Manchmal frage ich mich, wie meine Reisen eigentlich entstehen.
Je lĂ€nger ich darĂŒber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass sie eigentlich noch nie aus einem vernĂŒnftigen Grund entstanden sind. Zumindest nicht aus einem Grund, den man in einem ReisefĂŒhrer oder einer Checkliste finden wĂŒrde.
Irgendwann keimte in mir einfach der Gedanke auf, ich möchte einmal fĂŒr lĂ€ngere Zeit in Japan leben. Es war kein lang ausgearbeiteter Lebensplan und auch keine spontane Schnapsidee. Es war einfach ein GefĂŒhl, das immer stĂ€rker wurde, bis ich irgendwann im Flugzeug saĂ und tatsĂ€chlich mehrere Monate dort lebte.
Ein anderes Mal fahre ich mit einer JR-Linie quer durch das Land und sehe auf der Anzeigetafel einen Stationsnamen, der irgendetwas in mir auslöst. Ich kenne den Ort nicht. Ich habe nie etwas ĂŒber ihn gelesen. Trotzdem steige ich aus, laufe los und verbringe die restliche Woche damit, StraĂen zu erkunden, von denen ich am Morgen noch nicht einmal wusste, dass sie existieren.
Und dann sitze ich plötzlich in einem Restaurant, probiere ein Gericht und frage mich, wie es wohl schmecken wĂŒrde, wenn ich es genau dort esse, wo es entstanden ist. Nicht die Version in Deutschland, sondern das Original. In dem Land, in dem es zur AlltagskĂŒche gehört und niemand auf die Idee kĂ€me, es als etwas Besonderes zu betrachten. Wenige Tage spĂ€ter liegen Flugtickets nach Taiwan auf meinem Schreibtisch.
Meine Reiseplanung folgt keinem System. Sie folgt einzig meiner Neugier und Liebe zu Asien.
Dieses Mal
…war der Auslöser ein Roman.
Vor einigen Wochen fiel mir das Buch Heimkehr nach Morioka von Yuki Ibuki in die HĂ€nde. Im japanischen Original trĂ€gt das Buch den Titel éČă玥ă (Kumo wo Tsumugu), was sich sinngemÀà mit âWolken spinnenâ ĂŒbersetzen lĂ€sst. Schon dieser Titel strahlt eine gewisse Ruhe aus und genau diese Ruhe begleitet einen durch das gesamte Buch. Ehrlich gesagt wusste ich vorher kaum, was mich erwartet. Ich wollte einfach nur einen schönen Roman lesen und ein paar entspannte Abende verbringen.
Bekommen habe ich etwas völlig anderes.
Manche BĂŒcher erzĂ€hlen eine Geschichte. Andere erschaffen einen Ort. Und wĂ€hrend ich Seite fĂŒr Seite las, entstand in meinem Kopf nach und nach ein Bild von Morioka. Die Stadt wurde greifbarer. Die Menschen bekamen Gesichter, die StraĂen eine AtmosphĂ€re und die Region Iwate eine ganz eigene, fast geheimnisvolle, Ausstrahlung.
Das Faszinierende daran ist, dass in diesem Buch eigentlich gar nichts wirklich SpektakulĂ€res passiert. Es lebt nicht von groĂen Wendungen oder Spannungsmomenten, in denen ich vergesse zu atmen. Ganz im Gegenteil. Und trotzdem entstand in meinem Kopf mit jeder Seite eine ganze Welt.
Vielleicht lag es gerade daran, dass mir das Buch genĂŒgend Freiraum lieĂ, die LĂŒcken selbst zu fĂŒllen. Mit Erinnerungen an meine eigene Zeit in Japan. Mit StraĂen, durch die ich selbst schon gelaufen bin, mit kleinen CafĂ©s, in denen ich stundenlang hĂ€tte sitzen können, mit Bahnhöfen, deren Melodien ich heute noch im Kopf habe. Szenen, die nie beschrieben wurden, fĂŒllten sich von ganz allein mit meinen Erinnerungen.
Mit jeder weiteren Seite zog mich das Buch ein StĂŒck tiefer in seine Welt hinein. Irgendwann hatte ich nicht mehr das GefĂŒhl, nur ĂŒber Morioka zu lesen. Ich hatte das GefĂŒhl, dort zu sein. Ich konnte mir die StraĂen vorstellen, die kleinen GeschĂ€fte, die CafĂ©s und die Menschen, als wĂ€re ich selbst gerade durch die Stadt gelaufen.
Es gab Momente, in denen ich das Buch zur Seite legen musste und beinahe traurig war. Nicht wegen der Geschichte, sondern weil ich nicht an diesem Ort war. Weil ich mir nicht einfach meine Schuhe anziehen und zu genau dem CafĂ© laufen konnte, von dem ich gerade gelesen hatte. Weil zwischen mir und diesem Ort nicht ein paar StraĂen, sondern das andere Ende der Welt lag.
Besonders intensiv wurde dieses GefĂŒhl immer dann, wenn die Handlung an Orte wechselte, die ich bereits aus eigener Erfahrung kenne. StraĂen und Bahnhöfe, durch die ich selbst schon gelaufen bin, Orte, an denen ich schon gestanden habe. In diesen Momenten verschwammen meine eigenen Erinnerungen und die Geschichte miteinander und ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich voller Freude dachte âIch kenne diesen Ort. Genau dort war ich schon.â
Es war also nicht so, dass ich plötzlich den Gedanken hatte, nach Morioka reisen zu wollen. Vielmehr schlich sich dieser Wunsch langsam und beinahe unbemerkt ein. Irgendwann zwischen Seite 100 und 140 setzte dann dieses vertraute GefĂŒhl ein. Ein leichtes Kribbeln, das ich inzwischen nur allzu gut kenne. Es kĂŒndigt meistens an, dass ich innerlich lĂ€ngst eine Entscheidung getroffen habe, obwohl mein Kopf noch versucht, vernĂŒnftig zu bleiben.
Vernunft vs. Neugier
Ich habe aufgehört, darĂŒber nachzudenken. Aufgehört, gegen die innere Vernunft anzukĂ€mpfen und stattdessen einfach gebucht.
Also geht es fĂŒr mich dieses Mal nicht nur zurĂŒck nach Kawagoe, sondern auch weit hinauf in den Norden Japans. Nach Morioka. FĂŒr ein paar Tage möchte ich genau die Stadt erleben, die mich durch ein Buch ĂŒberhaupt erst neugierig gemacht hat. Ich möchte durch ihre StraĂen laufen, den Blick auf den Berg Iwate genieĂen und herausfinden, ob das Bild, das der Roman in meinem Kopf gezeichnet hat, der Wirklichkeit standhĂ€lt oder ob die RealitĂ€t ihre ganz eigene Geschichte erzĂ€hlt.
NatĂŒrlich spielt auch das Essen eine Rolle. Wer das Buch gelesen hat, wird wahrscheinlich sofort an die Jajamen denken. Und daran denke ich wirklich unentwegt. Irgendwann wusste ich beim Lesen selbst nicht mehr, ob ich wissen wollte, wie die Geschichte weitergeht oder ob ich einfach nur Hunger bekommen hatte. Vermutlich war es eine Mischung aus beidem. Jedenfalls steht ziemlich weit oben auf meiner Liste, endlich eine Portion Jajamen dort zu essen, wo sie zu Hause ist.
Ob Morioka am Ende genauso sein wird, wie ich es mir beim Lesen vorgestellt habe, weiĂ ich nicht. Vielleicht ĂŒberrascht mich die Stadt völlig. Vielleicht merke ich schon nach wenigen Stunden, dass ich sie mir ganz anders ausgemalt habe. Vielleicht verliebe ich mich aber auch sofort in sie.
Und genau das macht fĂŒr mich den Reiz des Reisens aus.
Vorfreude
Ich folge einer Idee, einer Geschichte oder manchmal sogar nur einem einzigen GefĂŒhl und einige Wochen spĂ€ter sitze ich im Shinkansen und fahre einem Ort entgegen, den ich vorher nur zwischen zwei Buchdeckeln kannte. Genau solche Momente sind es, die meine schönsten Reisen hervorgebracht haben. Und wer weiĂ, vielleicht beginnt zwischen den Seiten eines Romans manchmal tatsĂ€chlich ein kleines Abenteuer.
Inzwischen ist aus dieser spontanen Idee lĂ€ngst ein fester Plan geworden. Das Hotel in Morioka ist gebucht, die Shinkansen-Tickets liegen bereit und ich habe beschlossen, den GroĂteil meines GepĂ€cks einfach in meiner Wohnung in Kawagoe zu lassen. FĂŒr die paar Tage nehme ich nur einen Rucksack mit. Irgendwie gefĂ€llt mir der Gedanke, mit leichtem GepĂ€ck aufzubrechen und einfach loszufahren.
Seit Tagen beschÀftigt mich allerdings noch eine ganz andere Frage.
Fahre ich ganz entspannt irgendwann gegen Mittag los oder wird es am Ende sowieso darauf hinauslaufen, dass ich die halbe Nacht kaum schlafen kann, weil die Vorfreude zu groĂ ist? Ich kenne mich inzwischen gut genug, um Letzteres fĂŒr deutlich wahrscheinlicher zu halten. Wahrscheinlich liege ich schon ab drei Uhr morgens wach im Bett, schaue zum zehnten Mal auf die Uhr und rede mir ein, dass sich Einschlafen jetzt ohnehin nicht mehr lohnt.
Dann schnappe ich mir meinen Rucksack und laufe im ersten Morgenlicht zum Bahnhof. Unterwegs halte ich noch kurz an einem Konbini, kaufe mir ein Bento fĂŒr die Fahrt und greife fast automatisch noch nach einer Dose BOSS Kaffee. Bevor ich dann mit dem ersten Zug nach Ćmiya und von dort weiter mit dem Shinkansen Richtung Morioka fahre.
Und vermutlich werde ich in genau diesem Moment wieder denken, was ich schon so oft gedacht habe.
Was fĂŒr eine herrlich verrĂŒckte Idee das alles eigentlich schon wieder ist.
