne Wasser trifft auf Felsen, die von einer unvorstellbaren Kraft erzählen. Von derselben Natur, die hier etwas erschaffen hat, das beinahe friedlich wirkt, und die nur wenige Kilometer entfernt ganze Städte verwüstete.
Ich hatte das Gefühl, dass dieser Ort beides gleichzeitig in sich trägt. Eine Schönheit, die einen sprachlos macht. Und eine Geschichte, die einen demütig werden lässt.
