Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Mein Traum, 2025 für einige Zeit in Japan zu leben, liegt längst hinter mir, und auch mein neuer Traum, innerhalb von anderthalb Jahren drei weitere Orte in Asien zu bereisen, die mich schon so lange faszinieren, erfüllt sich gerade Stück für Stück. Taiwan liegt inzwischen seit einigen Monaten hinter mir, die Flugtickets nach Japan warten bereits auf ihren Einsatz und auch die Flugtickets nach Südkorea liegen schon auf meinem Schreibtisch. Wie eine Erinnerung an einen Traum, der noch gar nicht geträumt wurde.
Man könnte meinen, meine Gedanken würden gerade zwischen drei Orten hin und her springen. Zwischen den Nachtmärkten Taiwans, den Straßen Seouls und den vertrauten Gassen Japans.
Doch das tun sie nicht!
Das Gefühl ist ein anderes
Denn während ich mich auf jedes dieser Länder freue, zieht es mich immer wieder an denselben Ort zurück. Nach Kawagoe. Zu Freunden. Zu Erinnerungen. Zu einer kleinen Wohnung, die für Außenstehende kaum etwas Besonderes sein dürfte und die für mich dennoch zu einem der wichtigsten Orte meines Lebens geworden ist.
In wenigen Wochen sitze ich also wieder im Flugzeug Richtung Japan. Eigentlich ist das ein Satz, den ich inzwischen schon mehr als einmal geschrieben habe, und doch fühlt er sich dieses Mal anders an. Vielleicht liegt es daran, dass die Vorfreude größer ist als sonst. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen weiß, was mich erwartet. Wahrscheinlich liegt es aber vor allem daran, dass ich nicht einfach nur in ein Land zurückkehre, das ich liebe, sondern zu Menschen, die längst zu Freunden geworden sind.
Wenn ich Japan als meine Herzensheimat bezeichne, dann meine ich damit längst nicht mehr nur die Tempel, die kleinen Gassen, die Bahnhöfe, die Geräusche der Züge oder die Landschaften, die mich seit Jahren faszinieren. All diese Dinge sind wunderschön und gehören selbstverständlich dazu, aber sie sind nicht mehr der eigentliche Grund, warum sich die Rückkehr für mich wie Heimkommen anfühlt. Heimat entsteht nicht durch Gebäude oder Straßenschilder. Heimat entsteht durch Menschen. Durch Begegnungen, durch unvergessliche Momente, die schließlich wunderschöne Erinnerungen wurden. Und nicht zuletzt, durch das Gefühl, an einem Ort erwartet zu werden.
Alles auf Anfang
Dieses Mal wohne ich wieder in derselben Wohnung, in der 2025 mein Abenteuer Japan begonnen hat. Damals war alles neu. Die ersten Schritte in einem Land, das ich bis dahin nur als Besucher gekannt hatte. Die ersten Wochen mit dem Gedanken, vielleicht eines Tages dauerhaft auszuwandern. Die ersten Erfahrungen mit einem Alltag, der plötzlich nicht mehr aus Urlaub bestand. Wenn ich heute daran zurückdenke, wirkt vieles gleichzeitig unglaublich weit entfernt und erstaunlich nah.
Die Wohnung gehört meinem ersten Vermieter. Wobei ich dieses Wort – Vermieter – eigentlich nicht mehr verwenden möchte. Es beschreibt eine Beziehung, die in der Form vielleicht nie existiert hat. Vermieter war er vielleicht am ersten Tag. Danach wurde er zu einem Freund. Zu einem Menschen, ohne dessen Unterstützung meine Zeit in Japan völlig anders verlaufen wäre.
Seit meiner Rückkehr nach Deutschland ist kein einziger Tag vergangen, an dem unser Kontakt vollständig abgerissen wäre. Trotz der tausenden Kilometer Entfernung, trotz der Zeitverschiebung und trotz der Tatsache, dass wir auf unterschiedlichen Kontinenten leben, ist unsere Freundschaft nicht schwächer geworden. Im Gegenteil. Sie ist gewachsen. Vielleicht sogar gerade deshalb, weil sie nie selbstverständlich war. Jedes Gespräch, jede Nachricht und jedes gemeinsame Lachen mussten die Distanz überwinden, und doch hat sich nie das Gefühl eingestellt, dass zwischen uns tatsächlich tausende Kilometer liegen.
Wenn ich an das Jahr 2025 zurückdenke, denke ich unweigerlich auch an die Not-Operation. Es war eine Erfahrung, auf die ich liebend gern verzichtet hätte, die aber dennoch zu den prägendsten Erinnerungen meiner Zeit in Japan gehörte und irgendwie auch zu einer der Schönsten. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus einem aufregenden Auslandsaufenthalt eine Situation, in der plötzlich ganz andere Dinge wichtig waren. Gesundheit. Unterstützung. Vertrauen. Menschen, auf die man sich verlassen kann. Japan hat mich damals schneller in seinen Alltag geworfen, als mir lieb war. Während andere vielleicht Monate brauchen, um wirklich anzukommen, wurde ich innerhalb weniger Tage gezwungen, mich auf ein Leben einzulassen, das mit meinen ursprünglichen Plänen kaum noch etwas gemeinsam hatte.
Vielleicht war genau das der Moment, in dem Japan für mich mehr wurde als nur ein Land, das ich gern besuche. Denn wenn man schwierige Zeiten an einem Ort erlebt und trotzdem mit Wärme auf ihn zurückblickt, dann ist daraus längst etwas anderes geworden. Wenn ich heute an die Unterstützung meines Freundes und all der anderen Menschen vor Ort denke, an die Hilfsbereitschaft der der liebvollen Menschen in der Klinik und die Selbstverständlichkeit, mit der sie für mich da waren, dann merke ich, wie dankbar ich dafür noch immer bin. Es gibt Erinnerungen, die einen ein Leben lang begleiten, und diese Zeit gehört für mich dazu.
Gleichzeitig wartet dieses Mal auch etwas völlig Neues auf mich. Tatsächlich kehre ich zu einer Jahreszeit zurück, die ich bisher noch nie in Japan erlebt habe. Juni und Juli zählen zu den Monaten, die auf meiner persönlichen Japan-Karte bisher noch leer geblieben sind. Das wird sich nun ändern. Ob das eine gute Idee ist, wird sich zeigen. 😂 Schon im September habe ich in Tokyo regelmäßig das Gefühl gehabt, langsam zu einer menschlichen Pfütze zu werden. Der japanische Hochsommer besitzt einen Ruf, der selbst erfahrenen Japanreisenden Respekt einflößt. Wahrscheinlich werde ich nach den ersten Tagen verstehen, warum. Noch bin ich optimistisch. Fragt mich dieselbe Frage nach einer Stunde Fußweg durch die feuchte Sommerluft Tokyos noch einmal.
Neben Kawagoe, dem Ort an dem ich wohne, zieht es mich dieses Mal aber auch deutlich weiter in den Norden. Schuld daran trägt ausnahmsweise kein Reiseführer und auch keine Dokumentation, sondern ein Roman. Vor einigen Wochen habe ich „Heimkehr nach Morioka“ von Yuki Ibuki gelesen. Manche Bücher erzählen eine Geschichte. Andere erschaffen einen Ort. Dieses Buch hat letzteres geschafft. Mit jeder Seite wurde meine Neugier größer und irgendwann verwandelte sie sich in eine Sehnsucht, die ich nur schwer beschreiben kann, wie so oft in eine Tatsache. Also reise ich natürlich nach Morioka.
Natürlich spielt auch das Essen eine Rolle. Wer das Buch gelesen hat, wird verstehen, warum. Die Beschreibungen der Jajamen waren derart lebendig, dass ich irgendwann nicht mehr wusste, ob ich wegen der Geschichte weiterlesen wollte oder weil ich plötzlich Hunger bekommen hatte. Vermutlich beides. Zwei oder drei Tage werde ich deshalb in Morioka verbringen. Ich möchte durch die Straßen laufen, die Atmosphäre der Stadt auf mich wirken lassen und jeden Morgen den Berg Iwate sehen, der über der Region wacht. Vielleicht werde ich feststellen, dass meine Vorstellung von Morioka völlig falsch war. Vielleicht werde ich mich sofort in die Stadt verlieben. Beides gehört zum Reisen dazu und ich bin mir sicher, ich werde mich verlieben 😅 …wenn ich das nicht schon getan habe.
Ebenfalls wie immer, ist die Liste meiner geplanten Ziele viel länger als die verfügbare Zeit. Irgendwann habe ich aufgehört, mich darüber zu ärgern. Es ist wahrscheinlich sogar ein gutes Zeichen. Solange die Liste länger wird, gibt es immer noch Gründe zurückzukehren und irgendwann Wurzeln zu schlagen. Immer mehr Orte, die auf mich warten. Immer neue Bahnhöfe, an denen ich noch nie ausgestiegen bin, Straßen, die ich noch nie entlanggelaufen bin, und Restaurants, in denen ich noch nie gegessen habe. Meine Vorfreude steigt allein beim Schreiben darüber ins Bodenlose.
Und vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich Japan so sehr liebe. Selbst nach Monaten im Land habe ich nie das Gefühl gehabt, auch nur annähernd fertig zu sein. Hinter jeder Ecke scheint schon die nächste Geschichte zu warten. Jeder Plan wird irgendwann von einem ungeplanten Umweg ersetzt. Rückblickend waren es immer diese ungeplanten Momente, die mir am längsten in Erinnerung geblieben sind.
In wenigen Wochen beginnt also das nächste Japan-Kapitel. Ich freue mich auf vertraute Gesichter, auf alte Erinnerungen und auf das Gefühl, wieder durch Straßen zu laufen, die mir inzwischen genauso vertraut sind wie manche Orte in Deutschland. Doch vor allem freue ich mich aber auf die Menschen, die aus Japan weit mehr gemacht haben als ein Reiseziel – eine Heimat.
Es geht wieder nach Hause.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt sich dieser Satz nicht wie eine Metapher an.
