Ja â aber nein.
Ganz sooo einfach können wir es uns nicht machen. Es ist schon richtig, dass Tattoos in Japan bis heute verpönt sind â und dies wird sich wahrscheinlich auch in naher Zukunft nicht Ă€ndern. Zwar tragen gerade die jĂŒngeren Generationen immer hĂ€ufiger Tattoos, von Jahr zu Jahr gibt es mehr Tattoo-Studios und auch in Japan lassen sich Menschen, wie auch in fast jedem europĂ€ischen Land, einfach mal das Logo ihrer Lieblingsband oder ein Anime-Motiv in die Haut stechen. Das heiĂt allerdings nicht, dass die japanische Gesellschaft TĂ€towierungen deshalb plötzlich akzeptiert hĂ€tte oder sie in absehbarer Zeit selbstverstĂ€ndlich finden wird. Nach wie vor sind Tattoos jeder Art, ganz gleich, ob man Einheimischer oder Tourist ist, nicht gerne gesehen und um nur eine Sache zu nennen, in vielen öffentlichen BĂ€dern â also sowohl in den klassischen SentĆ als auch in den Onsen â nach wie vor ein Problem. Und zwar dein Problem, denn dir wird die Nutzung dieser Einrichtungen schlicht untersagt.
Das soll natĂŒrlich nicht heiĂen, dass du mit einem kleinen Tattoo von Chihiros Reise ins Zauberland auf dem Oberarm direkt fĂŒr eine kriminelle Person gehalten wirst. Aber sagen wir es so: FĂŒr die Betrachterin oder den Betrachter kann es durchaus ein gewisses âGeschmĂ€ckleâ haben. Gleichzeitig wirst du, wenn auch deutlich seltener, auf Menschen treffen, die selbst Tattoos tragen oder denen es schlicht egal ist, ob du oder irgendjemand anderes tĂ€towiert ist. Aber genau hier mĂŒssen wir ein wenig unterscheiden. Ein oder zwei kleinere Tattoos an Armen oder Beinen werden im Alltag ganz anders wahrgenommen als ein groĂflĂ€chiges Ganzkörpertattoo, ein komplett tĂ€towierter Unterarm, etwa ein Blackout, oder ein Gesicht, das zur HĂ€lfte von einem Drachen bedeckt ist. Je gröĂer, sichtbarer und umfassender die TĂ€towierung ist, desto eher wird sie Aufmerksamkeit erregen und desto eher wirst du in der Ăffentlichkeit mit neugierigen oder auch argwöhnischen Blicken rechnen mĂŒssen.
Das alles ist allerdings nur die moderne Perspektive. Und genau hier wird die Geschichte interessant. Denn wenn wir heute nach Japan schauen und feststellen, dass TĂ€towierungen vielerorts noch immer mit KriminalitĂ€t, Yakuza und gesellschaftlicher Ausgrenzung verbunden werden, könnte man leicht zu dem Schluss kommen, dass Tattoos dort schon immer verpönt waren. Dass die japanische Gesellschaft TĂ€towierungen gewissermaĂen nie akzeptiert hat und das Ganze deshalb eine eher westliche Erscheinung ist, die erst in den vergangenen Jahrzehnten nach Japan zurĂŒckgekehrt ist.
Und mit genau dieser Annahme, lÀgen wir ziemlich daneben!
Geschichte
Wenn du meinen Blog kennst, weiĂt du, was jetzt kommt đ Wir gehen natĂŒrlich zurĂŒck in der Geschichte und, na klar, werden wir in der Edo-Zeit unseren Höhepunkt finden â wie immer đŻ
Denn die Geschichte der TĂ€towierung in Japan ist wesentlich Ă€lter, komplizierter und vor allem widersprĂŒchlicher als man denken mag. Es gab Zeiten, in denen TĂ€towierungen Strafe bedeuteten, Zeiten, in denen sie ein Zeichen von Zugehörigkeit waren, Zeiten, in denen sie als Ausdruck von Schönheit, Liebe und Mut getragen wurden â und auch eine Epoche, in der sich daraus eine Kunstform entwickelte, die heute auf der ganzen Welt als typisch japanisch gilt.
Das Horimono (Teil 1)
Das ist kein geheimes Wort, von dem du noch nie gehört hast, sondern ein Begriff, der eng mit der traditionellen japanischen TĂ€towierkunst verbunden ist. Wobei selbst das schon eine kleine Ungenauigkeit ist. Horimono und Irezumi werden auĂerhalb Japans hĂ€ufig einfach als Synonyme fĂŒr japanische Tattoos verwendet, historisch und sprachlich sind die Begriffe aber nicht völlig deckungsgleich. Irezumi, ć „ăćąš beziehungsweise ćșé, bezeichnet TĂ€towierungen im Allgemeinen. WĂ€hrend Horimono, ćœ«ăç©, wörtlich etwa âGeschnitztesâ oder âEingraviertesâ bedeutet und sich insbesondere auf kunstvolle, traditionell japanische Formen des Einritzens, Schnitzens und Verzierens bezieht. Der Begriff ist also nicht ausschlieĂlich auf die menschliche Haut beschrĂ€nkt. Auch kunstvolle Gravuren und Verzierungen auf Schwertern und anderen GegenstĂ€nden werden als Horimono bezeichnet. Gerade bei japanischen Schwertern konnten solche Gravuren eine wichtige kĂŒnstlerische und symbolische Funktion haben.
Das klingt zunĂ€chst nach einer sprachlichen Nebensache. TatsĂ€chlich steckt darin aber bereits ein Teil der Geschichte. Die japanische TĂ€towierung wurde nie nur als âTattooâ verstanden, sondern war immer auch Handwerk, Körperkunst, soziale Markierung und Ausdruck einer bestimmten kulturellen Bildsprache. Wir kommen spĂ€ter noch einmal auf die Horimono zu sprechen, denn sie sind fĂŒr die Geschichte der japanischen TĂ€towierung wichtiger, als man zunĂ€chst denken könnte â und es gibt sie noch heute!
Genau deshalb ist die heute so verbreitete Vorstellung, Tattoos seien in Japan schlicht verpönt, zwar nicht völlig falsch, aber historisch viel zu kurz gegriffen. Denn bevor das Tattoo zum Symbol der Yakuza wurde, bevor es aus vielen japanischen BadehĂ€usern, SchwimmbĂ€dern und Fitnessstudios verschwand und bevor Japan im Westen als das Land bekannt wurde, in dem man sich mit einem Tattoo besser nicht in ein Onsen wagt, war TĂ€towieren ein Teil einer lebendigen stĂ€dtischen Kultur. Es gab TĂ€towierungen, die bestraften, die schmĂŒckten, die Liebe ausdrĂŒckten, die Zugehörigkeit signalisierten, und TĂ€towierungen, die schlicht deshalb gestochen wurden, weil ihre TrĂ€ger sie schön fanden.
Vor der Edo-Zeit
Bei der Recherche, die zugegeben nicht ganz einfach war, stieĂ ich mal wieder auf ein Problem. Je weiter man in der Geschichte zurĂŒckgeht, desto schwieriger wird es, zwischen archĂ€ologischen Belegen, schriftlichen Beschreibungen und spĂ€ter entstandenen Vorstellungen zu unterscheiden. Und natĂŒrlich landen wir dabei nicht nur immer wieder in der Edo-Zeit, sondern irgendwann auch bei China und chinesischen Quellen aus der Antike, in denen sich erste Berichte ĂŒber die Bewohner Japans finden lassen â und ĂŒber Menschen, die bereits Körperbemalungen und womöglich sogar TĂ€towierungen trugen.
Ich bin aber weder Historiker noch ArchĂ€ologe und leider auch kein Japanologe. Irgendwann werden die Aussagen zwangslĂ€ufig schwammiger, je weiter wir in der Zeit zurĂŒckgehen. Trotz der Möglichkeit, in der NDL, der National Diet Library, zu suchen und zu recherchieren, und trotz des groĂen, weiten Internets wird es an einem bestimmten Punkt schlicht unmöglich zu sagen: So und nicht anders war es. Also verzeih mir bitte Aussagen ĂŒber die Zeit vor der Edo-Epoche, die mit einem âvielleichtâ, âmöglicherweiseâ oder âwahrscheinlichâ enden. đ
In chinesischen Beschreibungen des Volkes von Wa finden sich bereits frĂŒhe Hinweise auf Körperbemalungen und möglicherweise auch TĂ€towierungen. Figuren aus der JĆmon-Zeit zeigen eingeritzte oder aufgemalte Markierungen, bei denen sich heute allerdings nicht eindeutig sagen lĂ€sst, ob es sich tatsĂ€chlich um TĂ€towierungen oder um Körperbemalungen handelt(e).

Das Volk von Wa (Wa, chinesisch ć, WĆ; japanisch Wa oder Wajin ćäșș) war die chinesische Bezeichnung fĂŒr die Bewohner des japanischen Archipels in der Antike â insbesondere fĂŒr die Bevölkerungen des Yayoi-Zeitalters und der frĂŒhen Kofun-Zeit. Es handelte sich nicht um ein einzelnes, klar abgegrenztes Volk oder einen bereits geeinten japanischen Staat, sondern wahrscheinlich um zahlreiche lokale Gemeinschaften.
Die JĆmon-Zeit (çžææä»Ł, JĆmon jidai) bezeichnet eine sehr lange Epoche der japanischen Vorgeschichte. Sie begann ungefĂ€hr 14.000 v. Chr. und endete je nach Region etwa 900â300 v. Chr. â die Datierung ist in der Forschung nicht völlig einheitlich. Der Name JĆmon bedeutet ungefĂ€hr âSchnurmusterâ und kommt von der charakteristischen Keramik dieser Zeit. Auf den noch feuchten Ton wurden SchnĂŒre oder schnurĂ€hnliche Materialien gedrĂŒckt, wodurch die typischen Muster entstanden. Die Menschen der JĆmon-Zeit lebten ĂŒberwiegend als JĂ€ger, Sammler und Fischer

Die Geschichte der TĂ€towierung auf dem japanischen Archipel verlief ohnehin nicht kontinuierlich. Unterschiedliche Regionen und Bevölkerungsgruppen entwickelten eigene Traditionen, teilweise völlig unabhĂ€ngig voneinander. Besonders wichtig sind dabei die Ainu im Norden, bei denen Frauen traditionell GesichtstĂ€towierungen trugen, sowie die RyĆ«kyĆ«-Inseln im SĂŒden, wo sich mit dem hajichi eine eigene TĂ€towierungstradition an HĂ€nden und Fingern von Frauen entwickelte. Beide Traditionen wurden spĂ€ter vom japanischen Staat unterdrĂŒckt und verboten. Sie gehören damit unbedingt in die Geschichte der TĂ€towierung in Japan, sind aber dennoch keine Vorstufen von Tattoos im eigentlichen Sinne.
Viel mehr können wir aus heutiger Sicht an dieser Stelle gar nicht mehr mit Sicherheit sagen. Je weiter wir zurĂŒckgehen, desto schwammiger wird die Quellenlage. Was wir jedoch mit einiger Sicherheit sagen können, ist, dass sich mit der Entwicklung des japanischen Staates auch die Bedeutung von TĂ€towierungen verĂ€nderte. Eine der folgenreichsten VerĂ€nderungen bestand darin, dass TĂ€towierungen zunehmend als Instrument der Bestrafung eingesetzt wurden.
Eine TĂ€towierung auf der Haut war nun nicht mehr nur Schmuck oder Ausdruck einer Zugehörigkeit. Ein Mensch konnte sie fĂŒr den Rest seines Lebens tragen mĂŒssen, weil der Staat ihn als StraftĂ€ter gekennzeichnet hatte. Besonders wĂ€hrend der Edo-Zeit entwickelte sich ein regional unterschiedliches System der Strafmarkierung. Verurteilte wurden mit bestimmten Linien, Symbolen oder Schriftzeichen tĂ€towiert, wobei die konkrete Form der TĂ€towierung davon abhĂ€ngen konnte, wo die Strafe verhĂ€ngt worden war. In Edo beispielsweise wurden ab 1720 zwei schwarze Linien um den linken Unterarm, knapp unterhalb des Ellenbogens, gestochen. In anderen Regionen saĂen die Markierungen dagegen auf der Stirn und konnten bei weiteren Verurteilungen ergĂ€nzt werden.
Damit wurde der Körper selbst zu einer Art öffentlichem Strafregister. Ein Mensch musste seine Vergangenheit nicht erklĂ€ren; seine Haut erzĂ€hlte sie fĂŒr ihn. Wer wusste, was eine bestimmte Markierung bedeutete, konnte einen anderen Menschen allein anhand seines Körpers als vorbestraft erkennen.
Das ist fĂŒr die spĂ€tere Geschichte des japanischen Tattoos enorm wichtig. Denn hier beginnt eine der entscheidenden Linien, wenn wir verstehen wollen, warum TĂ€towierungen in Japan bis heute mit KriminalitĂ€t und gesellschaftlicher Ausgrenzung verbunden werden. Die TĂ€towierung war nicht mehr nur eine Form der Körpergestaltung, sondern konnte zu einem sichtbaren Zeichen dafĂŒr werden, dass der Staat einen Menschen als StraftĂ€ter gekennzeichnet hatte. Dieses Stigma verschwand nicht einfach aus den Köpfen, als die Straf-TĂ€towierung spĂ€ter wieder abgeschafft wurde.
Mit der Meji-Zeit und der damit verbundenen Meiji-Restauration von 1868, verschwand aber nicht nur die Straf-TĂ€towierung. Japan begann sich in erstaunlich kurzer Zeit politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich neu zu organisieren. Die neue Regierung wollte Japan zu einem modernen Nationalstaat machen, der von den westlichen MĂ€chten als gleichwertig anerkannt wurde. Dinge, die als rĂŒckstĂ€ndig oder âunzivilisiertâ galten, sollten verschwinden â und dazu gehörte aus Sicht der Regierung auch das TĂ€towieren. 1872 wurde das TĂ€towieren deshalb gesetzlich in ganz Japan verboten.
Damit bekam die TĂ€towierung eine weitere, ziemlich paradoxe Bedeutung. WĂ€hrend der Staat sie im eigenen Land bekĂ€mpfte, waren ausgerechnet westliche Besucher von der japanischen TĂ€towierkunst fasziniert. Japanische horishi arbeiteten deshalb zunehmend fĂŒr auslĂ€ndische Kunden, unter anderem in Yokohama, Kobe und Nagasaki. FĂŒr auslĂ€ndische Reisende wurde das japanische Tattoo zu einer Art exotischem Souvenir, wĂ€hrend japanische TĂ€towierer ihre Arbeit teilweise heimlich weiterfĂŒhrten. Besonders bekannt wurde diese Begeisterung nach dem Besuch der britischen Prinzen Albert Victor und George im Jahr 1881, die sich fĂŒr japanische TĂ€towierungen interessierten. Prinz Albert Victor entschied sich fĂŒr einen tanzenden Kranich (bzw. Storche) auf seinem Oberarm. Prinz George lieĂ sich hingegen einen groĂen Drachen in Blau und Rot auf einen Arm und spĂ€ter in KyĆto einen Tiger auf den anderen Arm tĂ€towieren. Die TĂ€towierungen fanden im offiziellen GĂ€stehaus EnryĆkan in Tokyo statt, wobei der berĂŒhmte TĂ€towierer Karakusa Gonta als KĂŒnstler fĂŒr die Prinzen genannt wird.
Jetzt haben wir bereits drei unterschiedliche Bedeutungen, die sich im Laufe der japanischen Geschichte ĂŒbereinandergelegt haben: die TĂ€towierung als freiwillige Körperkunst, die TĂ€towierung als staatliche Strafe und schlieĂlich die TĂ€towierung als etwas, das der moderne Staat als rĂŒckstĂ€ndig und unerwĂŒnscht betrachtete. NatĂŒrlich fehlt hier noch eine vierte Bedeutung, die heute wohl jeder sofort im Kopf hat, wenn er an Japan und Tattoos denkt. Doch dazu kommen wir spĂ€ter. Denn wĂ€hrend all das geschah, entwickelte sich aus der freiwilligen TĂ€towierung der Edo-Zeit eine Kunstform, die heute als eines der bekanntesten Beispiele japanischer Körperkunst gilt.
Das Horimono (Teil 2)
Endlich in die Edo-Zeit đ€

Die Edo-Zeit beginnt 1603 mit der Herrschaft Tokugawa Ieyasus und endet 1868 mit der Meiji-Restauration. Ăber zweieinhalb Jahrhunderte hinweg erlebt Japan eine vergleichsweise stabile politische Ordnung. Edo, das heutige Tokyo, wĂ€chst zu einer riesigen Stadt heran. Handel, Handwerk und eine urbane Unterhaltungskultur entwickeln sich, und mit ihnen eine neue Welt aus Theater, Literatur, VergnĂŒgungsvierteln, Mode und bildender Kunst.
Eine der wichtigsten kulturellen Entwicklungen dieser Zeit ist die Verbreitung der ukiyo-e, der sog. Bilder der vergĂ€nglichen Welt. Holzschnitte zeigen Schauspieler, Schönheiten, Landschaften und berĂŒhmte Geschichten. Und irgendwann tauchen darin immer hĂ€ufiger Körper auf, die von groĂflĂ€chigen TĂ€towierungen bedeckt sind. Wobei wir dieses irgendwann ziemlich sicher benennen können, nĂ€mlich ab dem 19. Jahrhundert.
Hier kommt ein Werk ins Spiel, das fĂŒr die Entwicklung der japanischen TĂ€towierkunst kaum zu ĂŒberschĂ€tzen ist. Der chinesische Roman Shuihu Zhuan, in Japan als Suikoden bekannt. Die Geschichte handelt von 108 Rebellen, die sich gegen korrupte Machthaber stellen. Einige dieser Helden tragen auffĂ€llige TĂ€towierungen, und als die Geschichte in Japan populĂ€r wird, werden auch ihre tĂ€towierten Körper zu einem kulturellen PhĂ€nomen.
Besonders der KĂŒnstler Utagawa Kuniyoshi machte diese Figuren im 19. Jahrhundert berĂŒhmt. Seine Holzschnitte zeigen muskulöse MĂ€nner mit Drachen, Karpfen, Blumen und anderen Motiven ĂŒber groĂe Teile ihrer Körper. Die Bilder waren dramatisch, farbenprĂ€chtig und voller Bewegung. FĂŒr ein Publikum, das ohnehin eine groĂe Begeisterung fĂŒr Geschichten ĂŒber Helden, Krieger und Rebellen entwickelt hatte, waren diese Figuren faszinierend.
Soe begann die Welt des Holzschnitts und die Welt des TĂ€towierens allmĂ€lich miteinander zu verschmelzen. Viele TĂ€towierer ĂŒbernahmen Bildmotive aus den Holzschnitten, gleichzeitig prĂ€gten TĂ€towierungen wiederum die Vorstellungen davon, wie ein heroischer Körper aussehen kann. Aus einzelnen Symbolen entsteht zunehmend eine zusammenhĂ€ngende Bildsprache. Ein Drache oder Koi wird nicht mehr einfach irgendwo auf den Körper gesetzt. Er wird Teil einer Komposition, die sich ĂŒber RĂŒcken, Schultern, Brust und Arme ziehen kann. Wellen, Wolken, Wind, Felsen und Blumen verbinden einzelne Figuren miteinander und der gesamte Körper wird zur Leinwand.
Aufwand und Schmerz
Ein Horimono ist nicht mal eben gestochen. Ein traditionelles Horimono war frĂŒher, und auch heute noch, eine ganz andere Hausnummer. Angefangen wird mit dem Entwurf, der nicht irgendwo auf den Körper geklebt wird, sondern sich an dessen Form orientiert. RĂŒcken, Arme, Brust, GesÀà und Beine werden dabei zu einer zusammenhĂ€ngenden FlĂ€che, auf der sich das Motiv entfalten kann. Der horishi berĂŒcksichtigt dabei auch, wie sich das Motiv als Ganzes auf dem sich bewegenden Körper verhĂ€lt.

Die KĂŒnstler (TĂ€towierer) wurden horishi genannt. Das Wort hĂ€ngt mit horu zusammen â âschnitzenâ, âmeiĂelnâ oder âeingravierenâ. Schon die Sprache macht deutlich, dass das TĂ€towieren traditionell eher als eine Form des Handwerks verstanden werden konnte als als das bloĂe Aufbringen von Farbe in die Haut.
Gestochen wurde und wird traditionell mit der sogenannten Tebori-Technik. Statt einer modernen TĂ€towiermaschine fĂŒhrt der horishi dabei ein BĂŒndel Nadeln das an einem Holzstab befestigt ist mit der Hand immer wieder in die Haut. Konturen werden gesetzt, FlĂ€chen ausgefĂŒllt und Schattierungen aufgebaut â und das Ganze Schritt fĂŒr Schritt. Ein Horimono braucht vom ersten Nadelstich bis zur Vollendung nicht selten mehrere Jahre. Wie viele Jahre, dass hĂ€ngt nicht nur vom schon damals benötigten Kleingeld ab sondern auch davon, wie viel Schmerz der TrĂ€ger aushĂ€lt. Denn die Tebori-Technik verlangt einem, anders als moderne Tatowiermaschinen, einiges an Schmerzen ab.
Wo wir gerade bei Farbe sind… Historisch wurde dafĂŒr unter anderem Zinnoberrot verwendet, jenes Rot, mit dem auch die Torii gestrichen wurden â ein Pigment auf Quecksilberbasis. Das krĂ€ftige Rot sah zwar beeindruckend aus, war aber alles andere als harmlos. Beim Stechen und vor allem in den Tagen danach konnten Fieber, Ăbelkeit und andere Beschwerden auftreten. Solche Reaktionen wurden nicht einfach nur als unangenehme Nebenwirkung gesehen. Sie konnten zugleich zeigen, was jemand bereit war, fĂŒr seine TĂ€towierung auszuhalten. Ein Horimono war und ist schlieĂlich nicht nur eine Frage des Aussehens, sondern auch eine Frage der Ausdauer und der eigenen LeidensfĂ€higkeit. Je mehr rote FlĂ€chen ein Horimono enthielt, desto schmerzhafter wurde es also.
Da ich persönlich leider niemanden kenne, der ein Horimono trĂ€gt, und mich auch nicht einfach im Internet bedienen möchte, zeige ich dir dennoch ein Horimono â ich habe es mit Hilfe kĂŒnstlicher Intelligenz erstellt, damit du dir ein Bild davon machen kannst, worum es hier eigentlich geht.
Ein faszinierender Widerspruch. Eine TĂ€towierung kann riesig sein und trotzdem im Alltag unsichtbar bleiben. Unter einem Kimono kann sich ein komplett tĂ€towierter RĂŒcken befinden, ohne dass die Menschen um den TrĂ€ger herum davon etwas wissen. Das Tattoo existiert, aber es muss nicht öffentlich gezeigt werden. In einer Gesellschaft, in der Kleidung eine wichtige Rolle dabei spielte, wann und wie viel vom Körper sichtbar war, konnte eine solche TĂ€towierung deshalb eine sehr private Form der Selbstdarstellung sein. Das unterscheidet sich stark von der heutigen westlichen Vorstellung, dass ein Tattoo vor allem dadurch wirkt, dass andere Menschen es sehen.
Wer lieà (lÀsst) sich tÀtowieren?
Hier mĂŒssen wir direkt ein weiteres Klischee aus dem Weg rĂ€umen! Die Menschen, die sich in der Edo-Zeit tĂ€towieren lieĂen, waren nicht einfach eine frĂŒhe Version der Yakuza.
TĂ€towierungen fanden sich in unterschiedlichen Teilen der stĂ€dtischen Gesellschaft. Handwerker und Arbeiter lieĂen sich tĂ€towieren, ebenso Angehörige bestimmter Berufsgruppen und Menschen aus den VergnĂŒgungsvierteln. Besonders bekannt waren die Feuerwehrleute von Edo. Ihre Arbeit war gefĂ€hrlich, körperlich hart und stark von Gemeinschaft und gegenseitiger LoyalitĂ€t geprĂ€gt. Eine TĂ€towierung konnte hier fĂŒr Mut, StĂ€rke und Zusammenhalt stehen.
Und genau diese Verbindung zwischen TĂ€towierung, Handwerk und Gemeinschaft findet sich erstaunlicherweise auch heute noch. Ein Beispiel dafĂŒr ist der Saisuikei-Verein, dessen Mitglieder sich darum bemĂŒhen, das traditionelle Horimono von seinem heutigen Yakuza-Image zu lösen und an seine Ă€ltere Bedeutung anzuknĂŒpfen. FĂŒr sie ist die TĂ€towierung kein Mittel zur EinschĂŒchterung, sondern ein persönliches Versprechen: mutig, tapfer und loyal zu sein. Und das hat sogar ganz konkrete Regeln. Die TĂ€towierungen werden in der Ăffentlichkeit grundsĂ€tzlich verborgen gehalten â kurze Ărmel sind also auch bei gröĂter Sommerhitze keine Option. Der Sender arte hat ĂŒber Horimono und den Saisuikei-Verein eine fantastische Dokumentation gedreht, die du dir hier anschauen kannst: das Video von arte jetzt ansehen.
Einer dieser MĂ€nner des Saisuikei-Vereins ist Taisuke Miyamoto. Er arbeitet als GerĂŒstbauer und trĂ€gt selbst ein traditionelles Horimono. Nach vielen Jahren hat er schlieĂlich dem Sohn eines Freundes erlaubt, sein eigenes Tattoo als Vorlage zu verwenden. Der junge Jyo Miyazaki lĂ€sst sich dafĂŒr bei Meister Huoryo StĂŒck fĂŒr StĂŒck ein Horimono stechen. Fast zwei Jahre lang kommt er dafĂŒr jede Woche zum Termin. Damit versucht der Saisuikei-Verein letztlich, etwas zurĂŒckzugewinnen, das durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts weitgehend verloren gegangen ist. Die TĂ€towierung als persönliche Verpflichtung und als Ausdruck von Charakter â und nicht als Erkennungszeichen der organisierten KriminalitĂ€t.
Die Yakuza
Warum denken so viele Menschen bei japanischen Tattoos heute eigentlich fast automatisch an die Yakuza?
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das TÀtowierverbot der Meji-Zeit 1948 aufgehoben. Damit verschwand die TÀtowierung zwar aus dem Gesetzbuch, ihr gesellschaftliches Stigma blieb jedoch bestehen. Und genau hier beginnt die Geschichte, die das heutige Bild vom japanischen Tattoo entscheidend geprÀgt hat.
Denn wĂ€hrend die TĂ€towierung fĂŒr viele andere Menschen zunehmend aus dem öffentlichen Leben verschwand, blieb sie in der organisierten KriminalitĂ€t und wĂ€hrend des Verbots auch einfach nur im Untergrund prĂ€sent. Die Yakuza ĂŒbernahmen die bereits bestehende Tradition des groĂflĂ€chigen Horimono und machten sie zu einem Teil ihrer eigenen Kultur. Ein vollstĂ€ndig tĂ€towierter Körper stand dabei fĂŒr LoyalitĂ€t, Zugehörigkeit und die Bereitschaft, Schmerzen und Entbehrungen fĂŒr die eigene Gruppe auf sich zu nehmen.
Gleichzeitig wurde genau dieses Bild durch die japanische Popkultur immer wieder aufgegriffen. In Filmen, Fernsehserien und spĂ€ter auch in anderen Medien wurde der tĂ€towierte Yakuza zu einem geradezu perfekten visuellen Symbol fĂŒr die Unterwelt. Ein Blick auf den tĂ€towierten RĂŒcken eines Menschen genĂŒgte, und der Zuschauer wusste, mit wem er es zu tun hatte. Und genau dieses Bild blieb nicht auf der Leinwand. Auch im Alltag wurden TĂ€towierungen zunehmend als mögliches Erkennungszeichen von kriminellen Organisationen behandelt. BadehĂ€user, Onsen, SchwimmbĂ€der und spĂ€ter auch Fitnessstudios schlossen Menschen mit Tattoos aus, um Mitglieder der organisierten KriminalitĂ€t fernzuhalten. Das Problem dabei war nur, diese Regeln unterschieden nicht zwischen organisierter KriminalitĂ€t und jemandem, der sich aus völlig anderen GrĂŒnden tĂ€towieren lieĂ.
So entstand ĂŒber Jahrzehnte ein Kreislauf, der sich kaum noch aufhalten lieĂ: TĂ€towierungen wurden mit der Unterwelt verbunden, weswegen Menschen mit TĂ€towierungen aus bestimmten Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen wurden. Dadurch wurden Tattoos wiederum noch stĂ€rker als etwas Fremdes und GefĂ€hrliches wahrgenommen. Und weil sich viele Menschen auĂerhalb der Unterwelt deshalb gegen sichtbare TĂ€towierungen entschieden, blieb der tĂ€towierte Körper umso stĂ€rker mit der Unterwelt und ihren Gruppierungen verbunden.
Genau dieses Ende des Rattenschwanzes aus unzĂ€hligen kleinen Stichen â verzeih mir das Wortspiel â prĂ€gte eben jenes Bild, das die Mehrheit heute in Japan von TĂ€towierungen hat.
Wenn wir in Japan einen vollstĂ€ndig tĂ€towierten RĂŒcken sehen, denken wir nicht automatisch an die Feuerwehrleute von Edo, an Handwerker, an die Kunst des Horimono oder an jahrhundertealte Traditionen. Wir denken an die Yakuza. Zum GroĂteil deshalb, weil Staat und Medien dieses Bild geprĂ€gt haben â was nicht heiĂen soll, dass ich das Ganze harmloser darstellen möchte, als es tatsĂ€chlich war. Dass eine so traditionsreiche Kunst jedoch fast vollstĂ€ndig in Vergessenheit geraten ist, war nicht einfach nur der Lauf der Zeit.
Das ist eigentlich das Paradoxe und Traurige an der ganzen Geschichte. Eine TĂ€towierungskunst, die ĂŒber Jahrhunderte hinweg ganz unterschiedliche Bedeutungen hatte, wurde heute weitgehend auf eine einzige reduziert â auf das Bild des Kriminellen.
Unter anderem verwendete Quellen
FrĂŒhe Geschichte & JĆmon-Zeit
https://ndlsearch.ndl.go.jp/books/R100000002-I034668678
https://ndlsearch.ndl.go.jp/books/R000000004-I4824717
Horimono & Begriffsgeschichte
https://ndlsearch.ndl.go.jp/books/R000000004-I029460395
Ainu & Ryƫkyƫ
https://ndlsearch.ndl.go.jp/books/R100000002-I031557834
Edo- und Meiji-Zeit
https://nichibun.repo.nii.ac.jp/records/7754
Moderne Rechtslage
https://ndlsearch.ndl.go.jp/books/R100000002-I030778943
Straf-TĂ€towierungen in der Edo-Zeit
https://kotobank.jp/word/ăăăăż-1506088
Japanische Strafgeschichte / historische Darstellung von Irezumi
Fachaufsatz zur Geschichte des japanischen Tattoos
https://www.researchgate.net/publication/356509761

