Henne oder Ei?
Entschuldigung, ich meine natürlich die Frage, was zuerst da war – der Schrein oder der heilige Ort. Oder anders gesagt, warum stehen Schreine eigentlich genau dort, wo sie stehen? Warum befindet sich der eine mitten im Wald, der nächste am Fuß eines Berges und ein anderer direkt an einer Hauptstraße? Und wer entscheidet, dass ausgerechnet dieser Ort ein heiliger ist? Wir haben haben ein kleines Henne-Ei-Problem der japanischen Religionsgeschichte. War der Ort schon heilig, bevor Menschen dort einen Schrein errichtet haben? Oder wurde er erst durch die Verehrung an einem Schrein zu einem heiligen Ort?
Nun, die Antwort ist, wie so oft bei historischen Fragen, nicht ganz so einfach zu beantworten.
Kami
Bevor wir nach einer Antwort suchen, müssen wir kurz klären, warum es Schreine überhaupt gibt. Die Antwort führt uns zum Shintō, der traditionellen Religion Japans. Im Mittelpunkt stehen die sogenannten Kami (神), die häufig als Gottheiten bezeichnet werden, aber weit mehr umfassen können. Es wäre also zu einfach, Kami einfach mit „Gott“ zu übersetzen.
Kami können mit Bergen, Felsen, Wasserfällen, alten Bäumen und Quellen verbunden sein, ebenso mit Ahnen, Gegenständen, Menschen oder anderen außergewöhnlichen Erscheinungen. Vereinfacht gesagt, kann die Welt, speziell die Natur, im Shintō voller spiritueller Bedeutung sein. Aber auch ganz alltägliche Dinge können eine Rolle spielen, ein Stein am Wegesrand und theoretisch sogar ein gewöhnlicher Löffel, mit dem du deinen Reis isst. Das bedeutet keineswegs, dass in allem und jedem ein Kami wohnt. Es könnte aber sein 😉
Schreine widerrum sind Orte, an denen diese Kami verehrt werden. Menschen bringen ihnen Opfergaben dar, beten zu ihnen und bitten sie um Schutz, Glück oder Hilfe, sei es für gute Noten, die Liebe, das baldige Bewerbungsgespräch oder andere Wünsche des Alltags. Das ist natürlich stark vereinfacht, aber für unsere Frage reicht es zunächst aus.
Denn manche Orte galten bereits lange vor dem Bau eines Schreins als besonderes. Ein Berg, ein Felsen oder eine Quelle konnte als Wohnort eines Kami gelten oder als ein Ort, an dem dieser besonders erfahrbar war. In solchen Fällen wurde später ein Schrein errichtet, um den Kami an diesem Ort zu verehren und ihm einen festen Platz für die Verehrung zu geben. Man könnte also sagen, man baute ihm ein Haus 🏯 Der Ort war dann nicht erst deshalb heilig, weil dort ein Schrein errichtet wurde. Vielmehr wurde der Schrein errichtet, weil der Ort bereits eine spirituelle oder religiöse Bedeutung besaß.

Kami können ganz unterschiedliche Gestalten annehmen oder mit ihnen verbunden sein. Dazu gehören etwa Berg- und Flussgeister, Ahnen und außergewöhnliche Menschen, aber auch Tiere und Gegenstände wie Schwerter. Dabei müssen Kami keineswegs immer wohlwollend sein, sondern können ebenso als furchterregend oder gefährlich gelten. Entscheidend ist ihre besondere spirituelle Bedeutung innerhalb des Shintō ⛩️
Es geht allerdings auch andersherum. Ein Schrein kann an einem ausgewählten Ort gegründet werden, um dort einen Kami zu verehren, der bisher entweder an diesem Ort — oder noch an keinem — eine eigene Kultstätte hatte. Im Shintō gibt es dafür das sogenannte Kanjō (勧請). Damit ist die zeremonielle Einladung und Ansiedelung eines Kami gemeint, an einem bestimmten Ort präsent zu sein und dort verehrt zu werden.
Häufig geschieht das im Zusammenhang mit der Übertragung eines Bunrei (分霊) aus einem bereits bestehenden Heiligtum. Der Begriff bezeichnet die übertragene Präsenz eines Kami, die im neuen Schrein verehrt werden kann. Dabei wird die göttliche Kraft nicht als etwas verstanden, das durch die Übertragung geschwächt oder tatsächlich in Stücke geteilt wird. Der Kami bleibt im ursprünglichen Schrein wirksam, während seine Präsenz auch am neuen Ort verehrt werden kann. Der auf diese Weise eingeladene Kami wird Kanjōjin (勧請神) genannt.
Ein neu gegründeter Schrein muss also nicht zwangsläufig an einem Ort stehen, der bereits zuvor als heilig galt oder einen Kami beherbergte. Entscheidend ist, welcher Kami dort verehrt werden soll und wie diese Verehrung religiös begründet und etabliert wird. Das kann beispielsweise durch die Einladung eines Kami geschehen, aber auch ein bereits als heilig verehrter Berg, Felsen oder Baum kann Anlass für die Errichtung eines Schreins sein.
Wer allerdings glaubt, man könne einfach irgendwo einen Schrein hinstellen, darin einen Kami vermuten und damit nach Belieben einen neuen heiligen Ort eröffnen … ❌ der macht es sich hier etwas zu einfach. Hinter einem Schrein stehen religiöse Traditionen, Verehrung und konkrete Praktiken, Zeremonien und Rituale, nicht bloß eine spontane Eingebung beim Waldspaziergang.
Hah! Kein Ausflug in die Zeit der großen Meiji-Restauration 😂 Für diesen Beitrag soll uns dieser kleine Exkurs in die Religionsgeschichte erst einmal genügen. Denn eigentlich wollte ich gar keine Grundsatzfragen über die Entstehung heiliger Orte klären.
Eigentlich wollte ich aber auch gar nicht in ein Rabbit Hole fallen 🐇
Das Rabbit Hole
… tschau 🕳️ Zufällig bin ich vor ein paar Tagen beim Stöbern durch Bilder im Internet auf einen heiligen Ort gestoßen. Zunächst hielt ich das Bild voller Überzeugung für KI-generiert. Doch ich sollte mich irren. Zum Glück! Ich begann zu recherchieren, was das für ein Ort war, startete eine Reverse-Bildersuche und dann … ja, dann folgte ich meinen persönlichen Kaninchen und landete mal wieder in einem tiefen Rabbit Hole, das mit meiner ursprünglichen Frage absolut gar nichts zu tun hatte. Wenn du meinen Blog kennst, weißt du, was das bedeutet. Früher oder später lande ich in der National Diet Library 🇯🇵 😂 ich sollte darüber nachdenken dort einzuziehen.
Das Bild
Tief eingebettet in ein üppiges, immergrünes Waldgebiet liegt ein Teich an einem Schrein, ein Ort von stiller, fast ehrfürchtiger Schönheit. Das kristallklare Wasser schimmert in sanftem Smaragdgrün und ist so klar, dass man bis auf den Grund blicken kann. Die Wasseroberfläche liegt beinahe vollkommen still da. Die steinernen Pfosten und vor allem jenes ungewöhnliche Torii, das nicht am Ufer, sondern mitten im Wasser steht, spiegeln sich darin. Das Torii wirkt urtümlich und verwittert. Seine kräftigen Säulen werden von einem schweren Querbalken verbunden, der sich deutlich gegen das Grün des Waldes abhebt. Durch das klare Wasser gleiten Koi-Karpfen, die beinahe wie gemalt wirken. Leuchtendes Rot, warmes Orange, reines Weiß und farbenprächtige Muster ziehen langsam ihre Bahnen durch den Teich, als gehörten sie ganz selbstverständlich zu diesem besonderen Ort. Links verläuft ein schmaler steinerner Uferweg, dessen Kante sanft zum Wasser hin abfällt. Flache Steinplatten reichen wie Trittstufen hinein in den Teich, beinahe so, als würden sie dazu einladen, dem Wasser ganz nah zu kommen. Rechts und im Hintergrund begrenzt eine niedrige, helle Steinbrüstung das Becken. Ihre gleichmäßig angeordneten Pfosten bilden eine ruhige Linie, die sich harmonisch in das Gesamtbild einfügt. Und über allem ragen alte Bäume auf. Ihre dichten Kronen lassen das Sonnenlicht nur gefiltert hindurch, sodass ein sanftes, grünliches Licht den gesamten Ort umhüllt. Ganz im Hintergrund, verborgen zwischen Farnen und dichtem Blattwerk, lassen sich eine kleine orangefarbene Schreinlaternen und ein steinernes Becken erkennen. Dezente Hinweise darauf, dass dieser Teich mehr ist als ein hübscher Fleck in der Natur.
Leider habe ich den Ort selbst noch nicht besucht und möchte deshalb auch keine Fotos anderer in meinem Artikel verwenden. Stattdessen habe ich die Szene anhand meiner Beschreibung im Anime-Stil neu gestaltet. Wenn du ein echtes Foto sehen möchtest, findest du hier eines bei Wikimedia verlinkt.
Der heilige Teich
Das ist er also, der heilige Mitarai-Teich innerhalb des Kashima-Schreins.
Der Kashima Jingū befindet sich in der Stadt Kashima in der Präfektur Ibaraki, die übrigens wirklich scön ist. Er gehört zu den bedeutenden Shintō-Heiligtümern Japans und verehrt Takemikazuchi-no-Ōkami, eine Gottheit, die unter anderem mit Kampfkunst und kriegerischer Stärke verbunden ist. Der Schrein besitzt ein wirklich weitläufiges Gelände mit alten Bäumen, verschiedenen Nebenschreinen und einer ganzen Reihe religiös und historisch interessanter Orte. Doch mein Blick blieb nicht an einem prächtigen Gebäude oder einer jahrhundertealten Baumriesin hängen, sondern an diesem Teich. Allein dieses Foto hatte mich in seinen Bann gezogen 🌀
Der Mitarai-Teich, auf Japanisch 御手洗池, wird von einer Quelle gespeist, die wirklich reichlich Wasser führt. Nach Angaben des Schreins treten dort täglich mehr als 400.000 Liter Wasser aus dem Boden aus. VIERHUNDERTTAUSEND LITER! 🌊 Das Wasser ist so klar, dass man nicht nur bis auf den Grund sehen kann, es wirkt eher wie flüssiges Glas. Genau dieses Detail ließ das Foto auf mich zunächst so unwirklich wirken. Das Wasser scheint fast zu verschwinden, während die Steine darunter deutlich zu erkennen sind und die Kois scheinbar durch die Luft schweben.
Mitten in dieser Szenerie aus flüssigem Glas steht ein Torii, jenes Tor, das in Japan häufig den Übergang zu einem Shintō-Heiligtum markiert. Der Teich ist also nicht bloß ein hübsches Fotomotiv. Er hat auch eine religiöse Bedeutung. Das Wasser wird mit ritueller Reinigung in Verbindung gebracht, und der Teich ist ein Ort, an dem sich Natur und religiöse Praxis unmittelbar begegnen. Im Shintō spielt die rituelle Reinigung, auch Misogi genannt, eine wichtige Rolle. Dabei geht es um die Befreiung von ritueller Unreinheit durch Wasser, wobei nicht jede Form der Reinigung auf dieselbe Weise durchgeführt wird.
Ich hätte meine Recherchen an dieser Stelle eigentlich beenden können. Ich hatte den Ort gefunden, die Geschichte des Teichs entdeckt, diesesn Ort für 2027 auf meine „Muss ich sehen“-Liste gesetzt und wieder einmal mehr gelernt, als ich ursprünglich wissen wollte. Aber mir blieb eine Frage im Kopf, die mich tiefer in den Kaninchenbau zog.
Darf ich da rein?
Auf dem Foto hatte ich Steinstufen entdeckt, die hinunter ins Wasser führten, teilweise sogar unter Wasser lagen. Und mitten in diesem Wasser steht immerhin ein Torii. Und… durch ein Torii geht man schließlich hindurch, oder? Ich fragte mich also, ob ich wohl barfuß in diesen Teich steigen dürfte. Und wenn ich schon einmal dort wäre, könnte ich dann nicht auch gleich durch das Torii laufen? Augenscheinlich schien ja alles für genau dieses Vorhaben vorhanden zu sein 😁
Die kurze Antwort auf meine Frage war…
NEIN, bist du verrückt?!
Fakt ist, dass ich natürlich nicht einfach barfuß in den Teich steigen darf 😭💦 Auch nicht mit Socken und auch nicht mit einem Boot 🚣♂️ Einfach nein. Heiliger Ort, heiliges Wasser, alles heilig, Finger weg, äh, Füße! Ein heiliges Gewässer ist eben nicht automatisch ein öffentliches Fußbad. 👣 Auch dann nicht, wenn alles irgendwie danach aussieht.
Die offizielle Beschreibung des Kashima-Schreins bestätigt die religiöse Bedeutung des Teichs und seine Geschichte als Ort ritueller Reinigung. Eine eindeutige offizielle Besucherregel, die ausdrücklich erlaubt oder verbietet, als gewöhnlicher Besucher den Teich zu durchwaten oder durch das Torii zu gehen, habe ich allerdings nicht gefunden. Was natürlich nicht bedeutet, dass man es darf. Es handelt sich schließlich um einen heiligen Teich, der mit rituellen Zeremonien verbunden ist. An einem solchen Ort sollte man sich entsprechend respektvoll verhalten. Hinzu kommt, dass das klare Wasser, das unablässig aus den Quellen sprudelt, auch Lebensraum für die heiligen Koi-Karpfen ist 🐟 wirklich alles heilig hier!
Auch wenn in keiner offiziellen Quelle ausdrücklich davon die Rede ist, bezeichnen einige Menschen in Japan den Bereich hinter dem Torii als „神の池“, also sinngemäß als „Teich der Kami“ oder „Götterteich“. Das deutet auf eine besondere religiöse Bedeutung dieses Bereichs hin. Die darin lebenden Koi befinden sich damit in einem Gewässer, das zumindest in manchen Darstellungen als göttlicher Bereich verstanden wird. Ob die Fische selbst deshalb als Kami gelten, konnte ich allerdings nicht eindeutig belegen. 🐟⛩️
Die Stadt Kashima ergänzt, dass der Teich bereits seit alters her von Priestern und Pilgern zur rituellen Reinigung genutzt wurde. Außerdem kann das Quellwasser als Goshinsui (御神水), also als „göttliches Wasser“, mitgenommen werden.
Die rituelle Reinigung vor deinem Schreinbesuch findet heute allerdings nicht mehr in diesem Teich statt, sondern an einem eigens dafür vorgesehenen Wasserbecken, dem sogenannten Temizuya (手水舎). Beim Kashima-Schrein befindet sich ein solches Becken am Haupteingang.
Ein eiskaltes Bad
Einmal im Jahr wird der Mitarai-Teich allerdings tatsächlich noch für eine rituelle Reinigung genutzt, und zwar bei der Daikan-no-Misogi-Zeremonie. Sie findet zu Jahresbeginn statt — ihr Name bezieht sich auf Daikan (大寒), einen der 24 traditionellen japanischen Jahreszeitenabschnitte, der für die Zeit der großen Kälte steht. Nach Angaben des Kashima-Schreins nehmen ungefähr 200 Menschen an der Zeremonie teil und begeben sich zur rituellen Reinigung ins eiskalte Wasser 🥶

Sidequest-Wissen, nya! Der traditionelle japanische Kalender kennt 24 Jahreszeitenabschnitte, auf Japanisch Nijūshi Sekki (二十四節気). Sie stammen ursprünglich aus dem chinesischen Kalender und teilen das Sonnenjahr in 24 Abschnitte ein, die sich an der Stellung der Sonne und den jahreszeitlichen Veränderungen orientieren 🌸🍂
Das rituelle Bad ist allerdings kein lustiges Planschen im Teich und auch kein ungewöhnlicher Neujahrsspaß für besonders kälteresistente Menschen. Es handelt sich um eine religiöse Praxis, bei der das kalte Wasser ein wesentlicher Bestandteil des Rituals ist. Die Teilnehmenden setzen sich dabei ganz bewusst der körperlichen Herausforderung aus, nur mit einem Lendenschurz bekleidet im eiskalten Wasser zu verharren und zu beten.
Aber auch du darfst tatsächlich ein bisschen mehr tun, als den Teich nur anzuschauen und schöne Fotos zu machen. An einer dafür vorgesehenen Stelle hinter dem Teich können Besucher das schon erwähnte göttliche Quellwasser entnehmen, in Flaschen abfüllen und nach dem Abkochen trinken💧
Noch immer im Kaninchenbau
Ich tappte immer tiefer durch die Gänge meines Kaninchenbaus und entfernte mich dabei immer weiter vom Kashima-Schrein. Bei meiner vorherigen Recherche, ob ich nun barfuß in diesen Teich steigen dürfte, stieß ich immer wieder auf dieselbe Behauptung. Heilige Orte dürfe man auf gar keinen Fall barfuß betreten. Nackte Füße seien respektlos gegenüber den Kami und der heiligen Stätte, schließlich hafteten ihnen Staub und Dreck der normalen Welt an.
Je mehr ich darüber las, desto mehr Fragen überschlugen sich in meinem Kopf. Einerseits konnte ich den Gedanken durchaus nachvollziehen. Wer einen heiligen Ort betritt, sollte sich respektvoll verhalten und nicht einfach tun, was ihm gerade in den Sinn kommt. Auch der Teil mit dem weltlichen Schmutz unter meinen Füßen, leuchtete mir ein. In vielen Teilen Asiens und gerade in Japan ist es ohnehin üblich, vor dem Betreten eines Hauses, einer Wohnung oder bestimmter heiliger Bereiche die Schuhe auszuziehen. Aber wie kann ein nackter Fuß, ein Teil unseres eigenen natürlichen Körpers, an sich respektlos sein? Sind Schuhe aus unserer modernen Welt den Kami etwa lieber?
Mein Kaninchenbau wurde mit jeder Frage tiefer und verzweigter. Schuhe tragen schließlich den Dreck der Welt an ihren Sohlen. Wenn ich meine Schuhe ausziehe und anschließend barfuß weitergehe, beleidige ich offenbar den heiligen Ort?! Bleiben mir noch Socken 🧦 Aber sind nackte Füße nun unrein? Und sind Füße mit Socken oder in Schuhen religiös gesehen sauberer? Und was hat das überhaupt mit dem Shintō zu tun? (🥸 merk dir die Frage!)
Kultur, Religion und Höflichkeit
Die Verwirrung über spirituelle und kulturelle Ansichten Japans und den Fuß im Shintō ist größer, als man zunächst denken könnte. Denn wir werfen gerne verschiedene Dinge in einen Topf, die zwar miteinander zu tun haben können, aber keineswegs dasselbe bedeuten. Hygiene ist nicht automatisch religiöse Reinheit. Japanische Umgangsformen sind nicht automatisch Shintō-Regeln. Und ein Ritual an einem bestimmten Schrein lässt sich nicht ohne Weiteres auf alle anderen Heiligtümer übertragen.
Fangen wir also ganz unten an. Bei unseren Füßen, genauergesgat bei unseren Schuhen.
Schuhe
Sie tragen uns unser gesamtes modernes Leben durch die Welt. Wir laufen über Straßen, Wiesen, Waldböden, Bahnsteige und die Böden von Geschäften. Wir treten in Pfützen, sammeln Staub an den Schuhsohlen und tragen draußen allerlei Schmutz an uns. In der modernen Welt klebt ein großer Teil davon zum Glück nur an unseren Schuhsohlen. Wenn wir ein Haus betreten, ziehen wir die Schuhe deshalb normalerweise am Eingang aus. Zumindest in Japan gehört das in vielen Situationen ganz selbstverständlich dazu. Das gilt auch für traditionelle Unterkünfte, manche Restaurants und bestimmte Bereiche von Tempeln und Schreinen. So, wie ien Trorii den Übergang zu einem Bereich jenseits der weltlichen ist, markiert das Ausziehen der Schuhe den Übergang von draußen nach drinnen und gehört zu den gesellschaftlichen Umgangsformen Japans.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jede japanische Regel zum Schuhwerk ausschließlich aus hygienischen Gründen entstanden ist. Es geht auch um Wohnkultur, soziale Gewohnheiten und den respektvollen Umgang mit einem Raum.
Socken
Hinter unseren Stofffetzen, die wir uns über unsere Füßchen stülpen, steckt ebenso durchaus ein praktischer und hygienischer Gedanke. Japanische Wohnräume – und vor allem die Böden von Tempeln und Schreinen — besitzen häufig empfindliche Bodenbeläge, und auf Tatami-Matten sitzt oder liegt man unter Umständen direkt auf dem Boden.
Je nach Ort kann es deshalb wichtig sein, frische und saubere Socken zu tragen. Das ist allerdings nicht automatisch eine religiöse Vorschrift, oder gar eine kulturelle unausgesprochene Regel sondern bedeuetet schlicht Rücksichtnahme, Wohnkultur und dient eventuell dem Schutz empfindlicher Oberflächen. Und wer möchte schon einen vom japanischen Hochsommer verschwitzten nackten Fuß auf seiner Tatami-Matte haben auf der man nachts schläft? Ob eine verschwitzte Socke unbedingt besser ist, lassen wir hier mal offen 😅
Füße
Aber was ist jetzt mit dem Fuß, der nach dem Ausziehen des Schuhs übrig bleibt? In meinem Fall sogar meist ohne Socken. Ist er sauber? Muss er in eine Socke gesteckt werden? Ist ein nackter Fuß respektlos, während ein besockter Fuß plötzlich gesellschaftlich und spirituell akzeptabel wird?
Es ist mal wieder … alles nicht so einfach. 😂 In Japan ist es in vielen Situationen üblich, die Schuhe auszuziehen und sich anschließend ohne Straßenschuhe in Innenräumen zu bewegen. In traditionellen Räumen mit Tatami-Matten werden sogar die Hausschuhe vor dem Betreten der Matten abgelegt. Socken sind dabei praktisch, weil sie den direkten Kontakt mit dem Boden reduzieren und dazu beitragen können, empfindliche Oberflächen sauber zu halten. Gerade wenn mehrere Menschen einen Raum nutzen, ist das nachvollziehbar.
Ein nackter Fuß ist aber nicht automatisch respektlos. Er ist zunächst einfach ein Fuß. Allerdings kann ein nackter Fuß in Japan als etwas Privates und Intimes wahrgenommen werden. Bei einem Besuch kann es deshalb als zu intim empfunden werden, barfuß zu sein. Das gilt besonders dann, wenn man die Person oder die Gepflogenheiten des Hauses noch nicht gut kennt. In vielen japanischen Wohnungen wechselt man nach dem Ausziehen der Straßenschuhe in Hausschuhe. In die angebotenen Hausschuhe sollte man allein aus hygienischen Gründen allerdings nicht unbedingt barfuß schlüpfen, schließlich werden sie häufig von mehreren Menschen getragen.
Auf Tatami-Matten sind Socken und nackte Füße aber grundsätzlich möglich, wobei die konkreten Gepflogenheiten je nach Unterkunft oder Gastgeber variieren können. Die Socke ist also kein spiritueller Filter, der einen ansonsten unreinen nackten Fuß plötzlich akzeptabel macht. Vielmehr geht es, wie soft darum, den jeweiligen Raum und die dort geltenden kulturellen Regeln zu respektieren 👣
Dass Füße in Japan nicht einfach nur Füße sind, zeigt sich auch bei der Körpersprache. Es kann als unhöflich empfunden werden, jemandem die Fußsohlen entgegenzustrecken. Das bedeutet allerdings nicht, dass man sich niemals jemandem gegenübersitzen und dabei die Füße ausstrecken darf. Es kommt mal wieder auf die Situation an. Hier muss man, wie es so schön heißt, die Luft lesen können. Und aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass auch in Japan nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird 😁
Shintō
Okay, wir krabbeln nun mal vorsichtig aus dem Rabbit Hole heraus und widmen uns ein bisschen dem Schmutz 🐇
Im Shintō gibt es den Begriff kegare (穢れ), der häufig mit ritueller Unreinheit oder Verunreinigung übersetzt wird. Damit ist allerdings nicht einfach der weltliche Dreck der modernen Welt gemeint, den man mit etwas Wasser und Seife entfernen kann. Kegare bezeichnet einen religiösen Zustand, der mit bestimmten Ereignissen und Umständen verbunden sein kann. Einen schmutzigen Fuß zu haben und rituell unrein zu sein, sind also zwei unterschiedliche Dinge. Das eine schließt das andere nicht automatisch aus und umgekehrt — oder so…
Vor allem dürfen wir aus solchen Umgangsformen keine allgemeine Shintō-Lehre ableiten. Es gibt keinen Grund, nackte Füße pauschal mit kegare gleichzusetzen. Ein Fuß kann schmutzig sein, ohne deshalb rituell unrein zu sein. Und ein sauberer Fuß in einer Socke ist nicht allein deshalb spirituell reiner als ein sauberer nackter Fuß.
Die pauschale Aussage, die mir im Internet immer wieder begegnet ist, nämlich dass nackte Füße grundsätzlich als unrein gelten, lässt sich also nicht als allgemeine Regel des Shintō aufrechterhalten!
Schön, dass wir jetzt geklärt haben, ob Schuhe, Socken und Füße spirituell rein sind oder nicht 😂
Falls du dich fragst, warum du hier die ganze Zeit Absätze über Füße, Socken und spirituelle Reinheit oder Unreinheit liest, kann ich dir sagen, dass das am Fuß-Schrein liegt. Ich brauchte einfach ein bisschen kulturelle Vorbereitung! 👣⛩️
Der Fuß-Schrein
Japp, richtig gelesen! Japan wäre ja nicht Japan und ich nicht ich, wenn ich das alles nur zum Spaß geschrieben hätte 😂
Denn tatsächlich gibt es in Japan einen Ort, an dem das Ausziehen der Schuhe nicht bloß eine Frage der Wohnkultur oder der persönlichen Vorliebe ist. Einen Ort, an dem Barfußgehen ausdrücklich zum Besuch gehört und an dem Regeln gelten, die mit der besonderen religiösen Bedeutung des Heiligtums zusammenhängen.
Und eine dieser Regeln lautet ganz einfach: Schuhe aus, Socken aus und barfuß weitergehen!
Der geheime Schrein
⚠️ Leider ist dieser Beitrag an dieser Stelle zu Ende. Ich unterliege nämlich der absoluten mystischen Schweigepflicht. Du darfst nicht fragen und ich darf nichts sagen 🤷 Ich habe die Regeln nicht gemacht, die Besucher dazu anhalten, weder darüber zu sprechen, was sie im Inneren gesehen haben, noch Fragen dazu zu stellen.
Schade, aber danke, dass du bis hierhin alles gelesen hast. Nur so viel sei verraten. Wenn du dachtest, es ginge hier lediglich um Füße, Socken und die Frage, ob man einen heiligen Teich betreten darf, dann hast du die Rechnung ohne Japan gemacht.
Und ohne meine Kaninchen 🐇
Yudonosan-Schrein
Ich hab mir das mit der Schweigepflicht nicht ausgedacht, und die Regel nichts zu sagen und und nicht zu fragen, ist ebenso real wie der Fuß-Schrein. Darf ich vorstellen, den Yudonosan-Schrein (湯殿山神社) in der Präfektur Yamagata. Ich nenne ihn nur liebevoll den Fuß-Schrein, denn nach all den Absätzen wäre es doch ziemlich enttäuschend, wenn wir am Ende bei einem ganz gewöhnlichen Schrein landen würden.
Aber der Yudonosan-Schrein ist tatsächlich alles andere als gewöhnlich. Er gehört zu den heiligsten Orten der japanischen Bergreligion und ist für seine besonderen Regeln bekannt. Fotografieren ist verboten, über das Erlebte soll man nicht sprechen, und Schuhe haben im heiligen Bereich absolut nichts verloren. socken übrigens auch nicht. Wer den Schrein besuchen möchte, muss sich zunächst einer rituellen Reinigung unterziehen und den letzten Teil des Weges barfuß zurücklegen. Das ist eine von vielen Besonderheiten dieses Ortes.
Und damit sind wir bei der Frage, die mich nach unserem kleinen Ausflug in die Welt der Füße natürlich besonders interessiert. Warum muss man hier eigentlich barfuß gehen? Und was hat dieser Ort an sich, dass man über ihn nicht einmal sprechen darf?
Um das zu verstehen, müssen wir zunächst ein wenig weiter ausholen. Keine Sorge, nicht die Meji-Zeit. Der Yudonosan ist nicht einfach irgendein Schrein, der zufällig auf irgendeinem Berg steht. Er ist Teil einer jahrhundertealten Pilgertradition, in der Berge, Natur und die Vorstellung von Wiedergeburt eine ganz besondere Rolle spielen.
Drei Berge, drei Leben
Der Schrein liegt am Berg Yudono in der Präfektur Yamagata und gehört zu den Dewa Sanzan (出羽三山), den drei heiligen Bergen von Dewa. Dazu zählen der Haguro-san, der Gassan und eben der Yudono-san. Seit Jahrhunderten pilgern Menschen zu diesen Bergen, um dort zu beten und religiöse Übungen zu praktizieren. Besonders spannend ist die symbolische Bedeutung, die den drei Bergen zugeschrieben wird. Der Haguro-san steht für die Gegenwart und das gegenwärtige Leben, der Gassan für die Vergangenheit und den Tod, während der Yudono-san mit der Zukunft und der Wiedergeburt verbunden wird.
Die Pilgerreise über diese drei Berge lässt sich deshalb als eine symbolische Reise durch Leben, Tod und Wiedergeburt verstehen. Man beginnt beim gegenwärtigen Leben, begegnet auf dem Gassan dem Tod und erreicht schließlich am Yudono-san die Wiedergeburt. Das ist natürlich keine kleine Wanderung mit spirituellem Bonus am Gipfel, sondern eine religiöse Reise, deren Bedeutung weit über das bloße Erreichen eines Zieles hinausgeht 🏔️
Die Dewa Sanzan sind eng mit dem Shugendō (修験道) verbunden. Dabei handelt es sich um eine japanische religiöse Tradition, in der die spirituelle Praxis in den Bergen eine zentrale Rolle spielt. Die sogenannten Yamabushi ziehen sich in die Bergwelt zurück, unterziehen sich körperlichen und geistigen Herausforderungen und suchen durch diese Übungen religiöse Erkenntnis. Die Natur ist dabei nicht bloß eine hübsche Kulisse für die Meditation. Der Berg selbst wird zum Ort der religiösen Erfahrung.
Und ausgerechnet der Yudono-san gilt als besonders geheimnisvoller Teil dieser Bergwelt. Er ist das Ziel der Pilgerreise und wird oft als eine Art innerstes Heiligtum der drei Berge beschrieben. Damit wären wir auch schon bei der zweiten Besonderheit, die diesen Ort so faszinierend macht.
Ein Schrein ohne Schrein 🧐
Wenn du an einen japanischen Schrein denkst, hast du vermutlich ein bestimmtes Bild im Kopf. Vielleicht ein Torii (wie das im Teich), dahinter einen Weg, ein paar Gebäude, einen Gebetsbereich und irgendwo einen Ort, an dem man sich verbeugt und betet. Und viele Schreine sehen tatsächlich genau so aus.
Am Yudonosan-Schrein ist die Sache allerdings etwas anders. Denn hier gibt es kein gewöhnliches Hauptgebäude, in dem das eigentliche Heiligtum untergebracht wäre. Stattdessen steht eine natürliche Felsformation im Zentrum der Verehrung. Schhhhhht, nichts verraten! Der große, bräunlich-rötliche Felsen wird von heißem Wasser durchströmt, das aus dem Gestein austritt. Dieser Felsen ist das eigentliche Objekt der Verehrung. Toll, alles verraten!
Ja, du hast richtig gelesen. Kein prachtvolles Gebäude, kein kunstvoll verzierter Altarraum und kein klassischer Schrein, wie du ihn vielleicht von Fotos kennst. Hier ist der Mittelpunkt ein Felsen, aus dem heißes Wasser sprudelt. Das soll aber nicht heißen, dass es hier gar keine Gebäude gibt, ich darf aber wirklich nicht mehr sagen.
Der Ort passt jedenfalls wunderbar zu dem, worüber du am Anfang dieses Beitrags etwas gelesen hast. Nämlich, dass im Shintō natürliche Orte und Erscheinungen eine religiöse Bedeutung besitzen. Ein Berg, ein Wasserfall, ein Felsen oder eine Quelle kann als Ort der Verehrung gelten. Am Yudonosan-Schrein ist diese Verbindung zwischen Natur und religiöser Praxis besonders deutlich zu erkennen. Nicht nur der heilige Felsen, sondern gleich die ganzen Berge drumherum besitzen hier eine spirituelle Bedeutung.
Aufgrund des wirklich ernst gemeinten Fotografierverbots und der nachdrücklichen Bitte, nicht über das Erlebte zu sprechen, kann weder ich noch irgendjemand anderes dir erzählen, wie es dort wirklich aussieht. Wir müssen wohl einfach selbst hin 🪨
Warum hier die Schuhe draußen bleiben
Jetzt schließt das Kaninchen endlich den Kreis zum gesamten vorherigen Beitrag 😂
Am Yudonosan-Schrein geht es nämlich um deine Wiedergeburt. Erinnerst du dich an die drei heiligen Berge von Dewa und ihre symbolische Reise durch Gegenwart, Tod und Zukunft? Der Yudono-san ist die letzte Station dieser Reise und steht für eben jene Wiedergeburt. Dabei spielt der heilige Felsen, aus dem heißes Wasser hervortritt, eine zentrale Rolle. Er wird mit der Geburt neuen Lebens in Verbindung gebracht.
Und jetzt kommt der Teil mit den Füßen im Shintō 👣 Die letzten Schritte hin zum Heiligtum, bis zum Felsen, geht man barfuß, denn der Weg zur sprudelnden Quelle wird als eine Art Geburtskanal gedeutet. Wer ihn durchschreitet, soll symbolisch wie ein neugeborenes Kind ankommen, gereinigt und frei von kegare.
Das Barfußgehen ist also Teil einer religiösen Erfahrung, die mit Geburt und Wiedergeburt verbunden ist. Denn geboren wird man schließlich … barfuß! 🎉
Wir sind also beim japanischen religiösen Henne-Ei-Problem gestartet und über ein zufällig gefundenes Bild des Mitarai-Teichs am Kashima-Schrein bei der Frage gelandet, ob ich barfuß durch eben diesen heiligen Teich laufen darf. Von dort ging es weiter zur kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung von Füßen. Und wo endet diese Reise? Bei nackten Füßen und der Wiedergeburt auf einem heiligen Berg in Japan…
Verrücktes Rabbit Hole 😂🐇

