Heimkehr aus Morioka
Heimkehr aus Morioka

Heimkehr aus Morioka

Lesedauer 7 Minuten

Jetzt heißt es Abschied nehmen. Statt „Heimkehr nach Morioka“ heißt es fĂŒr mich nun „Heimkehr aus Morioka“.

In wenigen Stunden fĂ€hrt der Schmetterling ohne FlĂŒgel, wie ich den Hayabusa Shinkansen wegen seiner Farbe gerne nenne, wieder in den Bahnhof von Morioka ein und fliegt mich mit bis zu 320 km/h zurĂŒck nach Tokyo. Dort wartet bereits meine Waschmaschine sehnsĂŒchtig auf mich – oder eher, ich erwarte sie sehnsĂŒchtig. Mehr als einen Rucksack hatte ich nĂ€mlich nicht dabei. Gerade genug Kleidung und ein paar Kleinigkeiten, um vier Tage in Iwate zu ĂŒberstehen.

Meistens ist genau das das Schönste an solchen Reisen. Man braucht gar nicht viel GepĂ€ck. Ohnehin nimmt man viel mehr Erinnerungen mit nach Hause, als man jemals hĂ€tte einpacken können đŸŒżđŸ‡ŻđŸ‡”

Ist Morioka eine Reise wert?

Ja! Ehrlicherweise wirst du diese Antwort aber bei fast jedem Ort in Japan von mir bekommen 😄 Trotzdem solltest du dir Morioka oder generell die PrĂ€fektur Iwate, deren Hauptstadt Morioka ist, nicht entgehen lassen.

Hier findest du ein Japan, das vom internationalen Tourismus bisher weitgehend verschont geblieben ist und dadurch unglaublich authentisch ist. Das bedeutet aber nicht, dass die Menschen keine Besucher gewohnt sind oder es nichts zu sehen gibt. Ganz im Gegenteil. Morioka lebt zwar nicht von riesigen SehenswĂŒrdigkeiten, dafĂŒr aber von seiner entspannten AtmosphĂ€re, seinem Alltag und der wunderschönen Natur, die die Stadt umgibt.

FĂŒr mich macht aber vor allem die AtmosphĂ€re den Reiz aus. Man lĂ€uft durch die Straßen und hat das GefĂŒhl, nicht an einem Ort zu sein, der fĂŒr Touristen gebaut wurde, sondern an einem Ort, an dem das ganz normale Leben stattfindet. Das kann hier und da genau aus diesem Grund auch mal schwierig werden, denn wenn niemand mit Besuchern rechnet, ist auf jeden ausgerichtet. Also wirst du hier noch weniger Englisch finden als in Tokyo. Aber genau das macht den Reiz aus. Es ist eine Stadt, die sich nicht in den Vordergrund drĂ€ngt und gerade deshalb lange im GedĂ€chtnis bleibt.

Überall stehen kunstvolle Blumenarrangements. Rosenbeete, kleine Springbrunnen, dekorierte SitzbĂ€nke, gepflegte GrĂŒnflĂ€chen und sĂŒĂŸe CafĂ©s reihen sich hier aneinander. Selbst an Orten, an denen man eigentlich nur vorbeilaufen wĂŒrde, hat man das GefĂŒhl, dass sich jemand Gedanken gemacht hat. Gleichzeitig wirkt alles erstaunlich großzĂŒgig. Breite BĂŒrgersteige, viel Platz und dieser riesige Underpass vor dem Bahnhof, der fast wie eine kleine Stadt unter der Stadt wirkt. Morioka fĂŒhlt sich generell an, als wĂ€re die Stadt auf mehreren Ebenen gebaut und… das ist sie auch! Man glaubt, ganz normal auf Straßenniveau zu laufen, bis hinter der nĂ€chsten Ecke plötzlich eine Treppe nach unten auftaucht. Erst dann wird einem bewusst, dass der vermeintliche Boden nur die mittlere Ebene war. Wenige Meter spĂ€ter geht es wieder nach oben oder auch noch weiter nach unten. Dadurch entsteht das GefĂŒhl, dass sich Morioka nicht nur in die LĂ€nge und Breite, sondern auch stĂ€ndig in die Höhe und Tiefe entfaltet. Die Stadt ĂŒberrascht immer wieder mit ihrem stĂ€ndigen Auf und Ab und wirkt dadurch anfangs deutlich verwinkelter, als sie tatsĂ€chlich ist. Nach ein bis zwei Tagen hat man das Prinzip jedoch verstanden und weiß genau, welche Wege auf welcher Ebene verlaufen und wo die schnellsten Verbindungen nach oben oder unten sind.

Eine kleine Eigeneheit

Wenn man um manche GebĂ€ude herumlĂ€uft, startet man unten und kommt oben wieder heraus. Anfangs bemerkt man kaum, dass die Gehwege stetig ansteigen und sich in sanften Kurven immer weiter nach oben schlĂ€ngeln. Eigentlich wollte man nur um die Ecke zum FamilyMart gehen, doch plötzlich liegt genau dieser mehrere Meter unter einem 😆 ich hab’s geliebt.

Und dann sind da noch die Menschen Moriokas. NatĂŒrlich ist Freundlichkeit in Japan ein allgegenwĂ€rtiges Gut. In Morioka wirkten viele Begegnungen auf mich aber irgendwie wĂ€rmer. Einige Momente waren sofort sehr herzlich und vor allem ohne diese Eile aus Tokyo. Das Leben ist hier selbst zur Rush Hour einfach etwas ruhiger. Morioka entschleunigt dich spĂ€testens nach einem Tag.

Der Ort wird jedem in Erinnerung bleiben, weil die ganze Stadt eine AtmosphÀre ausstrahlt, die man nur schwer beschreiben kann. Man merkt sie einfach, sobald man dort unterwegs ist oder auch nur an einem Ort verweilt.

BerĂŒhmt ist die Stadt ĂŒbringes unter anderem fĂŒr seine traditionelle Handwerkskunst, insbesondere Eisenwaren, Keramik und Wollprodukte – der sogenannten Homespun Wolle, um die sich auch der Roman Heimkehr nach Morioka dreht. Gleichzeitig gilt die Stadt als echtes Paradies fĂŒr Nudelliebhaber. Die drei berĂŒhmten Morioka-Nudelgerichte gehören hier einfach dazu.

Die Nudeln

Die Sandaimen, also die drei großen NudelspezialitĂ€ten Moriokas, sind die Wanko Soba, die Morioka Reimen und die Morioka Jajamen. Das sind hier definitiv die Gerichte schlechthin. Die Stadt ist fĂŒr ihre Nudeln bekannt und allen voran fĂŒr die Wanko Soba (わんこそば).

Vorab aber eine kleine Warnung. Die isst man hier meistens nicht gemĂŒtlich 😂 Wer nach einem langen Tag denkt, den Abend entspannt mit einer Portion Wanko Soba ausklingen zu lassen, erlebt schnell eine Überraschung. Denn kaum hast du das kleine SchĂ€lchen leer gegessen, ruft jemand laut „はい、じゃんじゃん!“ und fĂŒllt dir sofort die nĂ€chste Portion Nudeln nach.

Und genau so geht es immer weiter. SchĂŒssel leer, neue Portion. SchĂŒssel leer, neue Portion. Erst wenn du wirklich nicht mehr kannst, legst du den Deckel auf deine SchĂŒssel. Das ist das Zeichen dafĂŒr, dass Schluss ist und du offiziell nur noch aus Nudeln bestehst 😂

In manchen Restaurants bekommst du anschließend sogar ein Zertifikat, auf dem festgehalten ist, wie viele SchĂ€lchen Wanko Soba du geschafft hast. Satt wirst du hier garantiert.

What to do?

Hier wird es jetzt ein bisschen schwierig fĂŒr mich. Zugegeben, ich war an allen wichtigen Orten, die man in Morioka gesehen haben sollte. Ich hab die Kaiunbashi BrĂŒcke ĂŒberquert und bin am Kitakami Flus entlang gewandert. Das Red Brick Building der Bank of Iwate habe ich besucht, allerdings nur von außen, obwohl im Inneren sogar eine kleine Ausstellung auf mich gewartet hĂ€tte. Auch im Morioka Castle Site Park war ich unterwegs, den ich ganz nĂŒchtern einfach als… einen Park beschreiben wĂŒrde. Und die alte Feuerwache ist eben genau das. Eine alte Feuerwache.

Versteh mich nicht falsch. All diese Orte sind wunderschön anzusehen und viele Reisende werden dort sicherlich auf ihre Kosten kommen. Mich persönlich begeistern Museen, BacksteingebÀude oder riesige Parkanlagen allerdings nur selten, ganz egal, in welchem Land ich unterwegs bin.

Ich liebe vielmehr das ganz normale Leben. Einfach zwischen den HĂ€usern umherzulaufen, mich in einer Einkaufsstraße zu verlieren, einen Supermarkt zu entdecken, den höchsten Turm der Stadt zu finden oder stundenlang in einem CafĂ© zu sitzen. Genau das mache ich ĂŒbrigens auch gerade, wĂ€hrend ich diese Zeilen schreibe.

Apropos CafĂ©s. Davon gibt es in Morioka erstaunlich viele. Und noch etwas ist mir aufgefallen. Ein großer Teil davon gehört zur sogenannten Third Wave Coffee „Bewegung“, also der dritten Kaffeewelle. Die ist mir seit Taiwan ein Begriff obwohl es sie schon seit ĂŒber 25 Jahren gibt.

WĂ€hrend frĂŒher Kaffee oft einfach nur ein GetrĂ€nk war, steht bei der dritten Kaffeewelle das Handwerk im Mittelpunkt. Die Herkunft der Bohnen, der Röstgrad und selbst die Art des AufbrĂŒhens spielen eine große Rolle. Statt möglichst schnell einen Kaffee zu servieren, nehmen sich die Baristas bewusst Zeit. HĂ€ufig wird der Kaffee von Hand als Pour Over aufgebrĂŒht und jede Bohne soll ihren eigenen Charakter entfalten. Fast ein bisschen so, wie guter Wein seinen eigenen Jahrgang und seine eigene Geschichte erzĂ€hlt.

Genau deshalb findet man in Morioka so viele kleine, unabhĂ€ngige CafĂ©s mit ganz eigener Persönlichkeit. Manche wirken modern und minimalistisch, andere fast wie ein gemĂŒtliches Wohnzimmer. Gemeinsam haben sie aber, dass Kaffee hier nicht einfach nur Koffein ist, sondern ein Erlebnis.

Mount Fuji

Der Fuji-san steht natĂŒrlich nicht in Morioka. DafĂŒr gibt es hier den gut 2.000 Meter hohen Berg Iwate, der aufgrund seiner ebenfalls fast perfekten Form, liebevoll auch als „Fuji von Morioka“ bezeichnet wird. Und eines scheinen sich die beiden Berge tatsĂ€chlich zu teilen. Ihre scheue Art. Denn selbst an sonnigen Tagen verstecken sich beide nur allzu gerne hinter einer dichten Wolkendecke und lassen einen oft nur erahnen, dass sie ĂŒberhaupt da sind.

Falls du ihn zu Gesicht bekommst, kannst du den Berg Iwate natĂŒrlich auch besteigen oder ihn einfach aus der Ferne bestaunen. Meiner Meinung nach gelingt das besonders gut vom MALIOS-GebĂ€ude aus. Im 20. Stock befindet sich ein kostenloses Tenbƍdai (ć±•æœ›ć°), also eine Aussichtsplattform mit genĂŒgend Sitzgelegenheiten, um den Ausblick in Ruhe zu genießen.

Außerdem gibt es dort GetrĂ€nke und kleine Speisen. Das Restaurant war bei meinem Besuch allerdings geschlossen.

Bevor du fragst…

NatĂŒrlich gibt es auch in Morioka Tempel und Schreine. Sogar ein ganzes Tempelviertel. Und sie sind ohne Zweifel einen Besuch wert.

Aber in jedem Beitrag ĂŒber Japan zu erwĂ€hnen, dass es dort Tempel gibt und welche, wĂ€re ungefĂ€hr so, als wĂŒrde man in jedem Beitrag ĂŒber das Meer erwĂ€hnen, dass dort Wasser ist. Tempel und Schreine gehören in Japan einfach zum Alltag. Man findet sie in MillionenstĂ€dten genauso wie in kleinen Dörfern irgendwo zwischen Reisfeldern und Bergen. Und wenn du Zeit hast, schau sie dir unbedingt an. Aber sie sind fĂŒr mich nicht der Grund, warum man nach Morioka reisen sollte.

Das ist und bleibt Morioka selbst!

Komm auch nach Morioka 🙂

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